Sie surfen jetzt langsamer

@ctmagazin | Editorial

Mein aktuelles Smartphone unterstützt LTE, besitzt ein 5 Zoll großes Full-HD-Display und etliche weitere Vorzüge, weshalb es immer im Dienst ist. Ich kommuniziere viel und gerne und vertreibe Leeerlaufphasen mit News-Apps, sozialen Netzwerken und Instant-Messaging. Langweile gibts genug: an der Bushaltestelle, beim Zahnarzt, in der Besprechung, beim Telefonat mit der Agentur, bei einer Zigarette auf dem Balkon während einer langweiligen Geburtstagsfeier oder zum Checken der nächsten Optionen, so lange das Date sich kurz frisch macht.

Der superschnelle neue mobile Fernsprecher bereichert mein Leben aber nicht nur, er hat verglichen mit seinem lahmen Vorgänger auch einen Haken. Dank LTE fühle ich mich jüngst wieder an längst vergangene Studententage erinnert, in denen ich zum Ende des Monats nur noch von Instant-Asia-Nudeln, Toastbrot mit Nutella und billigem Dosenbier lebte. Denn am Ende des Monats wurde das Geld knapp.

Zehn Jahre später ist vieles anders, aber nicht alles besser. Mal habe ich schon zur Mitte, spätestens aber zum Zwanzigsten des Monats mein armseliges Datenvolumen weggesurft. Die Geschwindigkeit der Datenanbindung hat mein Mobilfunkanbieter kontinuierlich erhöht, die monatlich versurfbare Datenmenge aber bei knickerigen 500 MByte belassen. Namen muss ich nicht nennen - die Situation verbindet Kunden aller Provider, so wie sonst nur der Eurovision Song Contest oder die Fußball-WM die Massen zusammenbringt.

Weil die gleich große Gießkanne mit größerer Öffnung schneller leer ist, soll ich regelmäßig aufstocken: "Surfen Sie einfach wie gewohnt, indem sie noch mal 500 MB für 5 Euro für den laufenden Monat buchen. Zum Buchen antworten Sie mit JA auf diese SMS." Nein! Statt die Leistung an aktuelle technische Bedingungen anzupassen, wird mein Vertrag de facto um fünf Euro teurer. Da mitzumachen verbietet sich aus Stolz.

Also: trotziges Warten auf den nächsten Ersten. Reflexe wie zu Toastbrotzeiten werden wach: kein YouTube mehr über Mobilfunk, Video-Auto-Play in Facebook deaktiviert, lokal gespeicherte Alben statt Audio-Streaming; außerdem schnorre ich WLAN bei Freunden zu Hause. Aber wie früher reichen alle Maßnahmen nicht über die volle Distanz. Soll ich wie früher, wenn nichts im Fernsehen lief, draußen mit meinen Freunden spielen? Soll ich das 56K-Modem reaktivieren? Tüt tüt tüt tüt tüt tüt tüt, briiiiiii, brüüüüü, braaaaa, boing boing, brrrrrrrrrrrr ...

Natürlich gebe ich meinen Freunden für 5 Euro ein Getränk aus, ohne mit der Wimper zu zucken, aber nicht dem Mobilfunkbetreiber, denn er ist nicht mein Freund. Freunde honorieren es nämlich, wenn man ihnen zehn Jahre lang die Treue hält. Daher werde ich meinen Vertrag kündigen. Ich habe zwar keine Lust, mich nach einem neuen Anbieter umzusehen, aber vielleicht belebt die mögliche Konkurrenz die Angebotslage beim alten.

André Kramer André Kramer

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