Android für Autos, Uhren und Fernseher

Zukunftsvision für Android von der Google I/O

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Auf seiner Entwicklermesse hat Google ein neues Oberflächendesign für Android gezeigt, das nicht nur auf Smartphones und Tablets zu sehen sein soll, sondern auch auf Smartwatches, auf Fernsehern und in Autos. Sie sollen besser zusammenspielen und einfacher bedienbar sein. Neues gab es auch zu Chromebooks, Billig-Telefonen und Chromecast.

Alles spielt zusammen – das ist die Hauptaussage der Google I/O. Den Android-Fernseher steuert man per Smartwatch, das Chromebook zeigt Smartphone-Anrufe, der Auto-Touchscreen bedient das Handy, am Tablet und TV spielt man gemeinsam Multiplayer-Games; die Smartwatch entsperrt Chromebook und Smartphone.

Allen Geräten spendiert Google die einheitliche neue Bedienoberfläche „Material Design“, die echte Gegenstände wiederspiegeln soll. Dabei geht es nicht um Grafiken mit nachgeäfftem Leder oder gebürstetem Alu, sondern um Tiefeneffekte, Schatten und Animationen.

Um dem Benutzer eine dreidimensionale Bedienoberfläche vorzugaukeln, weisen die Apps allen dargestellten Objekten eine virtuelle Höhe zu, aus der Android die Bedienoberfläche in der passenden Perspektive inklusive Schattenwurf berechnet. Aktionen des Nutzers oder des Systems sollen Animationen auslösen, die einer echten Interaktion entsprechen, beispielsweise größer oder kleiner werdende Fenster, eingedrückte Schaltflächen oder beim Antippen größer werdende Listenelemente. Es entsteht ein klares, aufgeräumtes Design mit vielen Weißräumen und (hoffentlich) sinnvollen Animationen, das an Windows Phone erinnert.

Android L und One

Einen ersten Eindruck von Material Design kann man sich auf den Android-Geräten Nexus 5 und 7 anhand der Vorabversion von Android L verschaffen, der nächsten Android-Version (siehe Kasten). Eine Milliarde Android-Geräte gäbe es inzwischen, erwähnte Google nebenher. Doch von denen profitiert auf absehbare Zeit nur ein Bruchteil von Android L, denn an den schleppenden Updates unter Mitarbeit der Gerätehersteller ändert Google nichts.

Immerhin: Google will verstärkt Funktionen in die Play-Services auslagern, die auch unter älteren Android-Versionen automatisch aktualisiert werden. Auf 93 Prozent der Android-Geräte laufe die aktuelle Version der Play-Services, das aktuelle Android 4.4 hingegen auf nur 18 Prozent. Die nächste Version 5.0 der Play Services bringt einen Dienst zur Netzwerkkommunikation, der schneller mit Sicherheits-Patches versorgt werden kann als Android selbst. Apps müssen ihn allerdings explizit benutzen.

Die Billigtelefone der neuen Serie Android One verfolgen einen besseren Ansatz: Google will sie (ähnlich wie die Nexus-Geräte) ohne Eingreifen der Hersteller direkt mit Updates versorgen. Eine Anpassung der Android-Oberfläche ist nicht vorgesehen, die Hersteller dürfen nur zusätzliche Apps installieren. Das Referenz-Design der Hardware stammt direkt von Google; das erste Modell hat ein 4,5-Zoll-Display, SD-Slot, UKW-Radio und zwei SIM-Einschübe. Drei indische Hersteller wollen mitmachen, andere Länder sollen später folgen.

Hinter Android One stecken vor allem wirtschaftliche Gründe. Das Projekt soll die Hersteller entlasten und billige Smartphones für Kunden in Schwellen- und Entwicklungsländer ermöglichen. In diesem Segment bekommt Google zunehmend Druck durch günstige Windows Phones, die Billig-Androiden von Nokia, kleinere Systeme wie Firefox OS und die Google-losen Android-Smartphones aus China.

Am Arm, beim Sport auf dem TV

Armbanduhren mit Android gibt es schon länger, die alle Funktionen übers Mini-Display nutzbar machen wollen und somit ohne Smartphone auskommen. Google selbst wählt nun einen anderen Ansatz: Smartwatches mit Android Wear sind eine Art externes Display und Mikrofon fürs Smartphone. Die Modelle LG G Watch und Samsung Gear Live kamen rechtzeitig für einen Test ins c’t-Labor, siehe Seite 54. Später im Jahr soll die Motorola Moto 360 mit schickem runden Display erscheinen.

Passend dazu will die Plattform Google Fit die Körperdaten der Nutzer einsammeln. Smartphones, Smartwatches und andere Geräte sollen Sensordaten wie Herzfrequenz, Schrittzahl oder Schlafqualität dort abliefern. Der Nutzer kann sie sich dann in Diagrammen visualisieren lassen. Mit an Bord sind auch Nike, Adidas, Runkeeper und der Waagen-Hersteller Withings.

Nach dem Scheitern von Google TV soll jetzt Android TV das Wohnzimmer erobern, eine Android-Variante, die auf Fernsehern und Settop-Boxen läuft. Das Hauptmenü blendet häufig genutzte Inhalte und Apps vor dem laufenden Fernsehprogramm ein. Die Vorschläge kommen von Google, aber auch Apps wie Maxdome oder Musik-Player können ihre Inhalte in dieses Vorschlagssystem einbinden. Bedienen soll man Android TV mit dem Smartphone oder der Smartwatch – auch per Sprache: „Zeige alle Oskar-nominierten Filme aus dem Jahr 2002“ nannte Google als Beispiel (siehe Video im Link am Artikelende).

Android TV eignet sich darüber hinaus für Multiplayer-Games. Google führte ein Basketball-Spiel vor, bei dem ein Spieler am TV gegen einen Gegner an einem Tablet antrat. Im Herbst soll Android TV nebst Rubrik im Play Store fertig sein. Fernseher mit Android TV wollen dann Sony, Sharp und TP Visions (ehemals Philips) bringen; Settop-Boxen kommen unter anderem von Razer und Asus.

Der kleine Streaming-Stick Chromecast soll durch Android TV nicht überflüssig werden, sagte Google. Er verkaufe sich nämlich blendend und die Zahl der Streaming-fähigen Apps steige rasant. Anders herum wird Android TV vom Erfolg des Zwergs profitieren, indem es zusätzlich als Chromecast-Empfänger fungiert.

Die Kopplung zwischen Smartphone und Chromecast-Stick soll zukünftig auch funktionieren, ohne dass beide im gleichen WLAN angemeldet sind. Dazu kommt erstmals Nearby zum Einsatz. Wie das genau funktioniert, erklärte Google nicht im Detail. Es kämen nicht nur GPS und WLAN-Ortung zum Einsatz, die ja beispielsweise in Mehrfamilienhäusern falsche Ergebnisse liefern können. Nearby berücksichtigt auch andere Faktoren wie Umgebungsgeräusche oder Bluetooth, um Geräte in der Nähe zu finden.

Android im Auto

Sein selbstfahrendes Auto zeigte Google auf der Entwicklerkonferenz nicht, wohl aber Android Auto. Das ist eine Schnittstelle zum Koppeln des Fahrzeug-Infotainment-Systems ans Handy. Hierbei dient ein Touchscreen im Auto als Bildschirm und Eingabegerät für Apps, die auf dem Smartphone laufen. In der Demo war das Handy per Kabel angeschlossen, von Bluetooth war keine Rede.

Video: Android Auto im Audi S3 auf der Google I/O

Apps sollen einen fürs Auto optimierten Darstellungsmodus wählen und auf Sprachbefehle reagieren. Wie das bei Maps und Music funktioniert, führte Google vor; weitere Apps wie Spotify und Messenger sind schon umgesetzt. Die Unterstützung durch die Autoindustrie ist groß, inzwischen haben sich 28 Automarken in der Open Automotive Alliance mit Google zusammengeschlossen. Ausprobieren konnten wir das kurz an einem Audi S3 (siehe Link am Artikelende).

Änderungen an der Bedienoberfläche verbietet Google übrigens bei Android Wear, TV und Auto. Google will für die Updates selbst verantwortlich sein.

Chromebooks

Neben Android leistet sich Google auch ein Betriebssystem für Notebooks, Chrome OS. Beide haben derzeit nur wenig miteinander zu tun, doch das soll sich ändern, wie eine Vorabversion des nächsten Chrome OS demonstrierte: Sie zeigte Benachrichtigungen vom Smartphone an, darunter eingehende SMS und Telefonate. Auch der persönliche Assistent Google Now hält dort Einzug. Ähnlich wie sich Android L per Bluetooth-Uhr entsperren lässt, braucht sich der Chromebook-Nutzer in Zukunft nicht mehr per Hand einzuloggen, wenn sein Smartphone in der Nähe ist.

Noch in einem frühen Stadium befindet sich ein Android-Emulator für Chrome OS, also die Möglichkeit, Android-Apps unter Chrome OS zu starten. Auf dem Desktop öffnet sich dafür ein Fenster in Smartphone- oder Tablet-Größe, in dem die Android-App läuft. Sie soll mit Maus, Tastatur und Touchscreen bedienbar sein und Zugriff auf die Hardware des Chromebooks haben, beispielsweise die Kamera. Es werden aber wohl nicht alle, sondern nur speziell dafür angepasste Android-Apps laufen.

Nichts Neues gab es zur Datenbrille Glass, nur ein schon vor der Konferenz angekündigtes kleines Update. Naja, ein bisschen Brille gab’s schon: Google verteilte einen Pappkarton mit zwei Linsen, mit denen man sich aus einem Smartphone eine VR-Brille basteln darf. Und weil man die Linsen auch einzeln bekommt, kann das sogar jedermann – siehe unser Test auf Seite 57. (jow)

Android L mit 64 Bit und Stromsparfunktionen

Ob die nächste Android-Version 4.5 oder 5.0 heißt oder ein neues Namensschema erhält, blieb ungesagt. Google sprach konsequent nur von Android L, wobei L nur der erwartete nächste Anfangsbuchstabe der bisher alphabetischen Codenamen nach Gingerbread, Honeycomb, Ice Cream Sandwich, Jelly Bean und Kit Kat ist.

Android L unterstützt 64-Bit-Prozessoren. Das ermöglicht Geräte mit mehr als 4 GByte Speicher, beschleunigt aber auch Apps, weil mehr Register und neue Maschinenbefehle vorhanden sind. Apps profitieren davon automatisch – zumindest die in Java geschriebenen Teile –, da sie auf dem jeweiligen Gerät kompiliert werden. Als Runtime-Umgebung kommt statt Dalvik nun ART (Android RunTime) zum Einsatz. Apps werden bei der Installation kompiliert, die deshalb etwas länger dauert und mehr Platz beansprucht. Danach hingegen sollen Apps schneller als bisher starten und laufen. Bei ersten Tests (siehe c’t 5/14, S. 144) war davon zwar nicht viel zu spüren, aber vielleicht profitieren 64-Bit-Prozessoren mehr.

Die 64-Bit-Demo lief auf „Project Tango“, einem Tablet mit Nvidias 64-bit-fähigem Tegra K1. Er ist der erste Prozessor, der das neue Android Extension Pack (AEP) unterstützt, eine Sammlung von APIs für Spieleprogrammierer, die PC- und Konsolen-Features wie Tesselation und Compute Shaders unter Android nutzbar macht.

Um die Laufzeit zu verlängern, soll eine neue Funktion namens Battery Saver automatisch unbenutzte Teile des Smartphones abschalten. Entwickler bekommen mit dem Battery Historian in einer Grafik detailliert aufgeschlüsselt, welche Funktionen den meisten Strom verbraucht haben.

Zur Sicherheit

Video: Vorabversion von Android L auf dem Nexus 7

Smartwatch-Nutzer können Telefon nun automatisch entsperren lassen, wenn die Uhr in der Nähe erkannt wird; darüber hinaus demonstrierte Google das Entsperren per Stimme.

Das Menü „Universal Data Controls“ fasst die Einstellungen zur Sicherheit und Privatsphäre zusammen, hier soll sich auch die Weitergabe von Bewegungsdaten kontrollieren lassen. Auch soll ein Kill Switch kommen: Damit lässt sich das Gerät nicht nur (wie jetzt schon möglich) von außen sperren und löschen, sondern die Wiederinbetriebnahme verhindern. So wird das Gerät für Diebe unbrauchbar.

Zur besseren Trennung von privaten und geschäftlichen Daten bekommt Android L ein Datencontainer-System, wozu Teile von Samsungs Knox (siehe S. 23) eingebaut werden. Unternehmen bekommen die Möglichkeit, Apps in diese Container zu installieren und Daten aus der Ferne zu löschen. Einiges davon soll für alle Geräte ab Android 4.0 verfügbar sein.

Ausprobiert

Die Previews für Nexus 5 und Nexus 7 zeigen noch nicht viel; am auffälligsten sind die drei Schaltflächen, nun einfach Dreieck, Kreis und Quadrat. Am besten kommt das neue Design im Taskmanager zur Geltung, wo die Apps nun als Schatten werfende Karten übereinanderliegen (siehe Video im Link am Artikelende). Die neue Tastatur ohne optische Trennung zwischen den Tasten wirkt anfangs unübersichtlicher.

Neu ist auch das Benachrichtigungssystem. Dessen dunkle Schublade am oberen Displayrand ist verschwunden; nun werden Meldungen heller und vor transparentem Hintergrund angezeigt. Neue Benachrichtigungen tauchen für einige Sekunden als Kachel über der aktiven App auf. Auch auf dem Sperrbildschirm werden sie angezeigt, einige bleiben bis zum Entsperren privat.

Die Schnelleinstellungen in der Statuszeile und das Einstellungsmenü wurden ebenfalls überarbeitet. Die Akkuanzeige gibt statt Prozente die geschätzte Restlaufzeit oder die verbleibende Ladedauer an und blendet das auch auf dem Sperrbildschirm ein.

Kommentar: Die Zukunft gehört Google, mein Puls gehört mir

Schon jetzt wissen Google, Apple, Samsung, LG und Co. via Smartphone über den Großteil meines Lebens Bescheid. Beunruhigend wird es, wenn die Wearables meine Körperdaten, also beispielsweise meinen Puls, direkt an die gesichtslosen Konzerne schicken – eine persönlichere Art von Daten gibt es nicht, nur meine Krankenakte. Diese Daten sind daher die Grenze meiner Privatsphäre, die ich niemanden überschreiten lasse.

Worauf wir uns dabei als Nutzer einlassen, können wir gar nicht wissen, denn die Daten hamsternden Firmen wissen es selbst noch nicht. Wir gehen einen Vertrag zu unbekannten Bedingungen ein. Die Firmen kennen hingegen meine Standorte, meine Kontakte und Nachrichten, meine Lieblingsinternetseiten und mein Konsumverhalten. Als technikaffiner Konsument lasse ich mich auf den faustischen Pakt ein und offeriere Google per Android TV meine häuslichen Lebensgewohnheiten und per Android Auto mein Verhalten beim Autofahren.

Doch was, wenn über Smartwatches und Fitnessarmbänder meine Körperdaten dazukommen? Die Wearables schicken Informationen heraus, die ich sonst komplett geheim halten konnte, beispielsweise, wann ich nervös bin, wann ich mich anstrenge und wann ich erschöpft bin. Die aktuellen Modelle erfassen zwar nur den Puls und die gelaufenen Schritte. Aber das reicht schon, um einen Tagesplan meines Gemütszustandes zu erstellen: Was kann man daraus schließen, wenn mein Puls regelmäßig steigt, sobald ich zu Hause Zeit mit meinem Lebenspartner verbringe? Was daraus, wenn mein Puls auf Ruheniveau fällt, sobald ich am Arbeitsplatz ankomme?

Irgendwann werden unweigerlich auch meine Körperdaten in den Äther geblasen, durch irgendein trendiges Gadget, eine App oder weil mein Arzt eine Google Glass trägt. Bis es so weit ist, gehört dieser persönlichste Teil meiner Daten aber mir und geht keine Armbanduhr etwas an. (Hannes Czerulla)

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