Schöne neue Medien-Welt

@ctmagazin | Editorial

Unser Haushalt ist endlich in der Gegenwart angekommen. Fernsehen kommt per IPTV übers Internet, ein netzwerkfähiger AV-Receiver verbindet das Heimnetz mit dem Fernseher. Das uralte HP Touchpad, dank Android wieder zu einem nützlichen Mitglied der digitalen Gesellschaft mutiert, serviert die Musiksammlung per UPnP AV/DLNA.

Leider, so stellt sich schnell heraus, mag der AV-Receiver kein Ogg Vorbis. Die gerippten CDs aus der Zeit, als Ogg Vorbis noch eine Chance gegen MP3 zu haben schien, spielt er also nicht ab. Noch doofer: Der AV-Receiver nimmt auch keine Videos aus dem Netz an (wofür steht eigentlich das „V“ in AV?).

Aber das Smart-TV kann ja auch Videos übers Netz abspielen, wenn man es ans LAN anschließt. (WLAN beherrscht der Fernseher nämlich nur mit wenigen ausgewählten – sprich: teuren – WLAN-Sticks.) Den für das nunmehr dritte Netzwerkgerät im Wohnzimmer nötigen Switch und den damit verbundenen Kabel-Verhau kann man ja prima hinter dem wuchtigen AV-Receiver verstecken.

Allerdings klingt der Fernseher-Sound arg dünn, daher muss zusätzlich zu dem HDMI-Kabel zwischen Receiver und TV ein Digital-Audio-Kabel vom Smart-TV zurück zum AV-Receiver verlegt werden. Langsam wird es eng hinter der Wohnzimmer-Elektronik, aber dafür können die Kinder jetzt Videos mit wohnzimmerfüllender Lautstärke vom Smartphone auf den Fernseher beamen.

Theoretisch jedenfalls. In der Praxis erweist sich der Fernseher als empfindliche Diva und akzeptiert die angelieferten Video-Formate nur nach Tagesform. Die ist leider häufig schlecht, und dann spielt das Video nicht. Natürlich immer dann, wenn Besuch mit den Wundern moderner Technik beeindruckt werden soll. Schöne neue Medien-Welt: Die Hersteller von Unterhaltungselektronik prahlen mit Heimnetzanbindung und Streaming, mit Internet-Zugriff und Fernsteuerung per App – und verbocken es dann mit grottiger Software und Inkompatibilitäten an allen Ecken und Enden.

Mein pragmatischer Ausweg aus dem Kuddelmuddel: ein Raspberry Pi mit XBMC und einem billigen WLAN-Stick vom Grabbeltisch. Der spielt alle Audio- und Video-Formate ab, die man ihm vorwirft – egal, ob per DLNA, AirPlay oder vom NAS. AV-Receicer und Smart-TV hängen gar nicht mehr am Netz, der Switch ist weg; und endlich funktioniert alles so einfach, wie es Samsung und Co. versprechen. Den grauenhaften Apps auf dem Smart-TV weint niemand eine Träne nach, und Musik aus dem Netz kann XBMC auch besser als der AV-Receiver. Das Kistchen für 30 Euro mit freier Software lässt die teure Unterhaltungselektronik ganz schön alt aussehen.

Dr. Oliver Diedrich Dr. Oliver Diedrich

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