Das Freemium-Anti-Chromebook-Windows

Notebooks und PCs unter 300 Euro dank Windows 8.1 mit Bing

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Nur 14 Prozent Marktanteil habe Windows laut Microsoft, wenn man zu Notebooks und PCs auch Smartphones und Tablets hinzurechnet. Bei letzteren gibt es den größten Aufholbedarf, doch auch bei Notebooks und PCs muss Microsoft handeln, um gegen die wachsende Konkurrenz von Chrome OS zu bestehen. Richten soll es Windows Bing.

Microsoft hat im Frühjahr Windows 8.1 mit Bing angekündigt, eine Version mit besonders geringen Lizenzkosten für Tablets und billige PCs. Jetzt haben wir das erste Notebook mit dem Bing-Windows getestet (siehe Seite 42) und das Betriebssystem – vergeblich – nach Einschränkungen durchforstet (siehe Kasten). Auch dass dieses erste Bing-Notebook ein 15,6-Zöller ist, macht Microsofts Strategie klarer: Die Bing-Version soll nicht nur billige Windows-Tablets ermöglichen, sondern auch Notebooks und PCs in einem ganz neuen Marktsegment stärken, nämlich unter 300 Euro.

Dieses Superbillig-Segment gewinnt gerade erst an Bedeutung. Bisher gibt es hier keine Geräte mit Windows zu kaufen, sondern nur mit nutzlosem FreeDOS oder unangepasstem Linux. Inzwischen sind auch ein paar Chromebooks und Chromeboxen unter 300 Euro erhältlich (siehe Seite 56). Interessant ist, dass Microsoft nicht das zu Chrome OS mehr oder weniger funktionsgleiche Windows RT ins Rennen schickt, sondern ein vollwertiges Windows. Auf den ersten Blick ist das sogar kontraproduktiv, weil Microsoft die Hersteller zu x86-Hardware zwingt, statt ihnen Geräte mit ARM-Prozessoren zu ermöglichen.

Doch Microsoft zieht die richtige Lehre aus den 14 Prozent Marktanteil, die das Unternehmen auf der Keynote zur Worldwide Partner Conference (WDC) selbst vorrechnet. Die über 90 Prozent Marktanteil nur bei PCs und Notebooks gehen an der Realität vorbei, dass Nutzer zunehmend auch klassische PC-Aufgaben mit ihrem Tablet oder Smartphone erledigen. Sie verbringen immer mehr Zeit mit den Mobilgeräten und geben für sie mehr Geld aus als für PCs.

Vorteile von Chrome OS

Das heißt nicht, dass PCs und Notebooks aussterben, sie werden in vielen Bereichen unersetzbar bleiben. Aber das bedeutet, dass sie seltener eingeschaltet werden und die Abstände zwischen Neukäufen wachsen. Immer weniger Käufer brauchen zudem einen hochwertigen PC.

Chrome OS profitiert davon in zweifacher Hinsicht: Es benötigt weniger Wartung, was sich vor allem bei gelegentlicher Benutzung bemerkbar macht. Und der Nachteil, dass es kaum lokale Daten und Anwendungen unterstützt, verliert an Gewicht, da immer mehr Daten ohnehin in die Cloud wandern.

In den USA hat Chrome OS einen Anteil von 30 Prozent bei Business- und rund fünf Prozent bei Privatkäufern, Tendenz steigend. Für Deutschland gilt das allerdings nicht, auch aufgrund der geringeren Verbreitung von öffentlichen WLANs und der Vorbehalte gegen Cloud-Dienste – vor allem gegen solche, die Daten auf US-Servern speichern.

Der Freemium-Trick

Chrome OS hat also genügend Schwachpunkte, an denen Microsoft ansetzen kann: Windows Bing erlaubt die Installation sämtlicher vertrauer Anwendungen; man muss nicht wie bei Chrome OS und Windows RT auf zukünftige Webdienste oder Touch-Apps warten. Anders als Chrome OS ist Windows ohne Internetverbindung und Zwang zur Cloud produktiv nutzbar.

Anders als bei Windows 7 Starter, das es früher auf Netbooks gab, sind damit keine knauserigen Hardware-Beschränkungen verbunden. Interessanterweise kostet das 15,6-Zoll-Notebook mit Windows Bing sogar weniger als die 14-Zoll-Chromebooks. Auch die Bing-Tablets dürften billiger sein als manches Mittelklasse-Tablet mit Android.

Und dann gibt es da noch einen feinen Unterschied, durch den Microsoft sogar Geld mit Windows Bing verdienen könnte: Installiert ist anders als bei Windows 7 Starter oder Windows RT das nur mit Abo benutzbare Office 365. Wer nicht eine andere Office-Software nutzt (oder mit der Cloud-Lösung Office.com lebt), darf so in bester Freemium-Game-Strategie Excel und Word 60 Tage lang hochleveln, bevor das Abo fällig wird. Statt einmalig vom Gerätehersteller ein paar Dollar zu kassieren, kriegt Microsoft so vom Anwender 7 Euro. Jeden Monat. (jow)

Bing ist Core

Bislang war die günstigste Edition von Windows 8.1 jene, die die Entwickler intern als Core bezeichnen. Sie hat einen geringeren Funktionsumfang als die Pro und Enterprise, ist für den heimischen Einsatz üblicherweise aber ausreichend. Jetzt gibt es eine weitere Edition: „Windows 8.1 mit Bing“, gedacht für Billig-PCs, -Notebooks und Tablets. Die PC-Hersteller kriegen sie für Tablets bis 9 Zoll umsonst; für Billiggeräte bis angeblich 250 US-Dollar sollen geringe oder keine Kosten anfallen – Details nennt Microsoft nicht. Die Hersteller brauchen nichts anderes zu tun, als die voreingestellte Bing-Suche im Internet Explorer in Ruhe zu lassen. Der Kunde kann sie wie gewohnt nach Belieben ändern und andere Browser installieren.

Wer nun erwartet, dass das Bing-Windows woanders abgespeckt hat, geht fehl: Unterschiede im Funktionsumfang haben wir nicht gefunden; die Liste an Funktionen, die der Befehl dism /online /get-features (braucht eine mit Administratorrechten laufende Eingabeaufforderung) ausspuckt, ist die gleiche wie bei Core. Die Einschränkungen der Starter-Edition von Windows 7 sind nicht vorhanden, beispielsweise externe Monitore nicht im erweiterten Modus anzusteuern.

Identifizierbar ist die neue Edition lediglich in der Systemsteuerung unter System, wo der Name genannt wird, sowie in der Registry unter HKLM\SOFTWARE\Microsoft\Windows NT\CurrentVersion. Dort steht beim Bing-Windows als EditionID „CoreConnected“ und als ProductName „Windows 8.1 Connected“. Außerdem akzeptiert ein 8.1-Core-Setup-Medium den Produkt-Schlüssel einer Bing-Edition nicht. (axv)

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