Der NSA den Kampf angesagt

Das Datenschutz-Handy Blackphone im Test

Test & Kaufberatung | Test

Das Blackphone will seinem Nutzer den Ausstieg aus der Überwachungsgesellschaft ermöglichen. Und das ausgerechnet auf dem Android-Betriebssystem der Datenkrake Google.

Die Schweizer Firma SGP Technologies will mit ihrem Blackphone eine Alternative zur Totalüberwachung der herkömmlichen Smartphones bieten. Sie ist ein Zusammenschluss des Herstellers Geeksphone und der Macher des Krypto-Messengers Silent Circle. Als Betriebssystem des Blackphone dient die eigene Android-Distribution PrivatOS auf Basis von Googles Android Open Source Project (AOSP). Mit dieser nimmt sich SGP die Datensammelei von Google & Co. zur Brust. Ab Werk kommt das Gerät ganz ohne Google-Apps aus – Play, GMail, Maps et cetera fehlen. Das heißt allerdings auch, dass es keine einfache Möglichkeit gibt, Apps zu installieren, da kein App-Store auf dem Gerät vorhanden ist. Die vorinstallierte Auswahl ist für ein Smartphone äußerst mager. Im Auslieferungszustand kann man verschlüsselt kommunizieren, im Internet surfen, Fotos machen und Musik hören. Will man zusätzliche Programme nutzen, muss man die Installation von Apps aus Drittquellen aktivieren. Dann lassen sich auch alternative App-Stores, etwa der von Amazon, installieren und nutzen.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass eben jenes Installieren aus Drittquellen eines der größten Sicherheitsrisiken auf Android-Geräten darstellt und der meiste Schadcode genau so aufs Handy gelangt. Hat man die gewünschten Apps installiert, sollte man aus diesem Grund die Funktion auf jeden Fall direkt wieder deaktivieren.

Zu den AOSP-Apps gesellen sich ein von SGP modifizierter Konfigurationsassistent und das Sicherheitscenter – hier kann man sowohl die Daten des Telefons verschlüsseln als auch die Android-Berechtigungen aller Apps einzeln anpassen. Die bei Android übliche Remote-Wipe-Funktion ermöglicht das Löschen des Gerätes aus der Ferne, wenn es in die falschen Hände gerät. Und natürlich sind auch die verschlüsselte Telefonie- sowie die Messenger-App von Silent Circle vorinstalliert; zum Kaufpreis gehört ein Zwei-Jahres-Abo für deren Nutzung.

Software vom PGP-Erfinder

Der eigentliche Clou sind die verschlüsselnden Apps von Silent Circle. Silent Phone kann über das SIP-Protokoll verschlüsselte Sprach- und Videoanrufe mit anderen Silent-Phone-Nutzern abwickeln. Der Begleiter Silent Text stellt eine äquivalente verschlüsselnde Lösung für Textnachrichten dar. Silent Contacts dient beiden Apps als verschlüsselter Aufbewahrungsort für Kontakte.

Neben dem Abo für die auf dem Gerät installierten Silent-Circle-Apps erhält der Käufer auch drei weitere Lizenzen, mit denen Freunde oder Verwandte die Apps ebenfalls ein Jahr lang nutzen können. Die Aktivierung dieser Abos stellte sich in unseren Tests allerdings als etwas umständlich heraus. Dazu muss sich der Freund erst bei Silent Circle registrieren und man selbst muss sich dann im Web-Interface der Firma einloggen und einen der drei dort angezeigten Gutschein-Codes an den Freund schicken. Dem Gerät eine Erklärung dieses Prozederes beizulegen hätte sicher nicht geschadet.

Android- und iOS-Benutzer können die Apps auch installieren, ohne ein Blackphone kaufen zu müssen. Allerdings wird dann ein monatlicher Betrag fällig. Die günstigste Variante, mit der man nur mit anderen Silent-Circle-Nutzern kommunizieren kann, kostet 10 US-Dollar im Monat. Will man (unverschlüsselt) mit normalen Telefonanschlüssen reden, muss man zusätzlich je nach verbrauchten Gesprächsminuten zahlen.

Silent Circle wurde von Phil Zimmermann mitbegründet; er ist als Erfinder des Verschlüsselungsverfahrens PGP bekannt. Ziel der Firma ist nach eigenen Angaben, verschlüsselte Kommunikation alltagstauglich zu machen. Durch Zimmermanns Beteiligung kann die Firma einen namhaften Kryptoexperten vorweisen, allerdings lässt die Dokumentation der von den Apps eingesetzten verschlüsselnden Infrastruktur zu wünschen übrig. Silent Phone und Silent Text seien Ende-zu-Ende verschlüsselt, heißt es. Überprüfen lässt sich das allerdings nur schwer. Immerhin sieht der Datenverkehr zwischen dem Gerät und den Silent-Circle-Servern auf den ersten Blick mit dem Packet-Sniffer wasserdicht aus.

Außerdem im Lieferumfang des Blackphone enthalten sind 5 GByte verschlüsselter Cloud-Speicher von SpiderOak und die Nutzung des kostenlosen VPN-Dienstes Disconnect. Disconnect ist kein vollwertiges VPN, sondern leitet allenfalls Anfragen an Suchmaschinen über seine Server, um den Nutzer zu anonymisieren. Mit der kostenlosen App Smarter WiFi Manager lässt sich das Verhalten des Handys in WLAN-Netzen steuern: So kann etwa verhindert werden, dass das Gerät sich mit Netzen automatisch verbindet und Informationen über das Gerät an WLAN-Zugangspunkte weitergibt, denen der Nutzer nicht vertraut.

Hardware

Eigentlich spielt die Hardware des Blackphone nur eine Nebenrolle. Entsprechend unspektakulär fällt sie aus: Das schwarze Gehäuse könnte kaum schlichter sein. Nur ein winziges Emblem auf der Rückseite weist auf den Hersteller hin. Mit HD-Display (1280 × 720), einem auf 2 GHz getakteten Quad-Core-Prozessor und 1 GByte RAM kann das Smartphone höchstens mit Konkurrenten mithalten, die halb so teuer sind. Im Vergleich zu Full-HD-Bildschirmen wirkt Schrift etwas unschärfer, wirklich pixelig ist die Anzeige aber nicht. In den Disziplinen Helligkeit und Blickwinkelstabilität begeistert das Blackphone ebenfalls nicht. Beides stört im Alltag aber nicht wirklich und der Bildschirm bleibt auch bei Sonnenschein einigermaßen gut ablesbar. Eine Seltenheit ist der Chipsatz Tegra 4i von Nvidia – bislang wurde er nur in wenige Smartphones und Tablets eingebaut. Bis auf einige Details wie dem integrierten LTE-Modem entspricht er seinem Vorgänger Tegra 3. Die Benchmark-Ergebnisse liegen etwa auf dem Niveau der High-End-Smartphones des vorigen Jahres. Für ein flüssiges Android-System und Ausflüge ins Internet reicht das locker.

Eine Kamera in einem Sicherheits-Smartphone ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Im Blackphone sitzen wie in jedem anderen modernen Smartphone eine auf der Vorderseite und eine auf der Rückseite. Die rückseitige 8-Megapixel-Knipse ist für Schnappschüsse zu gebrauchen, aber kaum für mehr. Fürs Fokussieren braucht sie eine gefühlte Ewigkeit (>1 Sekunde). Auf hellen Flächen taucht ein Blaustich auf, und da der Kontrastumfang zu niedrig ist, sind schattige Motive zu dunkel und helle überstrahlt. Generell sind die Bilder zu dunkel und rauschen. Positiv zu erwähnen ist der Bildstabilisator für Videoaufnahmen: Er stabilisiert das Bild so zuverlässig, dass man sogar beim Laufen ruhige Full-HD-Videos drehen kann.

Die Laufzeiten liegen im Smartphone-Durchschnitt. Ein Video läuft beispielsweise gute 8 Stunden. Nach einem Tag durchschnittlicher Benutzung muss das Blackphone – wie die meisten seiner Konkurrenten – wieder an die Steckdose. Zwar reicht die Rechenleistung des Nvidia-Chips auch für grafiklastige 3D-Spiele, nach wenigen Minuten bekommt das Gerät aber Hitzeprobleme und taktet die CPU herunter. Die Framerate sinkt dann auf ein unspielbares Niveau.

Eine Software-Vertriebsmaschine

Das Blackphone wirkt wie die Handy-Variante des Kindle-Geschäftsmodells von Amazon: Im Mittelpunkt steht der Vetrieb von Software. Wer das Blackphone kauft, erhält mittelmäßige Hardware und bindet sich an die Apps von Silent Circle.

Alternativ können interessierte Tüftler ein Smartphone mit einer Google-freien Custom-Firmware wie CyanogenMod installieren und dann die Blackphone-Apps händisch einspielen. Die Verwaltung der App-Berechtigungen bringt CyanogenMod von Haus aus mit und auch die Verschlüsselung des Telefonspeichers und ein VPN lassen sich mit Android-eigenen Funktionen lösen. Installiert man dann die Silent-Circle-Apps, SpiderOak und den Smarter WiFi Manager, hat man sämtliche Funktionen des Blackphone dupliziert. Eine Remote-Wipe-Funktion gibt es bei CyanogenMod ebenfalls. Auf diesem Weg hätte man dann viel mehr Auswahl bei der Hardware.

Fazit

Wer die über sechshundert Dollar für ein Blackphone auf den Tisch legt, bekommt immerhin ein Gerät, auf dem alles schon eingerichtet und besser integriert ist. Dafür muss man dann mit der unspektakulären Hardware leben. Ein besseres Argument sind da die Abos für die Silent-Circle-Apps, die allein schon 600 US-Dollar kosten. Hier lässt sich Geld sparen, andererseits bindet man sich für Jahre an Silent Circle. Besonders auf dem schnelllebigen Messenger-Markt sollte man sich das zweimal überlegen. Das Blackphone ist sicher ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Doch dem Ausspioniertwerden kann man so keineswegs vollständig entrinnen. Verschlüsselte Kommunikation funktioniert schließlich nur, wenn beide Gesprächspartner zueinander kompatible Software nutzen, und das wird bei Abodiensten wie den Silent-Circle-Apps erfahrungsgemäß nur in begrenztem Umfang gelingen. (fab)

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