Raus aus der Hülle, rein ins Leben

@ctmagazin | Editorial

Mein neues, teures Smartphone ist schick, schnell und vor allem: schlank. Doch durch seine flache Bauform und das viele Glas wirkt das Gerät ein bisschen filigran, ja geradezu zerbrechlich. Um das gute Stück vor dem Alltag und meiner Tollpatschigkeit zu schützen, müsste ich es eigentlich gut verpacken, etwa in einer Schutzhülle (aus Silikon), in einem Ledermäppchen (mit Kreditkartenfach) oder zumindest in eine Stoffsocke (mit Totenkopfmuster). Aufs Display gehört noch eine Folie, mit schönen Luftbläschen darunter. Sicher ist sicher, ich wäre der Vater der Porzellankiste.

Nur sieht die Verhüllung ziemlich scheußlich aus. Durch sie wird aus einem schlanken Smartphone ein pummeliger Batzen, ein Baustellenhandy. Das muss nicht sein, finde ich. Und deshalb landet in meinem Warenkorb dieses Mal keine Hülle, kein Case, kein Flipcover.

Das ist schon ein ziemliches Risiko, denn was ich gut kann, ist Dinge fallen lassen. Früher oder später fliegt mir jedes Gerät um die Ohren: Mein altes Nokia ist mir beim rasanten Fahrradfahren aus der Hand gerutscht und dann den Asphalt entlang geschrabbelt; fehlten nur Funken und Explosionen. Funktioniert hat es weiterhin und die Narben verliehen dem Telefon irgendwie Charakter. Dem smarten Nachfolger erging es auch nicht besser: In der Hosentasche gravierte mein Schlüssel abstrakte Kunst ins Display. Und unfreiwillig den Betonboden geküsst hat das Ding auch einige Male.

In diesen hektischen Zeiten geht es anderen auch so: In der Stadt sehe ich erstaunlich viele zersprungene Displays. Die Gorilla-Gläser sehen aus, als würden sich auf ihnen Spinnen sonnen; und wenn Fingerkuppen über zerrissene Scheiben wie über einen Gurkenhobel ratschen, wundere ich mich, dass da kein Blut fließt. Der Makel scheint die wenigsten zu stören. Geradezu stolz führen viele ihre zersplitterten iPhones vor - als wollten deren Besitzer sagen: Seht mal her, mein Alltag ist ziemlich wild und aufregend und gefährlich. Die besorgten Spießer hingegen müssen ihr Telefon erst aus den Schutzdärmen zuzeln, um zu sehen, ob sie noch pünktlich sind. Ich aber will nicht erst das halbe Handy freilegen müssen, um die Zeit zu checken - ich bin eh schon spät dran!

Die Hüllen sind nicht nur hässlich - sie behindern auch noch die Bedienung des Smartphones. Schon der Entsperrcode nervt mich, den lasse ich leichtsinnig weg. Dann kann ich auch gleich auf den äußeren Schutz verzichten und riskiere die Spinne auf dem Display. Immerhin ist das Smartphone nur ein Gebrauchsgegenstand, bei dem die technische Entwicklung die Lebensdauer verkürzt - und nicht meine Tollpatschigkeit.

Daniel Berger

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