Die richtige Schachtel

Eigener Server: So finden Sie das passende Angebot

Praxis & Tipps | Praxis

Die Schnüffelwut von NSA & Co. liefert den letzten Anstoß: Am sichersten hortet man die eigenen Daten im eigenen Netz auf dem eigenen Server. Wir loten aus, welche Software hilft, und liefern einen aktuellen Bauvorschlag.

Nicht nur der Wunsch, Dritten den Zugriff auf eigene Daten zu erschweren, spricht für einen selbst betriebenen Server, sondern ganz pragmatische Gründe: Er nimmt große Datenmengen auf und spuckt sie in hohem Tempo wieder aus. Bei Hardware-Problemen kann man selbst nach dem Rechten sehen und Erweiterungen sind kostengünstig möglich. Der Server lässt sich zudem mit weiterer Hauselektronik koppeln, etwa der TV-Empfangsanlage

Welche Hardware man nimmt, hängt von den angepeilten Anwendungen ab. Ein einfacher Mailserver lässt sich mit einem Raspberry Pi umsetzen [1]. Wer vor allem experimentieren will, aber keinen Dauerbetrieb plant, kommt mit Recycling-Hardware klar, egal ob Desktop-PC oder Vollblut-Rackserver. Für den Dauerbetrieb lohnt Aufwand: Wichtige Parameter sind Stromverbrauch, Geräuschentwicklung, Erweiterbarkeit und thermische Eigenschaften – die berücksichtigen die Bauvorschläge ab Seite 116.

Die Frage, ob es überhaupt ein Server sein muss oder ob nicht schon eine Netzwerkfestplatte genügt, ein Network Attached Storage (NAS), sollte vorher beantwortet sein – Entscheidungshilfen liefert [2]. Die Kurzfassung: Die Kisten sind inzwischen günstig, schnell, leise und sparsam genug. Selbst zusammengestellte Hardware mag in Einzeldisziplinen viel besser sein, in der Gesamtheit kann sie gegen Konfektionsware kaum anstinken. Das gilt ebenso für den Funktionsumfang. Die meisten NAS-Geräte beherbergen ein eigenes Linux mit üppiger Ausstattung und eine per Web-Browser bedienbare, abgestimmte Verwaltungsoberfläche. So kommt man mit den Untiefen von Linux gar nicht in Kontakt. Plug-ins erweitern den Funktionsumfang auf bequeme Weise, etwa um Mail-Server oder Owncloud.

Gleichzeitig ist ein speziell auf das Gerät abgestimmtes Linux die Achillesferse: Updates für die Systemsoftware bringen die NAS-Hersteller nur sporadisch heraus. Sobald man Dienste auch von außen zugänglich machen möchte, sind schnelle Sicherheitsupdates unverzichtbar. Auch kann derzeit kein NAS virtuelle Maschinen ausführen. VMs sind jedoch sehr praktisch, um die eigentliche Server-Installation für Hardware-Wechsel zu wappnen, und nützlich für Experimentierwütige.

Es gibt drei möglich Ansätze für den Betrieb des eigenen Servers: wie ein Baukasten konfigurierbare, reguläre Betriebssysteme, auf einen Anwendungsfall spezialisierte Betriebssysteme und Virtualisierungssoftware, die beliebige Betriebssysteme parallel ausführen kann. In der Praxis bieten sich Mischformen an: Virtualisierung findet sich auch in den Baukästen; spezialisierte Systeme lassen sich oft individuell erweitern.

Plattformfragen

Für die Auswahl des richtigen Server-Betriebssystems gibt es viele Kriterien: Funktionsumfang, Administrierbarkeit, Kosten, erhältliche Supportleistungen, Rührigkeit einer eventuellen Community. Aber auch die eigenen Vorlieben und der eigene Kenntnisstand sind wichtig. Einem passionierten Mac-Nutzer kann man schwerlich einen Windows-Server schmackhaft machen. Windows-Nutzer werden kaum eine generische Linux-Distribution hernehmen und ihren Server komplett selbst aufbauen. Sie können das Projekt natürlich auch als Chance sehen, um eine neue Welt kennenzulernen. Das setzt jedoch viel Zeit voraus. Soll der Server kein Studienobjekt sein, empfiehlt sich der Griff zum Vertrauten.

Kennen muss im Fall eines Windows-Nutzers nicht heißen „Nehmen Sie Windows“. Spezialisierte Linux-Distributionen, die per Web-Browser konfiguriert und administriert werden, gibt es zuhauf. Eine kleine Auswahl haben wir in [3] vorgestellt. Deren Bedienung ist kein Hexenwerk, sondern dank Assistenten und Dokumentation wie bei einem NAS auch ohne Linux-Kenntnisse zu meistern. Selbst für Linux-Kenner stellt eine solche Distribution eine mögliche Abkürzung dar: Die paar Sonderlocken, die man im Mail- oder Dateiserver abweichend von der Grundkonfiguration braucht, sind einem solchen Linux in weniger Zeit hinzugefügt, als man für die Installation der generischen Distribution braucht.

Obwohl Windows-Server nur Microsoft veröffentlicht, trifft man auch dort auf immerhin neun Produktvarianten (siehe Tabelle auf der nächsten Seite). Beim Blick auf die Preise scheiden die teureren Varianten schnell aus. Das ist nicht in jedem Fall klug: Studenten etwa erhalten je nach Rahmenvertrag ihrer Uni über das DreamSpark-Programm (ehemals MSDN-AA) Zugang zu Server-Lizenzen. Wer einen Server mal eben ausprobieren will, kann das 180 Tage lang kostenlos tun, Microsoft bietet sie zum Download an (siehe c’t-Link). Die Virtualisierungsvariante darf sogar jeder kostenlos nutzen.

Funktionsfragen

Entscheidend ist, was Sie mit Ihrem Server machen wollen: Soll er lediglich Dateien ausliefern, fahren Sie mit einer spezialisierten Distribution gut. Unsere konkrete Empfehlung lautet dann FreeNAS. Die auf FreeBSD aufbauende, stetig weiterentwickelte Distribution beherrscht alle gängigen Disziplinen zur Auslieferung von Dateien und glänzt mit einer besonderen Zutat: Das ZFS-Dateisystem tut sich durch eine flexible Verwaltung des vorhandenen Platzes und bei der Absicherung der Daten hervor. Es verschlüsselt Daten, dedupliziert sie auf Wunsch und schützt sie vor Bitfäule [4].

FreeNAS kennt alle wesentlichen Protokolle: Es dient Windows-Clients per SMB als Dateiablage. Es liefert per iSCSI Daten als Netzwerkvolumes aus und beherrscht dabei auch die fortgeschrittenen Protokollfunktionen, wie sie etwa in einem Cluster zur Reservierung von Volumes notwendig sind. FreeNAS spricht das für den Dateiaustausch in der Unix-Welt gebräuchliche NFS. Für Mac-Clients stellt es das Apple-eigene AFP-Protokoll bereit, sodass diese FreeNAS ohne weitere Fummelei Time-Machine-Backup-Daten anvertrauen.

Die Entwickler greifen auf „Jails“ zurück, vom restlichen System abgegrenzte Bereiche, um Erweiterungen als Plug-ins zu installieren. Die Auswahl ist nicht allzu groß, deckt aber einige typische Anforderungen ab. Es gibt Medienserver für die Apple- (DAAPD) und Windows-Welt (DLNA/UPnP) sowie Torrent- und Backup-Helfer. Die Distribution bezieht auf Wunsch Benutzerkonten für den Zugriff von anderen Verzeichnisdiensten (Windows-Domains, Active Directory, NIS und LDAP). Sie erlaubt die automatisierte Replikation auf ein anderes System und benutzt dafür nicht obskure Protokolle, wie manches Fertig-NAS, sondern SSH als Transportmittel.

Die konkrete Empfehlung von FreeNAS hat schlichte Gründe: Wir setzen es in der Redaktion schon längere Zeit produktiv ein und haben uns so von seiner Zuverlässigkeit überzeugt. Technische Probleme, sei es die Anpassung an eine Netzwerküberwachungslösung durch Eingriff am Dateisystem oder die Zähmung von USB-3-Ports für den Einsatz eines USB-2-Sticks, lassen sich mithilfe der Dokumentation und Foren lösen. Bei einer frisch erschienenen NAS-Distribution mit geringerer Reifezeit fällt derlei deutlich schwerer. Da aber letztlich alle auf bewährte Open-Source-Komponenten wie Samba zurückgreifen, betreffen Unterschiede vor allem die Benutzerführung und Details.

Die Installationsvoraussetzungen für FreeNAS bergen einige Überraschungen: Als Systemlaufwerk genügt ein 4 GByte großer USB-Stick. Mehr ist sogar kontraproduktiv: Mit einer ganzen Platte weiß FreeNAS nichts Weiteres anzufangen, kann sie also nicht zusätzlich zur Datenhaltung verwenden. Man verschwendet also deren Platz und womöglich einen SATA-Port. Übrigens: Um FreeNAS mit ZFS verwenden zu wollen, braucht es sehr sehr sehr viel Hauptspeicher – die Entwickler empfehlen mindestens 8 GByte. Andernfalls läuft ZFS mit angezogener Handbremse.

Anspruchsfragen

Wer mehr als nur Dateidienste will, nimmt einen Fertig-Server auf Linux-Basis [3]. Auch hier haben wir konkrete Empfehlungen: ClearOS, wenn der Kommerz am Rand nicht stört oder als buchbare Supportleistung willkommen ist, oder SME Server, wenn es komplett kostenlos und frei sein soll. Der Vorteil gegenüber generischen Distributionen wie CentOS, Debian oder Ubuntu besteht darin, dass die Spezialisten eine einheitliche Web-Oberfläche für alle Dienste bieten: Dort legen Sie Benutzer an, richten E-Mail-Konten sowie Freigaben ein, installieren weitere Dienste und betrachten die Systemprotokolle.

Der Funktionsumfang der Linux-Fertig-Server ist deutlich größer. Neben Datei- und Druckfreigaben gehören E-Mail- und Groupware-Funktionen dazu, oft im Gespann mit Viren- und Spam-Abwehr, Hilfen für Backups und außerdem Identitätsdienste, in der Windows-Welt „Domänen“ genannt. Letztere helfen, im lokalen Netz eine zentrale Benutzerdatenbank einzurichten, der die PCs dann vertrauen (indem sie Mitglieder der Domäne werden). Auf diese Weise muss man Benutzerkonten nicht mehrfach anlegen, und Benutzer brauchen Passwörter nur an einer Stelle ändern.

In der Windows-Welt ist für die Identitätsdienste seit Windows Server 2000 das Active Directory der Standard, ein Verzeichnisdienst mit LDAP-Schnittstelle. Die Samba-Entwickler haben sich mit der Implementierung dieses Dienstes viel Zeit gelassen, sodass viele Linux-Server (unter anderem die beiden empfohlenen) „nur“ das simple NT4-Domänenmodell implementieren – moderne Windows-Versionen muss man zur Teilnahme daran überreden.

Wer unbedingt ein Active Directory haben will: Zentyal und der Corporate Server der Bremer Univention GmbH bieten mit Samba 4 einen Active-Directory-kompatiblen Identitätsdienst an. Folgende Anmerkung dazu: In kleinen Netzen kommt man durchaus ohne zentrale Benutzerdatenbank aus. Die wird erst interessant, wenn viele Clients oder Server zusammmenkommen. Dann aber ist es unendlich praktisch, wenn Dateien, die Benutzer Meyer auf einem Server hinterlässt, auch noch ihm gehören, wenn der Administrator sie auf einen anderen Server verschiebt.

Anders als FreeNAS erwarten ClearOS, SME-Server & Co. eine Festplatte als Installationsziel. Sie können sie aber auch gleich als Datenplatte nutzen. Die Anforderungen an den Hauptspeicher fallen moderater aus, weil sie weniger gefräßige Dateisysteme als ZFS einsetzen. Eine Installation auf zwei Festplatten im RAID 1, also gespiegelt, ist meist möglich und zu empfehlen. So können Sie einigermaßen sicher sein, dass der Server bei einem Festplattenschaden weiterläuft. Beachten Sie dazu die Hinweise in „Tipps für Serverbetreiber“.

Abseits des Standardlieferumfangs bieten heute alle Linux-Fertig-Server eine Art Online-Store, über den man Komponenten lizenzieren und nachinstallieren kann. Die Geschäftsmodelle sind sehr unterschiedlich. Der Home-Server Amahi will für die Community eine Art Tauschwährung schaffen. Die ClearOS-Macher verkaufen regulär; Univention vermittelt eher. Zu haben ist eigentlich alles, was Sinn ergibt: Medien-Server, Features wie Time-Machine-Tauglichkeit und vollständige Groupware-Lösungen wie Zarafa. Gerade an der Integration letzterer wird deutlich, wie viel die Linux-Fertig-Server den allgemeinen Distributionen voraus haben.

Lizenzfragen

Windows-Server ist längst kein Oxymoron mehr: Microsoft versteht es, in die Server-Versionen seines Betriebssystems interessante Funktionen zu packen, sie benutzbar und robust zu gestalten, aber auch damit seine Gewinne zu maximieren: Sobald reguläre Server-Versionen (Standard oder Datacenter) zum Einsatz kommen sollen, muss man nicht nur pro Server eine Lizenz erwerben, sondern auch für jeden Client, der auf die angebotenen Dienste zugreift. In der Microsoft-Welt heißt das Client Access License (CAL). Sie ist keineswegs in der Lizenz von Windows für einen PC enthalten und kostet für reguläre Server zwischen 20 und 30 Euro pro Nutzer oder Gerät.

Einige Windows-Server sind jedoch CAL-befreit: Die Lizenz von Home, Foundation, Essentials und Storage Server sieht eine maximale Benutzerzahl vor, für die Administratoren keine CALs einkaufen müssen. Eine nachträgliche Aufrüstung auf eine reguläre Server-Version ist nur beim Essentials Server vorgesehen: Hier können Sie eine Standard-Lizenz sowie die passende CAL-Zahl erwerben. Damit dürfen Sie die vereinfachten Verwaltungswerkzeuge weiterhin für bis zu 75 Benutzer benutzen.

Die OEM-Versionen Foundation und Storage sind offiziell nur zusammen mit passender Server-Hardware erhältlich, aber vereinzelt auch entbündelt. Der Einsatz einer solchen Lizenz ist juristisch gesehen unbedenklich, wenn man sie ohne technische Klimmzüge installieren kann. Klappt es nicht, kann man aber nur gegenüber dem Verkäufer Ansprüche geltend machen, nicht jedoch gegenüber Microsoft – von einem „Privatkauf“ einer solchen Lizenz bei eBay ist deshalb dringend abzuraten.

Einige Rundumsorglospakete hat Microsoft gestrichen: Der Windows Home Server 2011 hat keinen Nachfolger erhalten, ist aber noch für kleines Geld im Handel. Einige Fähigkeiten unterscheiden ihn erheblich von einem NAS oder auch Linux-Fertig-Server: die für den Verwendungszweck stark abgespeckte Konfiguration, eine für Windows-Clients maßgeschneiderte Backup-Lösung und Hilfen, um mit wenigen Klicks die Dienste und Daten des Servers auch übers Internet zugänglich zu machen. Mit Überraschungen muss man übrigens immer rechnen: Wir stellten zufällig fest, dass der Home Server nur 8 GByte RAM benutzt.

Versionsfragen

Eine rege Community hat die Wege erforscht, den Home Server zu erweitern. So legen sie etwa aufgrund der Verwandschaft zum „echten“ Server im Lieferumfang enthaltene Funktionen frei und erschließen neue durch die Installation von Extra-Software. Auf diese Weise gelingt es, auf einem Home Server die Windows Server Update Services einzurichten und Updates im Netz dosiert zu verteilen. Ebenso ist es möglich, die Authentifizierung im WLAN über die vorhandenen Benutzerkonten abzuwickeln [5] oder sogar E-Mail-Dienste [6] auf den Server zu bringen.

Speziell für den Home Server entwickelte Add-ins gibt es obendrein, etwa zum Energiesparen. Darunter finden sich auch mehrere Angebote, um den Drive Extender nachzubilden, den Microsoft im Home Server 2008 eingebaut, aber schon im Home Server 2011 wieder aus dem Verkehr gezogen hat. Er verteilte Dateien automatisch redundant auf mehrere Platten. Dazu nutzte er aber NTFS statt RAID, sodass jede Platte allein für sich lesbar blieb.

Ebenfalls dem Rotstift zum Opfer fiel der Small Business Server 2011. Er liefert kostengünstig ein Active Directory und obendrein sogar Microsofts Mail- und Groupware Exchange. Assistenten helfen beim Einrichten der komplexen Dienste. Für den Heimeinsatz ist das Paket sicher Overkill, für kleine Unternehmen mit Windows-Clients aber sehr praktisch. Die Security-Updates für das Produkt versiegen Anfang 2020, die für Exchange womöglich schon früher. Offiziell endet der Verkauf Ende 2013, aber es sollten sich auch 2014 noch Restbestände im Handel finden.

Als Nachfolger für die abgekündigten Server hat Microsoft mit Windows Server 2012 die Varianten „Foundation“ und „Essentials“ eingeführt. Die Client-Backup-Funktionen des Home Server leben in Essentials weiter, nicht jedoch in Foundation. Einen lokal laufenden E-Mail- und Groupware-Server auf Exchange-Basis sieht keiner der beiden vor. Statt dessen bietet Microsoft eine Integration mit seinen Cloud-Diensten an – das ist nicht nach jedermanns Geschmack und unterm Strich erheblich teurer [7]. Ähnlich wie beim Home Server unterstützt die Verwaltungs-Konsole „Dashboard“ die Erweiterung über Add-ins.

Leider lassen die Spezialversionen und der „kleine“ Storage Server spannende Funktionen missen, die für einen Windows-Servers sprächen: Es fehlt unter anderem die Deduplizierung und die Möglichkeit, auf dem Server zusätzlich virtuelle Maschinen auszuführen. Immerhin können alle modernen Windows-Server Datenplatten über Storage Spaces redundant zusammenzufassen und flexibel erweitern.

Virtualisierungsfragen

Viele Funktionen in Windows Server 2012 R2 werden ohnehin erst interessant, wenn man mehrere Server betreibt. Das betrifft besonders die Virtualisierung. Hier hat Microsoft einiges auf die Beine gestellt: automatische Kopien von VMs auf andere Server (Hyper-V Replica) [8], Live-Migrationen ohne externe Storage-Boxen, VMs auf SMB-Freigaben und ein Cluster, der sich schon mit dem kostenlosen Windows Hyper-V Server aufbauen lässt.

Allerdings wirft Microsoft seine Pfunde verhältnismäßig spät in den Ring: Wer Virtualisierung auf dem Server nutzbringend findet, hat wahrscheinlich schon längst VMware kennengelernt. Der Pionier der Virtualisierung auf dem PC gibt seine Software für Server, den „vSphere Hypervisor“ (ehemals VMware ESXi), kostenlos ab. So liegt der Griff zu diesem Produkt recht nahe. Allerdings bietet die kostenlos nutzbare Variante nur einen Bruchteil der Funktionen, die sie für 60 Tage oder bis zum Einspielen des kostenlos erhältlichen Installations-Keys anbietet.

Da der vSphere Hypervisor direkt auf der Hardware läuft, braucht er für jede Komponente eigene Treiber. Er kann also nicht wie eine in Windows oder Linux eingebaute Virtualisierungsoftware auf einen umfangreichen Treiberfundus zurückgreifen. Entsprechend wählerisch ist der vSphere Hypervisor: Um Netzwerkchips von Realtek macht er einen weiten Bogen. Mit einem vom Mainboard bereitgestellten „Software-RAID“ kommt er nicht klar.

Insofern muss man sich auf einem allein betriebenen Server ohne Hardware-RAID von der Vorstellung verabschieden, darauf zumindest die Platten mit den VMs redundant zu betreiben. Die Methode, die Platten in eine VM hineinzureichen und dann dem Hypervisor als Netzwerkfreigabe wieder bereitzustellen, ist die Wiederauferstehung des Pferdes des Baron Münchhausen in Digitalien. Der kostenlosen Ausgabe von VMware fehlen zu allem Überfluss auch die Backup-APIs.

Alles in allem sind das denkbar schlechte Voraussetzungen für den Produktivbetrieb mit einem allein laufenden Server. Da ist es kein Gewinn, dass sich VMware selbst auf einem USB-Stick installiert, also keine SATA-Ports frisst. Ein Nachteil ist den Kostenlosangeboten von Microsoft und VMware übrigens gemein: Will man die VMs einigermaßen komfortabel verwalten, braucht man zusätzlich einen Windows-PC, bei Hyper-V muss darauf zwangsläufig Windows 8.1 Pro laufen.

Unterm Strich

Im Fall von VMware lautet das Fazit: „Nicht immer ist die naheliegende Lösung die beste.“ Letztlich steht und fällt die Brauchbarkeit mit den Nutzungsabsichten: Wenn der eigene Server vornehmlich Experimentierzwecken dient, kann man über das Fehlen einer redundanten Datenhaltung in der kostenlosen Ausgabe von VMware großzügig hinwegsehen. Andernfalls sollte man eher ein System für die Virtualisierung hernehmen, das Mittel zur Absicherung der Daten der VMs bereitstellt, etwa Linux oder Windows.

Für den langfristig ausgelegten Betrieb spielt ein anderer Punkt eine wichtige Rolle, nämlich wie leicht man das Betriebssystem eines Servers von Version zu Version aktualisieren kann. Eine besonders gute Figur dabei macht Linux und speziell Debian. Wer hier stets Updates einspielt, kann seinen Server über viele Jahre ohne Neuinstallation betreiben. Auch andere Linux-Varianten bekommen das ganz gut hin.

Im Fall von Windows-Servern wird regelmäßiges Aktualisieren wegen der jeweils benötigten Lizenzen schnell teuer. Wenn es nicht ganz unmöglich ist: Gern variiert Microsoft das Produktumfeld, sodass ein von Kunden geschätzter Zusatz nicht mehr für die nächste Server-Generation erhältlich ist. Paradebeispiel dafür ist die Sicherheitssoftware Forefront, die Microsoft Ende 2012 eingestellt hat.

Angesichts der Update-Problematik haben Systeme wie FreeNAS oder VMware, die Betriebssystem und Payload voneinander trennen, ihren eigenen Charme. Mit Virtualisierung erreichen Sie dies aber auch mit einem Windows-Server oder Linux. Andererseits vervielfachen virtuelle Maschinen aber auch Update-Aufwand und -Probleme. (ps)

Literatur
  1. [1] Mirko Dölle, Briefkästchen, Raspberry Pi als privater LAMP- und IMAP-Server, c’t 17/13, S. 164
  2. [2] Christof Windeck, Peter Siering, Abgewogen, Entscheidungshilfe: NAS oder klassischer Server?, c’t 12/13, S. 112
  3. [3] Peter Siering, Rundum sorglos, Linux-Distributionen für Server, c’t 20/13, S. 176
  4. [4] Christof Windeck, Bitfäule, Tücken bei Speicherung und Übertragung großer Datenmassen, c’t 21/13, S. 176
  5. [5] Florian Klan, WLAN-Türsteher, Funknetzwerke per Windows Server absichern, c’t 1/14, S. 164
  6. [6] Johannes Endres, Poststelle daheim, E-Mail-Server unter Windows, c’t 3/12, S. 108
  7. [7] Oliver Klarmann, Kurskorrekturen, Die Konsequenzen von Microsofts Server-Lizenzpolitik, c’t 22/12, S. 132
  8. [8] Peter Siering, Team-Work, Virtuelle Maschinen mit Windows Hyper-V Server 2012 replizieren, c’t 15/13, S. 168
Tipps für Serverbetreiber

Wenn Sie Daten auf redundant ausgelegten Platten unterbringen wollen, etwa im RAID 1 oder gespiegelten Storage Spaces, sollten Sie die Platten verschiedener Hersteller mischen. So werden Sie nicht Opfer eines Serienfehlers. Legen Sie zur Sicherheit eine Ersatzplatte in den Schrank, um die nicht per Panikkauf herbeischaffen zu müssen. Nehmen Sie Abstand von RAID 5. Und denken Sie daran: RAID ist kein Ersatz für Backups!

Wenn Sie Ihre Daten mit RAID, Storage Spaces, ZFS oder anderen Techniken redundant speichern, proben Sie unbedingt mindestens einmal den Ernstfall: Wenn die nötigen Handgriffe beim Austausch von Platten nicht sitzen, nützt die Redundanz nichts. Nicht jeder Bedienschritt ist intuitiv. Sie lernen dabei auch gleich, wie lange es dauert, etwa ein RAID 1 zu resyncen. So können Sie Benutzer im Ernstfall über die Dauer etwaiger Beeinträchtigungen informieren.

Überwachen Sie dauernd laufende Hardware unbedingt automatisiert mit Nagios, Munin oder ähnlichen Techniken: Im Idealfall bekommen Sie schon Meldungen, bevor etwas richtig schief läuft, etwa dann, wenn sich auf einer Festplatte defekte Sektoren anhäufen. Im schlimmsten Fall können Sie bei einem Totalausfall anhand der aufgezeichneten Daten wenigstens Ursachenforschung betreiben und herausfinden, dass etwa die CPU zu heiß wurde.

Überlegen Sie, was bei einem Stromausfall passiert. Eine unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) kostet keine hundert Euro, spart aber jede Menge Nerven, weil sie Ihren Server geordnet herunterfährt, wenn der Strom länger wegbleibt. Spätestens nach dem zweiten Blackout kaufen Sie ohnehin eine solche. Schließen Sie auch wichtige Peripherie wie WLAN-Router, DSL-Modem und Switch an die USV an.

Aktualisieren Sie die Software regelmäßig – idealerweise automatisiert. Mit jedem ausgelassenen Update wächst das Risiko, dass das Einspielen größere Seiteneffekte verursacht. Wer sich darüber sorgt, unterlässt das Update fatalerweise ganz. Virtualisieren Sie den Server. Dann können Sie missratene Updates über Snapshots gegebenenfalls rückgängig machen.

Schmieden Sie Pläne, wie es ohne Server geht: Nicht immer lässt sich unmittelbar Ersatz beschaffen. Oft kann ein anderer Rechner Teilaufgaben übernehmen. Manchmal sind autonom nutzbare und damit auch leicht ersetzbare Lösungen die besseren, etwa eigenständige oder in den Drucker integrierte Print-Server oder ein separater Router statt einer VM auf dem Server.

Nehmen Sie für den Dauerbetrieb lieber Abstand vom Hardware-Recycling. Ein schon mehrere Jahre gelaufener Server, den Ihr Arbeitgeber ausmustert, hat viele Haken: Die Wahrscheinlichkeit eines Defekts ist hoch, Ersatzteile sind schwer bis gar nicht mehr zu bekommen, und er frisst unnötig viel Energie.

Lieber selbst schuld oder doch ein Hintern zum Treten?

Bei der Beschaffung von Servern scheiden sich die Geister: Steht bei einem Ausfall der gesamte Geschäftsbetrieb, schläft mancher Entscheider bedeutend ruhiger, wenn er die Lieferanten verpflichtet hat, binnen Stunden Ersatz herbeizuschaffen. Doch das sagt sich so leicht und hat in der Ausführung Tücken, wenn nicht alles aus einer Hand stammt. Denn trotz toller Service-Level-Agreements bildet sich schnell das berühmte Bermudadreieck der Zuständigkeiten zwischen Kunde, Hard- und Software-Lieferant, in dem jeder stur auf den anderen zeigt.

Beim Server-Selbstbau hilft der Einsatz von Standardkomponenten. Im Fall eines Ausfalls kann man dann ein anderes System schlachten, um den Server am Leben zu halten, etwa durch ein geborgtes Netzteil. Eine Linux-Distribution nimmt sogar den Wechsel des Mainboards gelassen hin. Eine Installation von Windows Server wittert dann womöglich Lizenzmissbrauch und verlangt nach einer Aktivierung. Voraussetzung für die Selbsthilfe ist, dass man einerseits genügend Hardware im Zugriff hat und andererseits die Stöpselei nicht scheut. Andernfalls sollte man sich doch lieber Dritten anvertrauen.

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