Bloggen ohne Ballast

Minimalistische Blog-Dienste

Praxis & Tipps | Praxis

Gefrickel an Design-Vorlagen, Feintuning mit Plug-ins – Blogs machen Arbeit. Das geht auch viel einfacher, versprechen neue Blog-Plattformen: Sie setzen auf radikalen Minimalismus bei Präsentation und Bedienung. Blog-Laien erleichtert das den Einstieg.

Blogs gehören zum Internet wie Katzenvideos und Endlos-GIFs. Unter den Hauben vieler Onlinetagebücher schnurrt WordPress, das sich zu einem vollwertigen Content-Management-System entwickelt hat. Dadurch wuchs auch der Funktionsumfang, den unzählige Plug-ins zusätzlich erweitern [1]. Für ein einfaches Blog jedoch benötigt man die vielen Features eigentlich nicht – Hauptsache, die Veröffentlichung geht schnell und einfach.

Den unnötigen Schnickschnack lassen die vier vorgestellten Blog-Plattformen Medium, Svbtle, Ghost und Posthaven einfach weg. Das erleichtert den Zugang für Geschichtenerzähler, die ihre Zeit lieber in den Text als in die Website investieren. Die Philosophie der Einfachheit bestimmt auch die schlichten Designs der Blogs: Sie verschwinden im Hintergrund und lenken nicht von den Inhalten ab. Gestalterisch ähneln die Blogs den Layouts von Magazinen, die Bildern viel Platz lassen und mit Weißraum nicht geizen. Besonders die amerikanische Plattform Medium macht durch schöne Schriften Lust aufs Lesen.

Medium

Die beiden Twitter-Gründer Evan Williams und Biz Stone wollten Twitter-Nutzern mehr Raum für ihre Geschichten bieten – schließlich lassen sich epische Erzählungen nur schwer in 140 Zeichen quetschen. Als Plattform für lange Storys gründeten sie Medium.com, das im August 2012 online ging. Williams kennt sich aus mit Blog-Diensten, er hat 1999 bereits Blogger.com mitgegründet und dann an Google verkauft. Mit den etablierten Blog-Services konnte sich Williams nicht anfreunden: Sie hätten sich seit einer Dekade nicht mehr weiterentwickelt, beklagte er in einem Interview mit der New York Times. Die Bedienung sei oft frickelig und unausgegoren – höchste Zeit also für was Neues und Besseres, etwas Simples und Schönes, fand Williams.

Medium will mehr sein als „yet another blogging platform“, nämlich ein Ort für bedeutungsvolle Texte im Netz; ein Ort, an dem Qualität zählt – und nicht die Quantität (wenngleich es die dort auch gibt). Die Plattform will Relevanz bieten, also eher keine banalen Geschichten aus dem Supermarkt, sondern lesenswerte Texte, die auch in gedruckten Magazinen erscheinen würden. Von Anfang an legten die Betreiber deshalb nicht nur Wert auf gutes Design, sondern auch auf hochwertigen Content. Ausgesuchte Autoren erhalten Geld für ihre Beiträge; Schriftsteller wie Jon Krakauer veröffentlichen Kurzgeschichten. Deshalb ist Medium.com auch ein, äh, Medium für professionelle Schreiber. Die US-Journalistin Quinn Norton etwa veröffentlichte einen langen Essay über Chelsea Manning; Mitch Swenson schrieb über türkische Schmuggler und Polizisten in Ferguson; Joshua Davis publizierte ein langes Stück über einen Vietnamveteran auf der Suche nach geraubtem Gold.

Texte im Fokus

Gutes Storytelling und Texte „in long-form“ sind Medium wichtig: Konsequenterweise übernahm die Plattform das großzügig durch Crowdfunding finanzierte Onlinemagazin Matter, in dem journalistische Inhalte über Wissenschaft und Technik erscheinen. Trotz der Qualitätssicherungsmaßnahmen sind die meisten Beiträge, die bei Medium erscheinen, aber kleinere Texte, die nicht die Welt ändern wollen. So hat etwa auch Mitt Romney, der mal fast US-Präsident geworden wäre, Urlaubserlebnisse samt Familienfotos auf Medium eingestellt. Durch den offenen Zugang zieht die Plattform also auch die kleinen und großen Banalitäten des Alltags an. Auch von Privatleuten, die kein öffentliches Interesse genießen.

Das Konzept von Medium unterscheidet sich von typischen Blog-Netzwerken wie WordPress.com: Im Mittelpunkt stehen die einzelnen Texte sowie das gesamte Medium-Netzwerk – und nicht unbedingt deren Autoren und Einzel-Blogs. Die Plattform ist deshalb auch für Blogger interessant, die nicht täglich was zu sagen haben und nur hin und wieder Texte veröffentlichen. Sie müssen sich nicht um die ständige Belebung ihres Blogs sorgen, weil sie mit einem Post auf Medium einen Text in ein „lebendiges Netzwerk“ stellen. Mit etwas Glück findet der Eintrag dort schnell Beachtung – sofern man denn auf Englisch textet. Deutsche Inhalte sind noch selten. ...

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c't 20/2014, Seite 150 (ca. 5 redaktionelle Seiten)
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Artikel-Vorschau
  1. Medium
  2. Texte im Fokus
  3. Anmelden, loslegen
  4. Weniger allein
  5. Zeit ist Geld
  6. Svbtle
  7. Ideenaufzucht
  8. Kudos!
  9. Ghost
  10. Das kostet (nichts)
  11. Ghostwriter
  12. Geistreich
  13. Posthaven
  14. Sicherer Hafen

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Kapitel
  1. Medium
  2. Texte im Fokus
  3. Anmelden, loslegen
  4. Weniger allein
  5. Zeit ist Geld
  6. Svbtle
  7. Ideenaufzucht
  8. Kudos!
  9. Ghost
  10. Das kostet (nichts)
  11. Ghostwriter
  12. Geistreich
  13. Posthaven
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