Drei, zwei, eins... Mines

@ctmagazin | Editorial

Ich bin in meiner Bekanntschaft als Minecraft-Fanatiker verschrien. Daher muss ich in letzter Zeit häufig folgende Frage beantworten: "Warum zum Henker hat Microsoft 2,5 Milliarden für digitales Lego hingelegt?" Diese Frage kann nur jemand stellen, der Minecraft noch nie gespielt hat (siehe FAQ auf S. 156).

Mir fällt da so einiges zu ein. Am wahrscheinlichsten erscheint mir, dass Microsoft endlich die dritte Dimension für sich wiederentdeckt hat. Nach dem Kachel-Desaster will man in Redmond wohl zu richtigen Interfaces zurück. Das wird auch Zeit! Was liegt da näher, als die einfarbige Kachel zum pixeligen Würfel upzugraden.

Vielleicht will Microsoft aber einfach auch nur Synergie-Effekte nutzen. Das Logo der Firma sieht eh schon aus wie in Minecraft entworfen: vier große, bunte Pixel. Da fehlt nur das Minecraft-Universalwerkzeug: die Spitzhacke. Das ist wahrscheinlich der nächste Schritt. Dann wäre die Software-Schmiede, die in den letzten zwei Jahrzehnten hauptsächlich für den Bluescreen berühmt war, endlich wieder hip bei den Kids. Internet-Foren sind momentan voller Minecraft-mit-Clippy-Witze, aber ich denke, die Mehrheit der Beobachter hat einfach noch nicht erkannt, wohin die Reise wirklich geht: Der Dateimanager in Windows 9 wird in spektakulärem Pixel-3D erscheinen und mit der virtuellen Spitzhacke bedient werden. Die Kids werden das genauso lieben wie bärtige Spiele-Hipster. Da wird Apple sich warm anziehen müssen, überhaupt noch ansatzweise cool zu wirken.

Das setzt alles voraus, dass der neue Boss an der Konzernspitze die zweieinhalb Milliarden einfach übers Marketing-Budget abschreiben will. Es ist ebenso denkbar, dass Microsoft sich das gar nicht mehr leisten kann. Seit Valve mit Steam auf Linux die Welt erobert, sind die Windows-Absätze auch nicht mehr das, was sie mal waren. Wenn Microsoft-Chef Nadella das Geld wieder reinholen will, bleibt ihm eigentlich nur eiskalte Abzocke. Aber Minecraft ist so flexibel, dass es auch dafür eine Antwort gibt: Free-to-Play. Das Grundspiel wird den Kids hinterhergeschmissen, aber wer die coolen Blöcke und neue Figuren haben will, der muss über Mikrotransaktionen tief in die Tasche greifen.

Also, wie man sieht, habe ich eigentlich auch keine Ahnung, warum die Würfelwelten so viel wie sechs Airbus A380 wert sein sollen. Das ist Wahnsinn.

Was auch immer der Plan der Microsofties ist, nur eins ist sicher: Die Tage, in denen Minecraft angesagt war, sind gezählt. Sucht Euch am besten jetzt schon was Neues, um bei Euren Kindern mitreden zu können. Denn wenn Microsoft bei einer Sache unfehlbar ist, dann ist es, auf Züge immer genau dann aufzuspringen, wenn sie gerade auf ein totes Gleis abgebogen sind.

Fabian A. Scherschel

Artikel kostenlos herunterladen

Anzeige