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Editorial: Lauf, Windows, lauf!

@ctmagazin | Editorial

Microsoft stellt live im Internet das nächste Windows vor. Alle hin da! Trommelwirbel! Es folgt ... eine Dreiviertelstunde Langeweile. Keine stehenden Ovationen. Nur ein paar Blogger und Redakteure schlagen sich die Nacht um die Ohren, um sofort die Vorabversion zu installieren.

Die Show war nicht nur enttäuschend, weil Microsoft sich nicht so gut inszenieren kann wie Apple. An dieser "Technical Preview" ist einfach kein Fleisch dran. Sie schreit nur laut "Jaja, ihr kriegt euer Startmenü ja wieder!" und vollführt einen mäßig choreografierten Eiertanz zwischen Kachel- und Klick-Windows. Doch wenn man genau hinsieht und -hört, hat Microsoft mit Windows 10 einen Vorsprung gegenüber Apple und Google, der Zuwächse statt nur Schadensbegrenzung beim Verfall des PC-Marktes verspricht.

Für ein Betriebssystem zahlt bald kein Mensch mehr. Privatkunden geben ihr Geld nur noch für Apps, Musik, Filme und Bücher aus - Dinge, von denen Microsoft wenig anzubieten hat. Bei Unternehmen hingegen sitzt das Geld für Dienstleistungen relativ locker, wenn diese eigene Investitionen ersparen. Darauf konzentriert sich Microsoft in Zukunft, und Windows 10 ist das trojanische Pferd.

Um das gemietete Office 365 kommt sowieso kaum eine Firma herum. User lieben Outlook, dazu passt Exchange, also mietet man Exchange Online gleich mit. Bei Azure mietet der Admin seine restlichen Server, denn das spart Kosten im Rechenzentrum. Die Benutzerverwaltung wird an Azure Active Directory (AAD) angeflanscht, auch das spart eigene Server. Dann klickt der Admin den für seine Firma passenden Windows-Store zusammen und spart Zeit für Software-Verteilung und Lizenzverwaltung. Microsoft verdient auf allen Stufen mit.

Das kommende Update-Modell spart ebenfalls, und zwar Nerven: Große Windows-Versionen, die man neu installieren muss, wird es wohl nicht mehr geben. Stattdessen können Admins die regelmäßigen Funktionsupdates einzeln testen.

Bleibt das dickste Ass im Ärmel: das Zusammenwachsen des Mobil-Windows mit dem PC-Windows. Microsoft scheint so weit zu sein, dass die Laufzeitbibliotheken, auf die sich jede Software stützt, vom Telefon übers Tablet bis zum Server dieselben sind. Das erspart den Entwicklern natürlich nicht, sich mehrere Bedienkonzepte auszudenken. Aber es erspart das Neuprogrammieren jedes kleinen Codefitzelchens für verschiedene Geräte - dem haben Apple und Google nichts entgegenzusetzen.

Wenn Microsoft den Entwicklern jetzt noch vormacht, wie man eine einheitliche Anwendungslogik mit verschiedenen zum Gerät passenden Oberflächen versieht und ihnen die guten Werkzeuge dafür in die Hand gibt - dann gibt es bald auch mehr Apps für Windows Phone und insbesondere ein wesentlich besseres Zusammenspiel zwischen Handy, Tablet und PC, als Apple und Google es bieten können. Ich bin gespannt, ob Microsoft diesen Vorsprung ins Ziel bringt. Trainiert haben sie lange genug.

Ingo T. Storm


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