Klotziges Kulturphänomen

Der Indie-Spielehit Minecraft

Wissen | Reportage

Minecraft wird als Lego der digitalen Generation gefeiert. Das preiswerte, plattformübergreifende Indie-Spiel hat eine riesige Fangemeinde. Etliche Videoproduzenten können von ihren Minecraft-Kommentarvideos auf YouTube leben und Lehrer setzen die virtuelle Klötzchenwelt als Lehrmittel ein.

Minecraft ist mit über 33 Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste Indie-Spiel des Jahrzehnts. Bei Veröffentlichung der Xbox-360-Version im Mai 2012 brach diese den damaligen Xbox-Live-Rekord mit 400 000 gleichzeitig eingeloggten Spielern. Der blockige Look wurde zu seinem Markenzeichen. Als Sandbox-Umgebung konzipiert, bietet es nicht nur Platz und Material zum Bauen, sondern auch fast endlose, zufällig generierte abwechslungsreiche Welten zum Erforschen.

Das Spielprinzip ist überraschend einfach. Die ganze Welt besteht aus Blöcken, die sich zerlegen und danach wieder neu platzieren lassen. Unterschiedliche Blöcke wie Holz, Stein, Sand und Blätter brauchen dabei je nach Material unterschiedlich lange zum Abbauen – einen Prozess, den man sich mit dem richtigen Werkzeug erleichtern kann. Der Name ist besonders am Anfang des Spiels Programm: Man gräbt sich mit der Spitzhacke durch selbst ausgehobene Minenstollen und nutzt die erbeuteten Ressourcen, um besseres Werkzeug zu basteln.

Die verschiedenen Spielmodi bringen ganz unterschiedliche Ziele mit sich. Im einen sind die Ressourcen knapp und man muss sich mit lästigen Monstern herumschlagen, im nächsten kann man Blöcke frei erzeugen und ganz dem Reiz eines unendlichen Lego-Baukastens erliegen. Der Spieler bestimmt fast immer selbst, was das Ziel ist.

Weil das Spiel kontinuierlich weiterentwickelt wird, haben auch alte Hasen immer wieder etwas Neues zu entdecken. Minecraft kostet einmalig 20 Euro – inklusive regelmäßiger Updates. Auf einem Markt, auf dem DLC, Free-to-Play und Mikro-Transaktionen dazu geführt haben, dass Spieler für jede Kleinigkeit laufend zur Kasse gebeten werden, fällt dieses Konzept angenehm aus der Reihe.

Die Ur-Version des Spiels wurde von Markus „Notch“ Persson in Java für den PC entwickelt – sie läuft auf Windows, unter Mac OS X und Linux. Mittlerweile gibt es aber auch eine ganze Reihe anderer Minecraft-Varianten: Die Minecraft Pocket Edition für Android und iOS läuft auf Smartphones und Tablets. Sie sieht zwar aus wie die Java-Version, ist aber komplett neu in C++ geschrieben. Des Weiteren gib es Minecraft-Ausgaben für die Xbox 360 und einen ARM-Port für den Raspberry Pi. Versionen für die Xbox One und Playstation 3 und 4 sind in Arbeit. Minecraft 4k wurde für einen Programmierwettbewerb entwickelt und ist kleiner als 4 KB – die Grafik und Spieloptionen sind aber auch dementsprechend eingeschränkt.

Abenteurer und Architekten

Am liebsten bauen viele Minecraft-Spieler Häuser oder gestalten ganze Landschaften nach ihren eigenen Wünschen um. Andere streifen auf Erkundungstour durch die prozedural generierten Welten. Alles lässt sich umgestalten und manipulieren. Diese Vielfalt der Spielmöglichkeiten liegt auch darin begründet, dass Minecraft von Anfang an hauptsächlich als Sandbox konzipiert war: Ein Drehbuch gab es nie und auch das Ende des Spiels wurde erst im Nachhinein drangehängt.

Das Grundspiel enthält drei Spielmodi. Im Überlebensmodus geht es nur ums Überleben des Spielers. Vieles in der Welt ist für die eigene Spielfigur tödlich und alle Ressourcen wie die Blöcke, aus denen die Minecraft-Welt besteht, oder andere Objekte müssen selbst gesammelt und verarbeitet werden. In einer Hardcore-Variante wird die gesamte zufällig generierte Welt unwiederbringlich gelöscht, wenn der Spieler stirbt.

Im Kreativmodus ist die Lebensgefahr dagegen minimal. Man kann sich fliegend durch die Welt bewegen, es stehen unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung und sämtliche Blöcke in der Spielumgebung lassen sich mit einem Klick zerstören. Dieser Modus ist vor allem zum freien Erschaffen von Bauten und Pixel-Art gedacht. Sogenannte Abenteuerkarten konstruiert man ebenfalls besonders leicht im Kreativ-Modus.

Um diese dann zu spielen, schaltet man in den Abenteuermodus. Hier können Kartenbauer besondere Befehle nutzen, um vorbestimmte Abläufe zu skripten und so etwa Cutscene-ähnliche Sequenzen auszulösen. Ansonsten ähnelt das Spielgefühl stark dem Überlebensmodus. Die Spielmodi werden im laufenden Spiel mit einem Konsolenbefehl gewechselt.

Grenzenlose Kreativität

Minecraft wird oft als virtuelles Lego beschrieben. Und tatsächlich besteht ein großer Reiz des Spiels für viele darin, sich eine Welt ganz nach den eigenen Vorstellungen zu schaffen. Als das Spiel zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt wurde, gab es nur den Kreativmodus. Das Spiel besaß noch keine Monster und die Spieler versuchten, sich gegenseitig architektonisch zu überbieten.

Zu den architektonischen Meisterwerken zählen unter anderem ein detailgetreuer Nachbau des Kontinents Westeros aus George R. R. Martins Romanzyklus „Das Lied von Eis und Feuer“, ein Nachbau der Festung Minas Tirith aus „Der Herr der Ringe“ und eine Zahl begehbarer Versionen der U.S.S. Enterprise. Eine Gruppe von Hobby-Historikern hat sogar die Stadt Peking nach einem historischen Stadtplan von 1845 nachgebaut.

Mit der Zeit ist eine große Zahl an Blöcken hinzugekommen. Mit Redstone erhielt Minecraft sogar eine Metapher für elektrischen Strom. Damit lassen sich funktionierende Schaltkreise bauen, die Türen öffnen und hydraulische Apparate bewegen können. Diese Schaltungen funktionieren so gut, dass es bereits 16-Bit-ALUs gibt, die gänzlich in Minecraft emuliert wurden – inklusive Block-basierter Displays, die Berechnungen anzeigen.

Im Überlebensmodus ändert sich Minecraft von einer Kreativ-Plattform zu einem Abenteuerspiel. Eines der vielseitigsten und gerade zu Beginn meistgebrauchten Materialien ist Holz. Mangels Axt schlägt man anfangs so lange auf einen Baumstamm ein, bis ein Holzblock herausspringt, aus dem sich Bretter, Stäbe und – nachts besonders wichtig – Fackeln herstellen lassen.

Außerdem braucht man zum Überleben in der Minecraft-Welt Nahrungsmittel, die man erjagen, angeln, sammeln oder anbauen kann. Einige Ressourcen findet man nur vereinzelt in bestimmten Landschaften. Pferde gibt es beispielsweise nur auf Grasland, Wölfe im Wald oder in Tundra-Gebieten, Ozelots im Dschungel. Diese Tiere lassen sich zähmen und züchten.

Das Erkunden neuer Gebiete gehört zu den reizvollen Aspekten von Minecraft, zumal der Weltgenerator immer neue Zufallswelten erstellt und das Spiel kaum Vorgegebenes enthält. Hochwertige Materialien wie Gold, Diamanten oder Redstone sind rar und nur in den untersten Blocklagen der Minecraft-Welt zu finden. Man kann den Titel des Spiels wörtlich nehmen und sich mit Spitzhacke und Schaufel bewaffnet in die Erde graben oder die zahlreichen Löcher und Höhlen erforschen. Unterirdisch zaubert der Weltgenerator verzweigte Höhlensysteme mit Grotten, Wasseradern und tiefen Lavaschluchten.

Welche Richtung der Spieler einschlägt, ob er sich als Höhlenforscher betätigt, als Entdecker auf Expedition geht oder eine mächtige Festung zum Schutz gegen Monster baut, hängt ausschließlich von ihm selbst ab, das Spiel macht keinerlei Vorgaben. Minecraft bietet nur eine Errungenschaftsliste, die man abarbeiten oder aber ignorieren kann. Hat der Spieler die normale Welt gemeistert, stellt ihm die Nether-Dimension, eine Art Minecraft-Hölle, neue Herausforderungen. Das Portal in die neue Dimension muss man selbst bauen und aktivieren.

Obwohl das Spiel selbst keinen Schluss besitzt, haben ihm die Entwickler ein Ende beschert – in Form einer weiteren gleichnamigen Dimension: Das Ende ist eine im Nichts schwebende Insel, auf der den Spieler der Enderdrache als Bossgegner erwartet. Anders als das Netherportal lässt sich das Endportal aber nicht zusammenbauen – man muss es finden und aktivieren. Hat man den Drachen besiegt, wird man mit einem Abspann belohnt und landet wieder in der normalen Welt am Ausgangspunkt der Reise.

Erweiterbare Würfelwelt

Für ein Spiel, dessen Entwickler sich seit Jahren schwertun, eine offizielle Modding-Infrastruktur zu integrieren, lässt sich Minecraft gut an eigene Wünsche anpassen. Spieler können nahezu alles einfügen, was das Herz begehrt: von ganzen Industrieanlagen mit Atomreaktoren über moderne Schusswaffen bis hin zu magischen Ponys. Und dazu kommen unzählige Erweiterungen, die das Aussehen des Spiels, die Soundeffekte und die Spielphysik komplett auf den Kopf stellen. Nur eins bleibt gleich: die Spielewelt besteht immer aus Würfeln – die man allerdings mit HD-Texturen aufhübschen kann.

Dabei hat sich das reine Grundspiel – das sogenannte „Vanilla-Minecraft“ – als regelrechte Spiele-Plattform etabliert. Spieler tauschen Abenteuerkarten aus und damit speziell vorbereitete Umgebungen, in denen der Spieler eine Handlung durchspielt; oft mit Rollenspielcharakter. Da Minecraft zwar Nicht-Spieler-Charaktere enthält, diese aber weder durch Sprache noch Text mit dem Spieler kommunizieren können, müssen Dialoge und Spielregeln umständlich über Schilder oder Bücher ins Spiel eingebettet werden. Das hält die Macher der Karten aber nicht davon ab, zum Teil sehr komplizierte Geschichten zu erzählen.

Eine offizielle Plug-in-Schnittstelle für das Spiel ist seit mindestens 2010 in Arbeit. Das Entwicklerstudio Mojang hat dafür mittlerweile mehrere Programmierer ins Team geholt, die vorher an der Entwicklung von inoffiziellen Modding-Schnittstellen beteiligt waren. Schon jetzt gibt es eine Vielzahl von Mods, die das Spiel stark verändern. Sollte es Mojang schaffen, dies und auch das Erzeugen von Mods weiter zu vereinfachen, sind noch viel mehr Erweiterungen aus der Minecraft-Gemeine zu erwarten.

Die Fans schaffen sich die Geschichte des Spiels auch zum Teil selbst. Beispielsweise der Wahlspruch des explodierenden Creeper-Monsters, dessen Spezialität es ist, Bauten der Spieler durch Explosionen zu zerlegen: Die YouTube-Minecrafter der Gruppe Yogscast gaben der Kreatur die Persiflage „That’s a nice house you have there. Sssshame if something happened to it …“ mit und verliehen so der vorher recht nichtssagenden Kreatur mehr Eigenleben. Der Spruch wird mittlerweile auf offiziellen Fanartikeln des Spiels verwendet – der Ideenaustausch der Entwickler mit der Community funktioniert in beide Richtungen.

Nicht selten wird eine von Fans entwickelte Erweiterung von den Mojang-Entwicklern vereinnahmt und in das Hauptspiel integriert. Diese Flexibilität der Entwickler hält Minecraft frisch, gibt Spielern immer wieder Neues zu entdecken und würdigt zugleich den Einsatz und die Kreativität der Fans.

YouTube als Handbuch

Minecraft war ursprünglich ein klassisches Ein-Mann-Projekt. Und auch als sich Persson dazu entschloss, mit Mojang eine Firma zu gründen, reichte die Zeit nur zum Entwickeln – die Dokumentation des Spiels blieb lange außen vor. So war der Einstieg für neue Spieler am Anfang nicht einfach. Recht schnell gaben erfahrene Spieler ihre Kenntnisse auf YouTube per Video weiter. Persson respektierte dies von Anfang an ausdrücklich – damals eine Seltenheit im Umgang einer Firma mit ihrem geistigen Eigentum.

Diese Freizügigkeit schuf eine Gemeinde von Videoproduzenten auf YouTube, wie sie kaum ein anderes Spiel aufweisen kann – das kleine Indie-Game Minecraft stellt hier so manchen Titel der großen Spieleschmieden in den Schatten. Die werbewirksamen YouTube-Videos sind nach wie vor die bevorzugte Informationsquelle vieler Minecrafter – obwohl mittlerweile auch ein offizielles Wiki mit Tausenden von Einträgen existiert. Gibt man bei YouTube den Suchbegriff „Minecraft“ ein, so erhält man über 33 Millionen Treffer.

Viele Freizeit-Entwickler stellen mithilfe von Videos ihre Abenteuerkarten, Texturpakete, Plug-ins und architektonischen Kreationen vor. So können andere Spieler vor einer Installation nachvollziehen, wie die Erweiterung aussieht und sich spielt. Sehr beliebt sind sogenannte „Let’s Plays“, Videos, in denen eine Person oder eine Gruppe von Spielern verschiedene Adventure Maps spielt, Mods ausprobiert oder selbstgestellte Herausforderungen angeht und das Ganze gleichzeitig kommentiert.

Diese Videos sind dermaßen erfolgreich, dass die bekanntesten Produzenten der Szene davon leben können. In Deutschland gilt Erik Range, bekannt unter dem Spitznamen Gronkh, als Vorreiter. Seine Minecraft-Serie hat die Marke von tausendzweihundert Folgen überschritten.

In England hat die Kommentatorengruppe Yogscast Teile eines Bürohochhauses angemietet und beschäftigt fast ein Dutzend feste Mitarbeiter. Die Marke Yogscast ist von Anbeginn untrennbar mit Minecraft verbunden und schaffte durch das Spiel ihren Durchbruch. Mittlerweile spielen und kommentieren Lewis, Simon & Co. auch andere Spiele und ihr YouTube-Kanal hat nach Angaben der BBC täglich über drei Millionen regelmäßige Zuschauer.

Blöcke, die die Welt bedeuten

Das Phänomen Minecraft ist nicht mehr auf das bloße Videospiel begrenzt, sondern hat längst die wirkliche Welt infiziert. Dank der vielen Fans hat Lego mittlerweile mehrere Minecraft-Sets produziert und somit das digitale Lego in die analoge Welt geholt. Auf der Minecon, einer jährlichen Fan-Messe, trafen sich zuletzt über 7000 Anhänger. Die Messetickets sind so begehrt, dass die einzelnen Kontingente stets in Sekundenschnelle ausverkauft sind.

Sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien und den USA wird Minecraft als Lehrmittel eingesetzt. Google nutzt beispielsweise ein eigens entworfenes Spiele-Plug-in, um Aspekte der Quantenphysik anschaulich darzustellen und so Kindern näher zu bringen. Googles Argumentation: Die Physiker der Zukunft sind heute Kinder und die spielen Minecraft – also müssen wir die Physik-Probleme von morgen in die Minecraft-Welt bringen. Google denkt wie einige engagierte Lehrer, die Mojangs Spiel als Vehikel begreifen, trockenen Schulbuchstoff interaktiv umzusetzen. Auch die Raspberry Pi Foundation bietet zusammen mit dem Entwicklungsstudio eine kostenlose Version des Spiels für ihren Mini-Computer an.

Einer der Ersten, der das Potenzial von Minecraft als Lehrmittel erkannte, ist Informatiklehrer Joel Levin aus New York – in der Fan-Gemeinde als „The Minecraft Teacher“ bekannt. Zusammen mit Persson und Mojang schuf er mit MinecraftEdu eine Version des Spiels für Bildungseinrichtungen. Diese enthält Werkzeuge, die es Lehrern erlauben, ihre eigenen Lerninhalte in Minecraft-Welten einzubauen. MinecraftEdu wird von über tausend Schulen weltweit eingesetzt, um Informatik, Mathematik, Physik, Geschichte und Erdkunde zu unterrichten.

In Deutschland treffen sich Mitarbeiter von Bibliotheken, Museen und Archiven im Rahmen der Facebook-Gruppe Games4Culture, um neue pädagogische Techniken mithilfe von Videospielen zu erschließen. Die Gruppe organisierte im Oktober 2013 zum Beispiel einen Bauwettbewerb zwischen mehreren Schulen in Wolfsburg.

Selbst Künstler entdecken die digitalen Würfel für sich. So gab es neben Filmprojekten eine Opernaufführung an der Virginia Tech University, welche die virtuelle Welt als Bühne nutzte. Und auch Londons renommiertes Victoria & Albert Museum für Design und Kunst beherbergte bereits eine erfolgreiche Ausstellung, die sich mit dem Kulturphänomen Minecraft auseinandersetzt.

Laut Erfinder Persson soll es erst einmal keine zweite Ausgabe von Minecraft geben. Auf absehbare Zeit will Mojang sich eher darauf konzentrieren, die ursprüngliche Version weiter auszubauen. Der stetige Fluss an Neuerungen hält die Spielergemeinde auch so bei Laune und sorgt dafür, dass der Quell der YouTube-Videos nicht verebbt. (fab)

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