Kampf um Wissen

Warum das wissenschaftliche Welt-wissen (noch) nicht den Weg nach Äthiopien findet

Wissen | Reportage

Viele westliche Staaten haben inzwischen erkannt, dass Forschungswissen nicht allein von kommerziell ausgerichteten Verlagen vermarktet werden darf. Gefördert wird deshalb das Publikationsmodell des Open Access. Für Länder wie Äthiopien bedeuten die derzeit favorisierten Open-Access-Verfahren aber nicht zwangsläufig auch freien Zugang zu qualitativ hochwertigem Forschungswissen. Wirklich förderlich wären ganz andere Konzepte der Wissensverbreitung.

B ildung sei die stärkste Waffe, um die Welt zu verändern, formulierte einst Nelson Mandela. Leider ist diese Waffe oft stumpf – vor allem in Afrika. Zwar hält die in den USA ansässige World Bank Group fest, das Bildungsniveau im Afrika südlich der Sahara sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, die Entwicklungsspezialisten der Weltbank wissen aber auch, dass die Qualität der Bildung insgesamt nicht mit dem quantitativen Wachstum Schritt gehalten hat. Trotz zum Teil enormer Investitionen in die Infrastruktur – Äthiopien beispielsweise hat die Zahl der öffentlichen Universitäten seit 1991 verzehnfacht – und stark gestiegener Studentenzahlen ist das Ausbildungsniveau im internationalen Vergleich weiterhin niedrig. Noch schlechter sieht es in der Forschung aus: Abgesehen von Arbeiten südafrikanischer Forschungseinrichtungen findet praktisch kaum ein eigenständiger afrikanischer Beitrag zur internationalen Spitzenforschung statt.

Ein wesentliches Kriterium von Bildung, insbesondere der Hochschulbildung, ist die Menge und Qualität an wissenschaftlichem Wissen, das Lehrern und Studierenden zugänglich ist. Dieses wird jedoch überwiegend in den westlichen Industrieländern produziert und dort von kommerziell ausgerichteten und multinational operierenden Verlagen in Form von wissenschaftlichen Zeitschriften und Lehrbüchern veröffentlicht. Die Nutzungsgebühren steigen seit Jahren deutlich stärker als die allgemeine Inflationsrate. Was paradox ist, denn der enorme technologische Fortschritt bei elektronischen Medien müsste eigentlich zu einer Verbilligung und Vereinfachung der Wissensverbreitung führen. Stattdessen ist eine gegenläufige Entwicklung zu verzeichnen, die auch an großen westlichen Universitätsbibliotheken nicht spurlos vorübergeht: Viele Bibliotheken sind heute gezwungen, Subskriptionen wissenschaftlicher Zeitschriften wegen explosionsartig gestiegener Kosten zu reduzieren. Für afrikanische Universitäten ist die Situation besonders prekär, da nicht nur generell weniger Geld zur Verfügung steht, sondern auch noch Devisenknappheit herrscht.

Aber es gibt auch Initiativen, die sich dafür einsetzen, wissenschaftliches Weltwissen erschwinglicher und breiter zugänglich zu machen. Diese Initiativen lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Auf der einen Seite die sogenannte Open-Access-Bewegung, auf der anderen Seite halbstaatliche wohltätige Organisationen wie INASP (International Network for the Availability of Scientific Publications) sowie UN-Organisationen, die den ärmsten Entwicklungsländern eine beschränkte Auswahl an wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern umsonst oder verbilligt zur Verfügung stellen. Insbesondere die von UN-Organisationen wie der World Intellectual Property Organization (WIPO), dem United Nations Environment Programme (UNEP) oder der Food and Agriculture Organization (FAO) getragenen Programme sind aber wenig transparent. So kennt kaum jemand die Auswahlkriterien für die offerierten Zeitschriften und Bücher. Sämtliche UN-Zugangsmodelle sind darüber hinaus befristet und an variable Armutskriterien gebunden. Eine Koordination zwischen den einzelnen Initiativen ist nicht erkennbar, zum Teil gibt es erhebliche Überlappungen. Die Gestaltung dieser Art des Zugangs zum Weltwissen entzieht sich jedoch der Beteiligung und Einflussnahme der Begünstigten.

Prof. Dr. Kindeya Gebrehiwot (links im Bild) wurde im Juni 2013 zum Präsidenten der Mekelle University ernannt. Mit sieben Colleges, acht Fachinstituten und mehr als 30 000 Studenten zählt die Hochschule im Norden Äthiopiens zu den größten Universitäten des Landes. Die Promotionsprüfung im Bereich Forstwissenschaften legte Professor Gebrehiwot an der Universität Freiburg ab.

Prof. Wolfgang Pittroff ist Dekan des „College of Natural and Computational Sciences“ an der Mekelle University. Den Doktorgrad (Ph. D.) in Grünlandökologie erlangte der gebürtige Idar-Obersteiner an der Texas A&M University in den USA.

Gold und Grün

Das Internet hat die Veröffentlichung wissenschaftlichen Wissens wesentlich vereinfacht und aus den Katakomben der Universitätsbibliotheken in eine breitere Öffentlichkeit gebracht. Immer öfter finden sich in Nachrichtenmedien Hinweise auf Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Diese Artikel sind leicht auffindbar, aber selten umsonst. Will man solche Artikel herunterladen, entstehen Kosten, die häufig zwischen 30 und 50 Euro liegen. Auf den ersten Blick scheint dieser Preis angemessen – schließlich handelt sich ja um hochspezialisierte Wissenschaftsliteratur. Kaum bekannt ist in der Öffentlichkeit aber, dass außer dem Vorhalten des Artikels auf einer Webseite wenig Kosten anfallen: Die Autoren bekommen nichts von den Einnahmen, die Editoren leisten ihre Dienste in der Regel ehrenamtlich. Und die Gutachter der Artikel – wissenschaftliche Artikel müssen vor der Veröffentlichung per Peer Review von unabhängigen, anonymen Gutachtern geprüft werden – arbeiten ebenfalls umsonst. Auch bei den Printausgaben sind die Entstehungskosten überschaubar.

Was Verlage aber nicht hindert, hemmungslos bei den Subskriptionspreisen zuzuschlagen. Britischen Bibliotheken wurden im Jahr 2011 rund 178 Millionen Euro allein für den Bezug wissenschaftlicher Zeitschriften in Rechnung gestellt. Dabei kämpfen Bibliotheken weltweit (und nicht nur in Afrika) sowieso schon mit sinkenden Budgets. Im angelsächsischen Raum wird diese Situation inzwischen auch als „Serials Crisis“ (Schriftenkrise) bezeichnet. Als Antwort auf die Kostenexplosion fördert die öffentliche Hand in vielen Ländern das Publikationsmodell des Open Access (OA). Wer ein wissenschaftliches Dokument unter Open-Access-Bedingungen publiziert, erlaubt anderen damit, dieses Dokument entgeltfrei herunterzuladen und zu nutzen.

Praktiziert wird das Open-Access-Modell derzeit in zwei Varianten. Beim „Gold Open Access“ verlagert man die Veröffentlichungs- und Zugangskosten vom Leser auf den Autor beziehungsweise den Auftraggeber einer wissenschaftlichen Arbeit. Ist ein Artikel zur Veröffentlichung akzeptiert, werden sogenannte „Article Processing Fees“ fällig, die durchaus vierstellige Dollar-Beträge erreichen können. Trotzdem – oder gerade deswegen – wächst die Zahl der Open-Access-Zeitschriften rasch und beständig. So listet das „Directory of Open Access Journals“ derzeit über 9800 wissenschaftliche OA-Zeitschriften, von denen allerdings nur rund die Hälfte indexiert ist, sodass auch gezielt nach bestimmten Artikeln gesucht werden kann. Insgesamt befinden sich gegenwärtig mehr als 1,5 Millionen Artikel in OA-Zeitschriften. Schon recht viel, aber immer noch kein Vergleich zu den weit über zwei Millionen Artikeln, die jedes Jahr in den rund 25 000 kommerziell vertriebenen wissenschaftlichen Zeitschriften erscheinen. Oft gehen Open-Access-Zeitschriften auf Initiativen von wissenschaftlichen Berufsverbänden oder einzelnen Forschungseinrichtungen zurück. Es gibt aber auch große Organisationen wie die SciELO (Scientific Electronic Library Online), die aus einem nationalen Projekt in Brasilien entstand und heute in 15 hauptsächlich südamerikanischen Ländern vertreten ist.

Das „Green Open Access“-Modell wiederum vereint stark heterogene Veröffentlichungswege: In sogenannten „Institutional Repositories“, also von Institutionen wie Universitäten, Forschungseinrichtungen oder Berufsverbänden eingerichteten „Online-Lagerhäusern“, werden die verschiedensten Publikationstypen vorgehalten. Darunter Preprints (noch unveröffentlichte Manuskripte, die bei kommerziellen Verlagen aber bereits zur Veröffentlichung eingereicht wurden), Konferenzbeiträge, Projektberichte, White Papers sowie Postprints, also Kopien von Artikeln, die schon in kommerziellen Wissenschaftsverlagen erschienen sind. Im Sinne einer akademischen Qualitätskontrolle dürfen allerdings nur die Postprints als vollwertige wissenschaftliche Beiträge gezählt werden, da sie das Prüfsiegel unabhängiger Gutachter tragen.

Ihre Bereitstellung in einem Repository erfordert das Einräumen von Zweitveröffentlichungsrechten durch den Verlag, in dem der Artikel zuerst veröffentlicht wurde. Vor allem öffentliche Einrichtungen der Forschungsförderung haben inzwischen damit begonnen, die Vergabe von Fördergeldern an ein solches Zweitveröffentlichungsrecht zu binden. In Ländern wie den USA, England, aber auch Deutschland laufen zudem Initiativen, die Vertragsbedingungen für Wissenschaftsverlage gesetzlich zu regeln und den Autoren grundsätzlich das Recht einzuräumen, ihre Artikel nach einer bestimmten Wartefrist in Repositories nachzuveröffentlichen. Da ein Autor in der Regel nicht gezwungen werden kann, seine Arbeit auf diesem Weg zugänglich zu machen, bedeutet die legale Möglichkeit, dies tun zu können aber nicht immer die Gewissheit, dass dies auch geschieht. Eine ständig aktualisierte Liste akademischer Green-OA-Repositories hält das Directory of Open Access Repositories (OpenDOAR) vor.

Öffentliche Hand

Wie offen der Kampf zwischen Wissenschaftlern und Universitäten auf der einen und den Verlagen auf der anderen Seite bisweilen geführt wird, belegen einige Beispiele. So berichtete der Guardian im Frühjahr 2012 über einen Aufruf der renommierten Harvard University an ihre Wissenschaftler, doch künftig bitte in Open-Access-Journalen zu veröffentlichen, damit die Universitätsbibliothek nach und nach die teuren kommerziellen Zeitschriften kündigen könne; deren Leiter bezeichnete das Geschäftsmodell der Verlage als „absurd“. Ärger rief auch die Nature Publishing Group (NPG) hervor: NPG wollte der California Digital Library – das Bibliothekssystem der Universität von Kalifornien – einseitige Preiserhöhungen von mehreren hundert Prozent aufdrücken. Der durchschnittliche Subskriptionspreis einer NPG-Zeitschrift wäre damit von rund 4500 Dollar auf über 17 000 Dollar gestiegen. Das Vorhaben wurde erst aufgegeben, nachdem die Universität ihre Wissenschaftler angewiesen hatte, in Zukunft alle bei NPG verlegten Zeitschriften zu boykottieren und dort nicht weiter zu veröffentlichen.

Dabei geht es den großen Wissenschaftsverlagen nicht schlecht. So erzielte beispielsweise der multinational operierende Elsevier-Verlag im Jahr 2010 laut der New York Times einen Nachsteuergewinn von 36 Cent pro Dollar Umsatz – das schafft nicht einmal Apple. Es ist also kein Wunder, dass auch die Autoren, die den erneuerbaren Rohstoff „Wissen“ umsonst zur Verfügung stellen, immer häufiger durch Boykottaufrufe rebellieren. Die Politik versucht ebenfalls, den Markt für Wissenschaftspublikationen durch gesetzgeberische Maßnahmen und Subventionen zu beeinflussen. Das Kernargument dabei: Da der größte Teil der in Fachzeitschriften veröffentlichten Forschungsarbeiten von öffentlicher Hand bezahlt werde, müssten der Allgemeinheit die Ergebnisse auch kostenfrei zugänglich gemacht werden.

Die National Institutes of Health der USA, größter Finanzier von Medizinforschung weltweit, gehörten mit zu den Ersten, die Open-Access-Bedingungen an die Gewährung von Forschungsmitteln knüpften. Auf ein allgemeingültiges Gesetz konnte sich der US-Kongress bislang aber nicht einigen. In Deutschland passierte eine Novelle des Urheberrechtsgesetzes mit der Verankerung eines Zweitveröffentlichungsrechts (nach Wartefrist von sechs bis zwölf Monaten) im September den Bundesrat. In Großbritannien sind gesetzgeberische Maßnahmen auf Grundlage der Empfehlungen einer Enquete-Kommission (Finch Report) eingeleitet worden, die eine erhebliche öffentliche Förderung des Green-OA-Modells beinhalten. Auch die Europäische Union fördert schon seit einiger Zeit recht massiv die Open-Access-Bewegung.

Weltweit stehen die Zeichen also auf Open Access – dass eine gigantische Veröffentlichungsindustrie mit zigtausenden Zeitschriften und durchaus nennenswerten Investitionen in eine Online-Bereitstellung vormals nur in Printform erhältlicher Zeitschriftenjahrgänge, Indexierungs- und Suchwerkzeuge einfach so das Feld räumt, ist allerdings nicht zu erwarten. Derzeit sind auch keine konstruktiven Ansätze seitens der kommerziellen Verlage zu erkennen, sich den veränderten Technologiebedingungen zu stellen und ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln, das außer wirtschaftlichem Gewinn auch einer zukunftsfähigen Verbreitung von solide aufbereitetem wissenschaftlichem Wissen dienen könnte.

Stattdessen werden Lobbyisten engagiert, um Open-Access-Initiativen insbesondere über das Internet offensiv anzugreifen – darunter der in Insider-Kreisen auch gerne als „Pitbull“ umschriebene PR-Profi Eric Dezenhall. Die wichtigste Anti-OA-Plattform wurde schon vor Jahren von der US-Verlegervereinigung Association of American Publishers lanciert und trägt pikanterweise die Abkürzung PRISM (Partnership for Research Integrity in Science and Medicine). Zur Taktik der Wissenschaftsverlage gehört inzwischen auch, selbst eine Reihe von Gold-OA-Wissenschaftsjournalen zu lancieren und diese recht aggressiv zu bewerben. Das erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, doch die Logik erschließt sich, wenn man systematisch die Schattenseiten von Open Access analysiert. Denn es gibt auch Argumente gegen Open Access, die in einer oft emotional geführten Diskussion nicht ausreichend beachtet werden.

Qualitätskontrolle

Stellt man kommerzielle und Open-Access-Veröffentlichungsmodelle gegenüber, sollte bei der Bewertung immer die Sicherung der wissenschaftlichen Qualität an erster Stelle stehen. Wissenschaftliche Qualität ist das Ergebnis von unabhängiger Begutachtung und editorialer Bearbeitung der eingereichten Manuskripte. Dabei wird untersucht, ob die zur Veröffentlichung eingereichte Arbeit den heute gültigen Standards wissenschaftlicher Solidität genügt. Da viele Entscheidungen in der Politik heute auf Grundlage wissenschaftlicher Forschungsergebnisse getroffen werden – von Energie- über Finanzfragen bis hin zu Arten- und Naturschutz –, sind an wissenschaftliche Veröffentlichungen immer höchste Qualitätsanforderungen zu stellen.

Die gebräuchlichste Metrik für eine Qualitätsbestimmung wissenschaftlicher Artikel ist der sogenannte „Journal Impact Factor“ (JIF), der angibt, wie oft Artikel einer bestimmten Zeitschrift zitiert werden. Der Messwert ist also nicht auf einzelne Artikel, sondern auf die Zeitschrift als Ganzes bezogen. Im Rahmen von wissenschaftlichen Untersuchungen wurde nun versucht, Nachweise dafür zu erbringen, dass der JIF von Open-Access-Journalen nicht hinter dem kommerzieller Zeitschriften zurücksteht. Doch eindeutig ist die Sachlage hier nicht – was unter anderem daran liegt, dass der JIF einfach nicht ausreicht, um wissenschaftliche Qualität zu beurteilen. Auch Zeitschriften mit den höchsten JIF-Werten wie Nature und Science müssen recht häufig schon veröffentlichte Artikel wegen nachträglich festgestellter Fehler fahrlässiger oder absichtlicher Natur zurückziehen. Außerdem kann der JIF nur innerhalb einer exakt definierten Disziplin die notwendige Eigenschaft der Vergleichbarkeit aufweisen. Wie aber soll man Forschungsgebiete so abgrenzen, dass eine quantitative Objektivität gewährt bleibt?

Aussagefähiger als der JIF ist das Renommee einer Zeitschrift hinsichtlich ihrer Qualität, eingereichte Manuskripte zu beurteilen. Jeder Wissenschaftler, der veröffentlicht, fungiert in der Regel auch als Gutachter, besonders häufig natürlich für Verlage, in denen er oder sie selbst veröffentlicht. Die Qualität dieses Peer Reviews kann sehr variabel sein, sowohl zwischen als auch innerhalb Zeitschriften. Aber es kann angenommen werden, dass solche Schwankungen in seit langem etablierten Wissenschaftsverlagen wohl eher geringer ausfallen, denn das wirtschaftliche Interesse forciert auch eine gewisse Qualitätskontrolle. Noch steht die Antwort aus, wie diese Erfahrung und Tradition sukzessive in Open-Access-Modelle überführt werden könnten. Es scheint eher unwahrscheinlich, dass private Unternehmen ihre über Jahrzehnte erworbene Expertise einfach verschenken. Daher sollte man eine Gefahr darin sehen, den Markt für wissenschaftliches Wissen in einem sich ständig verschärfenden, von politischen Interessen und nicht mehr nachvollziehbarem Gewinnstreben kontaminierten Konflikt zu belassen.

Diese Befürchtungen werden durch ein kürzlich in der Fachzeitschrift Science veröffentlichtes Experiment zusätzlich geschürt: Ein Autor fabrizierte einen „wissenschaftlichen“ Artikel zu experimenteller Krebstherapie voller handwerklicher und inhaltlicher Fehler und reichte ihn zur Veröffentlichung bei einer Reihe von Gold-OA-Journalen ein. Die überwiegende Mehrzahl akzeptierte den Artikel zur Veröffentlichung, darunter Gold-OA-Zeitschriften, die von renommierten kommerziellen Verlagen getragen werden. Der Autor äußerte den zutiefst beunruhigenden Verdacht, dass Gold-OA zunehmend als ein Weg zum schnellen Geld (über die Article Processing Fees) verstanden und missbraucht werden könnte.

Zwar kann diese Studie nicht als unparteiisch bezeichnet werden – Science ist stark gegen Open Access eingestellt – und sie darf auch kein abschließendes Urteil über die Qualität von Open-Access-Peer-Reviews im Vergleich zu herkömmlichen, kommerziellen Wissenschaftsjournalen fällen. Aber sie sollte zumindest als ein äußerst ernstzunehmendes Warnsignal aufgefasst werden, insbesondere in Anbetracht des starken politischen Drucks pro Gold-OA. Bisher gibt es leider sehr wenige verlässliche Informationen über die wissenschaftliche Qualität von OA-Journalen. Eine Ausnahme stellt die vom Bibliothekar der Universität von Colorado in Denver unterhaltene Website „Scholarly Open Access“ dar, die regelmäßig vor obskuren Publikationen warnt. Wir haben aber nicht den Eindruck, dass diese Informationsmöglichkeit ausreichend genutzt wird.

Schwachpunkte und Risiken

Für uns in Afrika ist neben der Qualität des veröffentlichten Wissens auch die Frage wichtig, wie unsere Forscher die Kosten für die Veröffentlichung in Gold-OA-Journalen aufbringen sollen. Fast jedes Land in Afrika stellt (wenn auch meist in höchst bescheidenem Umfang) einige Mittel für Forschung bereit. Diese extrem knappen Mittel im Effekt zu verringern, um Publikationskosten abzudecken, würde die Teilnahme afrikanischer Forscher an der internationalen Forschung nur noch weiter einschränken. Allerdings betrifft das Problem der Deckung von Article Processing Fees die Geisteswissenschaften in den wirtschaftlich weiterentwickelten Ländern genauso. Nur eine Minderheit der veröffentlichten geisteswissenschaftlichen Arbeiten stammt aus projektbezogener Forschung, finanziert aus öffentlichen Mitteln. Die in den vergangenen Jahren klar dokumentierte und oft kritisierte Einschränkung der Finanzierung geisteswissenschaftlicher Forschung würde unter einem Gold-OA-Modell noch mehr leiden. Das Problem der Verlagerung der Publikationskosten vom Leser auf den Autor würde für Forscher aus Entwicklungsländern praktisch unlösbar, wenn alle gegenwärtig kommerziellen Zeitschriften auf das OA-Modell umsteigen würden. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die etablierten Verlage mit ihren neu gegründeten OA-Zeitschriften genau dies austesten, um so auf die von der Politik forcierten Rahmenbedingungen vorbereitet zu sein.

Aber auch das Green-Open-Access-Modell hat entscheidende Schwächen. Zunächst ist eine zeitliche Beschränkung des freien Zugangs in vielen Disziplinen kontraproduktiv bis zur Negierung der Nützlichkeit dieses Wissens. Zum anderen gibt es keinerlei Garantie, dass öffentliche oder private Repositories die nötige Arbeit investieren können oder wollen, das dort gespeicherte Wissen leicht auffindbar und über lange Zeiträume konsistent verfügbar zu machen. Wie kann ein Autor sicher sein, dass sein Artikel in fünf oder zehn Jahren noch in der gleichen Form vorgehalten wird? Wie kann ein Autor sicher sein, dass seine Arbeit nicht verfälscht wird? Gerade in den Natur- und Medizinwissenschaften sind das Fragen von fundamentaler Bedeutung. Ein nicht kommerzielles Repository hat keinerlei wirtschaftlich begründetes Interesse, solche Integritäts-, Konsistenz- und Verfügbarkeitsverpflichtungen einzugehen. Und selbst wenn es staatliche Auflagen gäbe, wäre es kaum möglich, eine umfassende Kontrolle umzusetzen.

Das gleiche Problem besteht natürlich auch für OA-Zeitschriften, die nicht von renommierten Verlagen getragen werden. Die kommerziellen Verlage haben signifikante Investitionen in die Digitalisierung, Indexierung und Bereitstellung der früher nur im Druck vorhandenen Publikationen getätigt. Wie sollten vergleichbare Investitionen in Green-OA-Repositories finanziert werden? Es bestehen darüber hinaus keine Untersuchungen, inwieweit die allgemeine Verfügbarkeit und Auffindbarkeit von wissenschaftlichem Wissen in Gold- und Green-OA-Modellen derjenigen der kommerziellen Wissensbanken vergleichbar ist. Für Studierende und Forscher in Afrika bedeutet dies eine erhebliche Unsicherheit hinsichtlich des Abdeckungs- und Vollständigkeitsgrades ihrer Literaturrecherchen. Diese wird nicht durch vermeintlich hohe Trefferzahlen in Web-Suchmaschinen gemindert.

Ein zentrales, bisher zu wenig beachtetes Manko der Respositories und damit des Green-OA-Modells ist, dass sie außer (nach Peer Review) erfolgreich veröffentlichten Arbeiten auch Preprint- also „Pre-Peer-Review“-Manuskripte enthalten sowie Arbeiten, die in der veröffentlichten Form nie für den Peer-Review-Prozess intendiert (oder geeignet) waren. Damit stellt der Inhalt der Repositories ein schwer zu entwirrendes Gemenge dar, das sowohl wissenschaftlich solide Arbeiten als auch sogenannte „Grey Literature“ enthält, also Arbeiten, für die niemand bürgt.

Ein möglicher Verlust an wissenschaftlicher Solidität und Verlässlichkeit bedeutet ein enormes Risiko für politische Entscheidungen, die auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse gefällt werden. Die vielen größeren und kleineren Skandale, welche die UN-Klimaberichte seit Jahren begleiten, sind dafür ein bedrohliches, leider nicht ernst genug genommenes Symptom. Wir befürchten, dass insbesondere das Green-OA-Modell das Risiko für Fehlentscheidungen auf Grundlage falscher Informationen erhöht, ohne aber einen wirklichen Fortschritt im Zugang zu wissenschaftlich fundiertem Wissen in Afrika zu bewirken. Darüber hinaus erschwert die wachsende Menge an Inhalt höchst unterschiedlicher Provenienz in den Repositories – so vergleichsweise gering sie im Moment auch sein mag – die Aufgabe, Studierende zur Respektierung wissenschaftlicher Standards zu erziehen, wesentlich. Dies betrifft nicht nur uns in Afrika, wo Studenten kaum andere als frei verfügbare Quellen haben, sondern auch westliche Länder.

Kaum beachtet wird zudem der Aspekt, dass auch das Green-OA-Modell kommerzielle Zeitschriften benötigt, um zu funktionieren. Doch es ist kaum vorstellbar, dass Verlage ohne jede Einschränkung Wissen verfügbar machen werden, mit dem sie auch Geld verdienen könnten. Falls die politische Favorisierung des Gold-OA-Modells zu einer sukzessiven Verdrängung der kommerziellen Verlage führt, würde dies natürlich auch das Ende des Green-OA-Modells bedeuten. Daher ist kaum zu erwarten, dass in einem solchen Klima der Unsicherheit die großen Investitionen in Repositories für Qualität, Konsistenz, Verfügbarkeit und Auffindbarkeit stattfinden werden, die sie für eine befriedigende Nützlichkeit benötigen würden.

iTunes-Vorbild

Für Forscher und Studierende in Afrika hat es grundsätzlich Vorteile, wenn das Volumen an frei verfügbarem wissenschaftlichem Wissen weiter wächst. Aber es zeigt sich auch, dass die Qualität der verfügbaren Arbeiten auch innerhalb einzelner Wissensgebiete zunehmend divergiert – und transparent sind die Unterschiede oft erst einmal nicht. Zeichnen berufliche Organisationen für die Qualität der Veröffentlichungen in Open-Access-Modellen verantwortlich, mag ein gewisses Grundvertrauen in die Publikationsprozesse angebracht sein. Neue Anbieter werden aber lange brauchen, um sich ein solides Renommee im wissenschaftlichen Veröffentlichungsgeschäft zu erarbeiten. Die wissenschaftliche Klassengesellschaft besteht weiter, solange der Zugang zu den bekanntesten und am höchsten angesehenen Zeitschriften von wohltätigen, zeitlich und räumlich befristeten Taten abhängt, die uns weiterhin zu Almosenempfängern machen, und auf die wir keinerlei Einfluss haben.

Nach unserer Einschätzung haben die bisherigen Ansätze zur Überwindung von Zugangshürden zu wissenschaftlichem Wissen nicht zu einer grundsätzlichen und nachhaltigen Verbesserung der Situation für Studierende und Forscher in Afrika geführt. Darüber hinaus haben wir Zweifel, ob diese Ansätze langfristig geeignet sind, vollständig kommerzielle Modelle zu ersetzen. Wir betrachten es als höchst alarmierend, dass ein sogenanntes Briefing Paper aus dem Jahr 2010 mit dem Titel „The Impact of Open Access Outside European Universities“ der halb-staatlichen und aus Steuermitteln finanzierten europäischen Organisation „Knowledge Exchange“ mit keinem Wort auf die gewichtigen Nachteile, Probleme und bedrohlichen Risiken gegenwärtiger OA-Modelle eingeht. Damit werden der Bildungs- und internationalen Entwicklungspolitik ungeeignete, kontraproduktive Entscheidungsvorlagen geliefert.

Auf der anderen Seite ist das Verhalten der großen internationalen Wissenschaftsverlage nicht akzeptabel und eindeutig nicht intelligent. Investitionen in Lobbymaßnahmen zur Beeinflussung politischer Entscheidungen wären für diese Industrie weit besser in der Entwicklung zukunftsweisender Geschäftsmodelle angelegt. Statt zu testen, ob sich mit dem Gold-OA-Modell genauso viel Geld verdienen lässt wie mit dem herkömmlichen Modell, wäre sie vielleicht besser beraten, beispielsweise das erfolgreiche iTunes-Modell zu kopieren und zu verstehen, dass es lukrativer ist, 10 000-mal einen Artikel zu 0,49 Euro zu verkaufen, als 50-mal für 30 Euro.

Dieses Modell könnte nach und nach die teuren Bibliothekssubskriptionen ablösen und zudem riesige neue Märkte erschließen – selbst in Industrieländern. Profitieren würden davon beispielsweise auch Ärzte und Ingenieure, die kaum Zugang zu aktuellen Forschungsergebnissen haben. Das Wissen könnte für Patienten und Kunden sehr nützlich sein. Den öffentlichen Universitätsbibliotheken würden niedrigere Subskriptionskosten ermöglichen, ihre Katalog- und Suchsysteme weiter auszubauen, horizontal zu vernetzen und der Allgemeinheit umfassend zugänglich zu machen. In Äthiopien treiben wir diese Idee voran und denken, dass bald große Verlage mit uns ins Gespräch kommen werden. Auf jeden Fall erscheint es dringend notwendig, global einsetzbare alternative Veröffentlichungsmodelle zu entwickeln, die Wissen breiter verfügbar machen. Mit qualitativ hochwertigem Forschungswissen – egal ob in Printform oder digital – wären dann auch andere Länder in der Lage, mit mehr eigenen Arbeiten zur internationalen Spitzenforschung beizutragen. (pmz)

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