Fairsiegelt

Vom Öko- zum Fair-Zertifikat

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Das TCO-Logo zierte früher nur ergonomische Monitore, dann auch umweltfreundliche Laptops und PCs. Nun müssen die Hersteller die Arbeitsbedingungen in Asien verbessern, wenn sie das Siegel behalten wollen.

Seit 2004 hat sich der Umsatz mit fair gehandelten Produkten in Deutschland von 50 auf 500 Millionen Euro verzehnfacht. Immer mehr Menschen geben für Tee, Kaffee und Schokolade mit Fairtrade-Siegel gerne mehr Geld aus. Sie wissen, dass ein Teil davon in bessere Arbeitsbedingungen, Umweltstandards und Prämien für die Arbeiter fließt. Das Fairtrade-Siegel könnte in einigen Jahren auch auf Elektronik kleben.

Aber es gibt bereits heute ein Siegel für IT-Produkte, das Umwelt- und Sozial-Kriterien vereint: TCO enthält seit Kurzem einen grundlegenden Sozialstandard, der in den kommenden Jahren weiter angehoben werden soll. Zurzeit verlangt der Herausgeber des Siegels, das schwedische Unternehmen TCO Development, die Einhaltung aller Gesetze am Produktionsstandort und der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Diese schließen unter anderem Kinder- und Zwangsarbeit aus.

Zu den ILO-Normen bekennen sich fast alle Hersteller zwar schon. Aber TCO begnügt sich nicht mit Selbstverpflichtungen. Die Hersteller müssen jährlich unabhängige Prüfer in die Fabriken lassen, in denen TCO-zertifizierte Produkte zusammengebaut werden. Das gilt auch, wenn die Fabrik einem Auftragsfertiger wie Foxconn gehört. „Dadurch können die Marken die Verantwortung nicht mehr abschieben“, sagt Stephen Fuller von TCO. „Das war vermutlich der ambitionierteste Schritt in unserer Geschichte.“

Inzwischen hat Fuller die Berichte der Prüfer erhalten. Fabriken von 17 Marken, darunter Acer, Lenovo und Samsung, wurden untersucht. „Zwei der drängendsten Probleme sind die Arbeitnehmervertretung und die Beschwerdemechanismen“, lautet Fullers Fazit. „In vielen Fabriken kennen die Arbeiter ihre Rechte nicht oder fürchten Nachteile, wenn sie Vertreter wählen, und trauen den bestehenden Instanzen für Beschwerden nicht.“

Auch die Löhne will er verbessern. Weil die Arbeitskosten weniger als drei Prozent des Verkaufspreises ausmachten, sei eine Verdopplung denkbar. Ihm fehlt aber noch eine gute Berechnungsmethode für einen Lohn, der ohne die üblichen 60-Stunden-Wochen zum Leben genügt („living wage“).

Es ist noch offen, welche Punkte TCO 2015 in den Kriterienkatalog aufnimmt. Falls die Schweden wirklich höhere Stundenlöhne durchsetzen, wäre das ein Durchbruch. Die von Apple beauftragte Fair Labor Association (FLA) wollte ebenfalls einen „living wage“ berechnen und höhere Löhne bei Foxconn durchsetzen, erwähnte diese Punkte aber in ihren jüngsten Berichten nicht mehr.

Vom Kaffee auf den PC

Die Idee, das von Lebensmitteln bekannte Fairtrade-Siegel auf Elektronik zu übertragen, klingt erst einmal absurd. Das Siegel setzt bei den Rohstoffen an und verbessert die Bedingungen auf Plantagen. Ein Smartphone besteht allerdings aus über 1000 Komponenten, und diese aus rund 30 Metallen. Man müsste für ein rundum faires Phone also Fairtrade-Standards in hunderten Minen durchsetzen.

Doch TransFair, der Herausgeber des Fairtrade-Siegels, arbeitet zurzeit an einem Standard für Textilien, der auch am anderen Ende der Lieferkette ansetzt: bei der Produktion in Fabriken. So sollen die Bedingungen in Sweatshops in Bangladesh verbessert werden.

Deswegen findet Claudia Brück von TransFair die Idee von Fairtrade-Elektronik gar nicht absurd. Ein Standard für IT-Fabriken stehe zwar noch nicht auf dem Plan der nächsten zwei Jahre. „Aber bei ausreichendem Interesse seitens der Hersteller und Verbraucher und nachweislichem Erfolg in der Textilindustrie könnten wir relativ schnell einen Standard für die IT auflegen.“ Außerdem verweist sie auf die bereits mit Fairtrade-Siegel lieferbaren Metalle Gold, Silber und Platin. Bislang werden diese nur zu Schmuck verarbeitet.

Lax, laxer, Epeat

Der Blaue Engel ist noch nicht so weit wie TCO. Der Engel für Handys verlangt die Einhaltung der ILO-Kernnormen, aber bislang klebt dieses Siegel auf keinem Handy. Die Engel für PCs und Drucker enthalten noch gar kein Sozialkriterium. Immerhin sind ihre Öko-Anforderungen relativ streng.

Das amerikanische Epeat-Logo hat keinerlei Sozial- und nur lasche Öko-Kriterien. Das für TCO und den Blauen Engel nötige Gehäuse ohne PVC und bromierte Flammschutzmittel ist bei Epeat nur ein optionales Kriterium. Die Pflichtkriterien sind kaum ernst zu nehmen: Um die Anforderung „aufrüstbar mit üblichem Werkzeug“ zu erfüllen, brauchen Laptops keine austauschbare Festplatte und keinen erweiterbaren Speicher, es genügt ein USB-Anschluss. Außerdem hat Epeat versäumt, Kriterien für Tablets und Smartphones aufzustellen.

TCO hingegen deckt Monitore, PCs, Beamer und diverse Mobilgeräte ab. Tablets und Smartphones mit dem Siegel gibt es bislang nur von Samsung. Wenn die Kunden mehr Druck machen, dürfte die Auswahl aber schnell steigen. (cwo)

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