Gibt es ethische Elektronik?

Was Fairness, Nachhaltigkeit und Konfliktfreiheit in der IT bedeuten

Wissen | Hintergrund

Moral dient nun auch in der IT-Industrie als Verkaufsargument. Medien jubeln über das erste faire Smartphone, Intel bewirbt seine Prozessoren als konfliktfrei, und alle Hersteller wollen nachhaltig sein.

Kann ein Smartphone fair, konfliktfrei und nachhaltig sein? Nein, nicht einmal eins davon. Fangen wir mit der Fairness an. Unter dem Begriff versteht jeder etwas anderes, und es geht immer noch fairer. Einige denken an ein Smartphone, das ohne Kinderarbeit hergestellt wird, andere an „Made in Germany“, andere an gerechte Löhne in China.

Aber was ist gerecht? Ein Lohn, von dem man tatsächlich leben kann? Und eine Familie ernähren kann? Mit 60, 50 oder 40 Stunden Arbeit pro Woche? Nur für den Begriff Fairtrade gibt es eine allgemein anerkannte Definition: Bauern erhalten für ihre Rohstoffe mehr als den Weltmarktpreis sowie eine Prämie für Gemeinschaftsprojekte. Diese Idee könnte man auf die Elektronikindustrie übertragen, aber die Umsetzung würde in der Praxis scheitern, weil ein Smartphone mindestens 1000 Komponenten enthält.

Der Hersteller müsste die Arbeitsbedingungen bei Tausenden direkten und indirekten Zulieferern verbessern, um das Gerät als Fairtrade bezeichnen zu können. Nicht nur Foxconn, Hunderte Firmen und Minen rund um den Globus müssten mitmachen. Selbst wenn das Smartphone nur die Anforderungen an ein Fairtrade-Mischprodukt wie Müsli erfüllen soll, müssten 20 Prozent der Inhaltsstoffe Fairtrade-zertifiziert sein.

Konfliktfreiheit schadet den Armen

Ist wenigstens die Konfliktfreiheit realistisch, mit der Intel seit Kurzem für seine Prozessoren wirbt? Eine naheliegende Auslegung von konfliktfreier Elektronik wäre, dass Gewinne aus der Produktion keiner Kriegspartei zugutekommen. Also nicht den kongolesischen Warlords, die Tantal fördern, um Waffen zu kaufen. Aber die USA finanzieren ihre Drohneneinsätze mit Steuergeldern aus dem Silicon Valley – ist das kein Konflikt?

Es gibt eine andere Definition für Konfliktfreiheit, sie hat in den USA sogar Gesetzeskraft. Sie bezieht sich ausschließlich auf die kongolesischen Warlords, obwohl es auch in vielen anderen Ländern Konflikte um Rohstoffe gibt. Und die meisten Experten sagen, dass diese Definition bislang mehr geschadet als genutzt hat.

Laut dem US-Gesetz Dodd-Frank-Act ist ein Produkt konfliktfrei, wenn keine Mineralien drinstecken, von deren Abbau bewaffnete Gruppen im Kongo profitieren. Konkret geht es um Tantal, Gold, Zinn und Wolfram. Um Skandale zu vermeiden, versucht die gesamte Elektronikindustrie seit Jahren, die derartig definierten Mineralien aus ihrer Lieferkette zu verbannen. Intel ist der erste große Hersteller, der damit wirbt.

Doch der gutgemeinte Ansatz hat eine Nebenwirkung: Er wirkt bislang wie ein Kongo-Boykott und hat Tausenden Minenarbeitern die Existenzgrundlage entzogen – auch Arbeitern, die gar nicht im Bürgerkriegsgebiet schürfen und nicht von Milizen ausgenommen werden. Konfliktfrei heißt bislang meist einfach Kongo-frei. Anstelle der Ärmsten der Armen profitieren Bergbaukonzerne in Brasilien und Australien sowie Wirtschaftsprüfer, die die Konfliktfreiheit bezeugen.

Gummiwort Nachhaltigkeit

Der beliebteste neue Werbebegriff ist aber Nachhaltigkeit. Fast alle Hersteller geben jährlich Nachhaltigkeitsberichte heraus, der jüngste von HP hat 146 Seiten. Darin feiern sie ihre guten Taten aus allen Bereichen: energiesparende und schadstoffreduzierte Computer, Trainings für chinesische Fabrikarbeiter, Laptops für afrikanische Schulen.

Die meisten denken bei Nachhaltigkeit an die Umwelt. Und daran, den Planeten so zu nutzen, dass auch für unsere Nachkommen noch genügend übrig bleibt. In der Wissenschaft hat sich eine andere Interpretation etabliert. Nachhaltigkeit heißt dort, ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte gleichberechtigt zu berücksichtigen.

Egal, welche Definition man bevorzugt, natürlich kann ein Smartphone nicht nachhaltig sein. Ein börsennotiertes Unternehmen muss wirtschaftlichen Interessen den Vorrang vor sozialen und ökologischen geben, um einen Profit zu erwirtschaften. Und aus Umweltsicht ist nur ein nicht produziertes Smartphone ein gutes Smartphone.

Ein Fortschritt ist ein Fortschritt

Aber auch wenn ein Smartphone niemals fair, konfliktfrei und nachhaltig sein kann: Schritte in diese Richtung sind nötig. Für viele kann man moralisch argumentieren, für einige aber auch juristisch.

Denn die IT-Branche verstößt gegen klar definierte Mindestanforderungen an die Arbeitsbedingungen. Gegen die von 120 Ländern ratifizierten Normen der Internationalen Arbeitsorganisation, die Kinder- und Zwangsarbeit ausschließen sowie Vereinigungsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen verlangen.

Daran hält sich kein Hersteller, der in China produzieren lässt. Arbeiter dürfen dort generell keine Gewerkschaften gründen, und die meisten bestehenden Gewerkschaften vertreten nur die Interessen des Managements.

Chinesische Journalisten und Arbeitsrechtler decken auch immer wieder Fälle von Kinderarbeit und Pflichtpraktika auf. Zum Beispiel berichtete China Labor Watch Anfang Dezember von einem 15 Jahre alten Jungen, der nach seinem ersten Arbeitsmonat in einer iPhone-Fabrik von Pegatron an Lungenentzündung starb. Zwei Wochen später entdeckten Reporter bei einem großen Netzteilhersteller aus Shenzhen über 70 Kinderarbeiterinnen im Alter von 12 bis 14 Jahren.

Auch gegen lokale Gesetze verstößt die Branche. Das chinesische Gesetz erlaubt 40 Arbeitsstunden pro Woche plus maximal 36 Überstunden pro Monat (also im Schnitt 49 Stunden insgesamt pro Woche). Üblich sind in der Elektronikindustrie allerdings fünf bis sechs Zwölf-Stunden-Schichten am Fließband pro Woche und in Stoßzeiten sieben Schichten pro Woche.

2012 hatte Foxconn versprochen, die Arbeitszeiten bis Juli 2013 auf 49 Stunden pro Woche zu reduzieren und Lohnverluste auszugleichen. Laut der von Apple beauftragten Fair Labor Association arbeitete bis dahin aber über die Hälfte der Belegschaft von drei untersuchten Fabriken weiterhin mehr als 49 Stunden. Selbst das Minimalziel 60-Stunden-Woche halten Apple-Zulieferer nicht komplett ein. Allerdings muss man Apple zugute halten, diese Zahlen offenzulegen; andere Marken tun das nicht.

Schwere und leichte Schritte

Auch bei der Konfliktfreiheit gibt es Ansatzpunkte für Verbesserungen. Selbstständige afrikanische Schürfer würden profitieren, wenn die Industrie neue Lieferketten für Metalle aus dem Kongo aufbaut und gleichzeitig sicherstellt, dass Milizen die Schürfer nicht ausnehmen. Bislang gibt es das nur in Form zweier kleiner Pilotprojekte für Tantal und Zinn, die durch das Fairphone bekannt wurden.

Was aber können Verbraucher tun? Mittlerweile gibt es einige Optionen: Vorzeigeprojekte wie Fairphone und die faire Maus von Nager IT versuchen, die Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern Schritt für Schritt zu verbessern. Hersteller, die ihre PCs in Deutschland zusammenbauen, bieten jetzt schon überdurchschnittlich gute Arbeitsbedingungen.

Je länger man Smartphone und Laptop nutzt, desto besser wird die CO2-Bilanz. Und Siegel wie TCO und der Blaue Engel helfen bei der Auswahl umweltfreundlich konzipierter Geräte. TCO könnte außerdem schon bald erreichen, dass einige Hersteller die Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken verbessern. (cwo)

Artikel kostenlos herunterladen

Artikelstrecke
Anzeige
Artikel zum Thema
Anzeige