Pyrrhussieg

@ctmagazin | Editorial

Es war bisher nicht schwierig, mit den Zielen der Web-Standardisierungsorganisation W3C zu sympathisieren. Ein freies, offenes Web, ohne patentierte und lizenzkostenpflichtige Techniken, ja klar, wer wollte das nicht? In all ihrer akademischen Behäbigkeit stand diese Institution immer für das Wahre und Gute - ein Elfenbeinturm des technologischen Idealismus im Sumpf der Geschäftsinteressen und proprietären Versuchungen.

Doch von diesem Matsch bleibt immer mehr an der schimmernden Fassade kleben. Seit einigen Wochen irritiert das World Wide Web Consortium seine Jünger nachhaltig. Es sieht ganz so aus, als würden kommende HTML-Versionen eine Schnittstelle zur Verwaltung digitaler Rechte in Videos und Audiodateien enthalten.

W3C-Chef Tim Berners-Lee drängt persönlich darauf. Das ist insofern beachtlich, weil er bislang als leidenschaftlicher Verfechter des freien Wissensaustausches bekannt war. Die Idee dahinter: Viele Anbieter wollen ihre teuren Inhalte nur DRM-geschützt streamen. Das geht bisher nicht mit HTML5-Video, aber mit dem proprietären Flash - und Flash muss weg.

Es ist Irrsinn mit Methode: Um dem freien Web zum Sieg zu verhelfen, schränkt man die Freiheit ein. Damit offene Standards siegen, schiebt man dem Nutzer unkontrollierbare Software unter, die gegen seine Interessen arbeitet. Aber ist das vielleicht die Kröte, die man schlucken muss?

Wie hoch der Preis für den Pyrrhussieg des offenen Web werden könnte, lässt eine Randnotiz spüren: Das jüngste der knapp 400 Mitglieder im World Wide Web Consortium ist die MPAA, der berüchtigte Interessenverband der US-Filmindustrie, der im Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen bei jedem Vorstoß zur Internet-Regulierung den Säbel schwingt.

Es ist ein bisschen so, als hätte der Aufsichtsrat einer Schafherde beschlossen, den Wolf als neues Mitglied aufzunehmen. Eine Organisation, deren Raison d’Être das freie Internet ist, verbrüdert sich mit einer, die daraus einen Pay-TV-Kanal machen möchte. Noch vor wenigen Monaten hätte man sich MPAA und W3C nur als Antagonisten vorstellen können. Doch wer mit DRM flirtet, bekommt neue Freunde.

Solche Allianzen werden das W3C nach außen moralisch schwächen und nach innen lähmen. Einen Vorgeschmack darauf gibt die verfahrene Diskussion um den Schutz der Privatsphäre durch die "Do not track"-Technik - eine wunderbare Idee im Sinn der Anwender, von der sich aber einflussreiche W3C-Mitglieder wie Google bestimmt nicht ihr Geschäftsmodell kaputtmachen lassen.

Microsofts HTML-Sonderwege, Java-Applets, bald auch Flash-Anwendungen - das offene Web hat sich gegen sie alle durchgesetzt. Aber jetzt, kurz vor dem Sieg im Kalten Krieg gegen proprietäre Techniken, zeigt sich: Was im Internet schiefläuft, wird nicht mit der letzten Flash-App verschwinden. Und wenn das W3C vom Kurs abkommt, war das offene Web vielleicht noch nie so bedroht wie jetzt.

Herbert Braun Herbert Braun

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