Das Facebook-Stigma

@ctmagazin | Editorial

Vor der Übernahme durch Facebook schien WhatsApp das Nonplusultra der Chat-Apps zu sein. Wenn man mit seinen Freunden reden wollte, führte kein Weg darum herum. Dass WhatsApp seit Jahren Schlagzeilen mit mangelhafter Sicherheit und miserablem Datenschutz macht, interessierte niemanden. Die App übertrug lange Zeit alle Daten unverschlüsselt. Und immer noch werden die Adressbücher der Nutzer auf die Server des Herstellers hochgeladen. So landen dann auch die Telefonnummern von Leuten, die WhatsApp nie benutzt haben, in der Datenbank.

Mangelnde Sicherheit und Datenschutz reichten bis jetzt allerdings nie als Argument aus, beim munteren Gruppenkuscheln im Chat nicht mitzumachen. Auch die über Monate nicht geschlossenen Sicherheitslücken, die es Angreifern erlaubten, Accounts von Nutzern zu übernehmen, interessierten niemanden. Alle meine Freunde sind aber doch da, hieß es immer wieder.

Was also war nötig, um die erste große Abwanderungswelle bei WhatsApp auszulösen? Nicht etwa der Datenschutz-Super-GAU oder ein Authentifizierungssystem so löchrig wie Schweizer Käse. Nein, Auslöser war die Übernahme der Datenschutz-Dilettanten durch einen Technologieriesen, der einen noch schlechteren Ruf hat. Kaum kauft Facebook die Firma, wächst mein Threema-Adressbuch plötzlich auf das Zehnfache. Da nutzen auf einmal Leute den rundumverschlüsselnden Kryptomessenger, von denen ich seit Jahren nichts mehr gehört hatte.

Die durch die Nachricht von der Hochzeit mit Zuckerbergs Datenimperium losgetretene Massenempörung sagt aber viel mehr über Facebook aus als über WhatsApp. Sie zeigt, dass zwar jeder Zweite Facebook nutzt, aber niemand dem Dienst so wirklich vertraut. Die Leute, die sich von WhatsApp lossagen, weil Facebook die Firma gekauft hat, würden auch vom Facebook-Zug abspringen, wenn sie nur könnten. Facebook rettet nur, dass sich keine Alternative etablieren konnte, die datenschutzmäßig nicht wenigstens genauso bedenklich ist. Sorry, Google+, aber du gehörst halt der noch größeren Datenkrake.

Werden wir tatsächlich erleben, dass die WhatsApp-Mitglieder - Ende Februar waren es weltweit stolze 465 Millionen - dauerhaft wegbleiben? Das wäre dann ja doch das erste Mal, dass normale User wegen so belanglosem Zeugs wie Datenschutz konsequent reagieren. Ich denke, dass sich überhaupt nichts ändern wird. Die WhatsApp-User schimpfen noch ein paar Tage lang auf ihre Zwangsmitgliedschaft bei Facebook, einige wechseln zu Threema - und lassen WhatsApp weiterlaufen, weil sie sich nicht isolieren wollen. Schon deshalb wird aus der WhatsApp-Statistik nicht ein User verschwinden.

Fabian A. Scherschel Fabian A. Scherschel

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