Häuserkampf

Neue Strategien für die intelligente Heimvernetzung

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Googles spektakulärer Erwerb des Heimvernetzers Nest für 3,2 Milliarden US-Dollar hat die Unternehmen im Smart-Home-Markt aufgeschreckt. Viele sehen das Geschäft im Umbruch – der Wettbewerb fokussiert sich jetzt auf die beste Position als Plattformanbieter.

Rund 430 Unternehmen gibt es derzeit in Deutschland, die sich mit intelligenter Heimvernetzung beschäftigen. Die Umsätze in diesem Sektor summieren sich auf 1,6 Milliarden Euro. Aber beim Smart-Home-Fachforum des Branchenverbandes Bitkom im Rahmen der diesjährigen CeBIT rätselten die Experten mal wieder, warum sich der Markt bislang eher auf hochpreisige, maßgeschneiderte Einzellösungen beschränkt und die Erschließung der rund 40 Millionen deutschen Haushalte nicht so recht gelingen will.

Prognosen, Prognosen

Jahr für Jahr werden die Wachstumsprognosen wie auf Rollen entlang der Zeitachse in die Zukunft verschoben. Der Smart-Home-Studie 2013 zufolge, die Bernd Kotschi von Kotschi-Consulting auf der Bitkom-Veranstaltung präsentierte, ist der Durchbruch zum Massenmarkt nun für das Jahr 2017 angesagt. Bis 2025 werden Umsätze von insgesamt 22 Milliarden Euro erwartet. Die derzeitige Marktsituation beschreibt Kotschi als noch immer „fragmentiert und völlig unübersichtlich“ – es fehle „die Orientierung großer Marken“.

Schon die Vielfalt der Funkvernetzungssysteme kann Verwirrung stiften: ZigBee, Z-Wave, EnOcean, HomeRF, KNX-RF, HomeMatic, Bluetooth, DECT, WLAN – für nahezu alle Anwendungsfälle gibt es Lösungen. Auf Grundlage von ZigBee alias IEEE 802.15.4 ermöglicht zum Beispiel das Beleuchtungssystem Hue von Philips, LED-Lampen im Heim zu stimmungsgerechten Szenarien zu komponieren und diese mit dem Smartphone zu steuern. Der Heizungsbauer Buderus hat seine Wärmeerzeuger internetfähig gemacht und vermarktet ein Gateway, das nur noch mit dem Heimrouter verbunden werden muss, damit man mit einer Smartphone-App aus der Ferne auf die Heizungsregelung zugreifen kann. Den Server zum Datenaustausch zwischen Smartphone und Heizung stellt Bosch bereit.

Aber die meisten Angebote zur Heimautomatisierung, erklärt Dirk Schlesinger von Cisco, befänden sich in einem Silo: „entweder nur Heizung oder nur Beleuchtung oder nur Security“. Hinsichtlich der Integration zu einem Gesamtsystem konstatiert Schlesinger eine „beträchtliche Diskrepanz zwischen Hoffnung und Realität“. TK-Netzbetreiber, Energieversorger, Gebäudeausrüster, Hersteller von Haushaltsgeräten, IT- und Unterhaltungselektronik-Unternehmen – sie alle orientierten sich an der angestammten Kundschaft: „Es gibt unglaublich viele Standards, die nicht notwendigerweise miteinander kompatibel sind, und das wird sich in absehbarer Zukunft auch nicht ändern.“ Auch außerhalb Europas sei es nirgendwo gelungen, einen technischen Standard für „gewerkeübergreifende“ Smarthome-Anwendungen durchzusetzen.

Zunehmend gehen die Hersteller deshalb „Interoperabilitäts-Allianzen“ ein, die sich um einen Kernstandard herum bilden. Jüngstes Beispiel ist DECT ULE, die „Ultra-Low Energy“-Variante von DECT für die Heimautomatisierung, die im europaweit für DECT reservierten und lizenzfreien Frequenzband (1880–1900 MHz) operiert und verspricht, weniger störanfällig als das von vielen unterschiedlichen Anwendungen gemeinsam genutzte 868-MHz-Band für Funksysteme mit kurzen Reichweiten zu sein. Vor einem Jahr formierte sich die ULE Alliance, der inzwischen mehr als 40 Mitglieder angehören. In ihr engagiert sich auch der Berliner Spezialist für Heimrouter AVM, der vor allem auf WLAN, Powerline und DECT als Übertragungstechnologien setzt und sich damit für alle Anforderungen im Heimbereich gerüstet sieht.

Plattform-Betreiber

In das Gerangel um Marktanteile versucht derzeit die Telekom als Plattformbetreiber eine Bresche zu schlagen. Nach dem Vorbild von AT&T Digital Life in den USA will sie mit „Qivicon“ den Spartenanbietern vom Energiemanagement über die Sicherheitstechnik und Unterhaltungselektronik bis zu den Haushaltsgeräten ein attraktives Umfeld zur Vermarktung ihrer Dienste und Produkte bieten. „Eine Smart-Home-Plattform besteht für uns aus drei Elementen: Geräteanbindung, Funktionslogik und Partner-Schnittstellen“, erläuterte Holger Köpke auf der CeBIT. Technische Basis ist die Qivicon Home Base, die mit dem Home-Router verbunden wird und als zentrale Einheit die Endgeräte über das proprietäre Funkprotokoll HomeMatic der eQ-3 AG miteinander vernetzt. Zur Einbindung Qivicon-kompatibler ZigBee-Geräte gibt es einen USB-Funkstick. Gesteuert wird mit Apps der jeweiligen Hersteller per PC, Tablet oder Smartphone. Als Partner sind unter anderen EnBW, Miele, Samsung, Belkin und digitalSTROM mit an Bord.

Die Telekom ist nicht das einzige Unternehmen, das sich in diesem Bereich versucht. Im Oktober unterzeichneten ABB, Bosch, Cisco und LG eine Absichtserklärung zur Gründung einer gemeinsamen „Smart Home Joint Initiative“. Vorbehaltlich der Zustimmung des Kartellamtes wollen sie ebenfalls eine Plattform bereitstellen, die Herstellern, Software-Entwicklern und Anbietern von Dienstleistungen zur Verfügung stehen soll. Das Ziel sei die möglichst umfassende Abdeckung aller Smart-Home-Funktionen im Haus, erläuterte Cisco-Manager Schlesinger. Er betonte, „dass auch Konkurrenten die gleiche Plattform nutzen können, um Dienstleistungen für den Endkunden zu erbringen“. Zudem soll sie offen für innovative kleinere Firmen sein und ihnen „die Möglichkeit bieten, relativ schnell an den Markt zu kommen“. Schlesinger ist optimistisch, Mitte 2015 an den Start gehen zu können.

Voraussichtlich wird es in Deutschland demnächst noch einen weiteren Plattformbetreiber geben. „Der Markt ist groß genug“, meint Michael Westermeier von der RWE Effizienz GmbH. Das Unternehmen vermarktet „RWE SmartHome“, eine rund ums Energiesparen eingeführte Paketlösung, mit der sich Thermostate, Schalter, Rollladensteuerungen oder Brandmelder per Cloud-Dienst verknüpfen lassen. Das System stützt sich wie Qivicon im 868-MHz-Band auf das proprietäre Funkprotokoll HomeMatic, ist aber weder zu Qivicon noch zu den im Versandhandel erhältlichen HomeMatic-Systemen von eQ-3 kompatibel. Mit mehr als 100 000 verkauften Geräten ist RWE SmartHome nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland. Jetzt will sich das Essener Unternehmen für Drittanbieter öffnen und wie Qivicon und die ABB/Bosch/LG/Cisco-Initiative als Makler zwischen Smart-Home-Dienstleistern und Endkunden betätigen.

Sicherheitsbedenken

Sicherheitsaspekte der Heimvernetzung spielten auf dem CeBIT-Forum nur eine untergeordnete Rolle – der Schutz von Userdaten gilt anscheinend als Selbstverständlichkeit. Offensiv stellte niemand sein Sicherheitskonzept heraus. „Wenn die Hersteller es nicht schaffen, die Sicherheitsbedenken aus der Welt zu schaffen“, meinte Bernd Kotschi zwar, „dann werden die meisten von den Produkten Abstand nehmen – kein Hauseigentümer will, dass man in sein Heim gucken kann.“ Doch mit welchen Architekturen die Sicherheit am besten garantiert werden kann und in welcher Weise die Funktionslogik eines Smarthome-as-a-Service die unsichtbare Schnittstelle zwischen der User-Domain und der Betreiber-Domain verschiebt – auf diese Diskussion lässt sich offenbar niemand gern ein. Punkte sammelt man im Marketing nicht bei aufgeklärten Kunden, sondern mit den Faktoren Komfort und Bequemlichkeit. (pmz)

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