Prozessorgeflüster

Von teuren Platzhirschen und geschenkten Gäulen

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Nvidia verschenkt Spielkonsolen, verändert Roadmaps und bekommt wieder mehr Konkurrenz. Microsoft verschenkt DOS 2.0 und SPEC gibt zwei GPU-Benchmark-Suites heraus. Richtig blechen muss wohl Marvell.

Wenn eine Firma auf Entwicklerkonferenzen großzügig Hardware verschenkt, dann stimmt meist was nicht. Microsoft etwa hatte auf der Build 2011 5000 Samsung-Tablets mit Windows 8 unters Volk geworfen, ohne dass sich das besonders wohltuend auf den Windows-Tablet-Markt ausgewirkt hätte. Mit – laut Markforschungsinstitut Gartner – gerade mal 4 Millionen Windows-Tablets im letzten Jahr blieben die Redmonder unter ferner liefen weit hinten im Abspann. Allerdings ist Microsoft unverdrossen und will nach Kenntnis von DigiTimes in diesem Jahr 25 Millionen Windows-Tablets an den Mann und die Frau bringen. Ob sich bei denen allerdings noch irgendwer für Windows RT erwärmen kann, bleibt mehr als fraglich. So kann ja nun Microsofts neuer Chef Satya Nadella auf der erst kurz nach Redaktionsschluss beginnenden Build 2014 in San Francisco noch ein paar tausend Tablets mit Windows 9 und Spracherkennung verteilen oder alternativ mit ’nem alten DOS 1.1 oder 2.0, das Microsoft jetzt offiziell im Source-Code freigibt.

Zuvor zeigte sich ein paar Meilen weiter südlich auch schon Nvidia-Chef Jen-Hsun Huang spendabel und überreichte voller Excitement jedem Teilnehmer der GPU Technology Conference GTC eine Shield-Spielkonsole. Wollte er so die Verbreitung der Konsolen steigern … oder vielleicht nur davon ablenken, dass Nvidia hinter den Kulissen offenbar mit allerhand Problemen zu kämpfen hat? Warum sonst hat Nvidia seine Roadmap unkommentiert völlig umgeschmissen (siehe S. 38)? Dass das aus reinem Marketing geschah, um auf der GTC etwas „Neues“ präsentieren zu können, dürfte unwahrscheinlich sein, schließlich wollen Investoren, Kunden und PC-Hersteller vor allem Kontinuität und (Planungs-)Sicherheit.

Frischer Wind weht Nvidia auch aus anderen Ecken entgegen, etwa von einem Konkurrenten, den Nvidia im HPC-Bereich schon aus dem Rennen geworfen sah. AMD hat Nvidia nicht nur bei Apples hübschem „Papierkorb“ namens Mac Pro aus dem Rennen geworfen, sondern wird dieser Tage mit einer interessanten neuen GPU-Karte für leistungsfähige Workstations nachlegen, der W9100. Mit 5,6 TFlops bei einfach (SP) und 2,67 TFlops bei doppelt genauen Berechnungen (DP) sowie mit 16 GByte Speicher – das twitterten aufgeregte AMD-Mitarbeiter unter #AMDFirepro schon vorab – will diese dem Platzhirschen Nvidia kräftig Paroli bieten. Damit ist sie bei DP immerhin 50 Prozent schneller als die beste Quadro K6000 bei vermutlich etwa dem gleichen Preis. Außerdem, so zwitscherte es weiter, besitzt sie sechs Ports für 4K-Displays.

Die GPU-Software-Umgebung CUDA als Argument sticht derweil auch nicht mehr so wie früher. Langsam, aber sicher kommt auch das von Apple, AMD, Nvidia, Intel und anderen gemeinsam spezifizierte OpenCL in Fahrt. In der kommenden Version 2.0 unterstützt es auch die modernen Adressiermodelle. Doppeltgenaue Berechnungen sind seit OpenCL 1.2 ebenfalls kein Thema mehr. Die gehören über die Erweiterung „cl_khr_fp64“ zum Sprachumfang, falls der Treiber es anbietet.

GPUs im Visier

Von Apple gibt es einen hübschen neuen Apfelmännchen-Benchmark in OpenCL und die Standard Performance Evaluation Corporation SPEC hat kürzlich unter dem Namen SPEC Accel zwei Benchmark-Suites fertiggestellt, eine für OpenACC (SPEC_acc) und eine für OpenCL (SPEC_ocl). OpenACC ist eine über Pragmas gesteuerte GPU-Erweiterung für „faule“ C++- und Fortran-Programmierer, ist sie doch ähnlich einfach zu benutzen wie das bei dieser Klientel weit verbreitete OpenMP. SPECs OpenCL-Benchmarks erfordern etwas mehr Programmiererfähigkeiten. Sie beruhen noch auf OpenCL 1.1/1.2, da sie aus den bereits längere Zeit bestehenden Suites Parboil und Rodinia der Universitäten von Illinois at Urbana-Champaign und Virginia abstammen.

Auch zwei deutsche Universitäten haben als Non-Profit-Mitglieder an SPEC Accel mitgewirkt und erste Ergebnisse veröffentlicht: die RWTH Aachen und die Technische Universität Dresden. Löblicherweise haben die SPEC-Entwickler auch daran gedacht, neben der reinen Performance die Energieeffizienz zu berücksichtigen. Gemessen wird nach der bewährten Methode von SPECpower die Gesamtenergieaufnahme des Systems inklusive aller Hauptprozessoren – so welche da sind. Leider werden auf www.spec.org/accel die Energy-Werte (noch) nicht mit in der Übersichtstabelle angezeigt, dazu muss man die einzelnen Reportdateien öffnen.

Bislang findet man auch nur Nvidia-Tesla und -Quadro-Karten in unterschiedlichen Boost-Modi und kompiliert mit zwei verschiedenen Compilern. Der jetzt zu Nvidia gehörende PGI-Compiler scheint dabei bei OpenACC klar die Nase vor dem Cray-Compiler zu haben. PGIs im Februar herausgekommene neue Compiler mit OpenACC 2.0 unterstützen auch AMD-GPUs, wie fair das aber in Zukunft aussehen wird, steht in den grünen Sternen.

Unter den Unis, die schon seit Längerem bei SPEC mitarbeiten, befindet sich auch die Carnegie Mellon University. Beispielsweise bekam auf der gerade beendeten SPEC-Konferenz in Dublin ein PhD-Student dieser Uni den „SPEC Distinguished Dissertation Award 2013“ überreicht. Auch manche SPEC-Benchmarks (etwa 482.sphinx3 in cpu2006) stammen von hier. Taschengelder, wie man sie als Anerkennung von SPEC für solche Benchmarks bekommt, hat Carnegie Mellon allerdings nicht nötig, die pennsylvanische Alma Mater hat da bessere Einnahmequellen. In zweiter Instanz wurden ihr jetzt von einem Bezirks-Gericht in Pittsburgh 1,54 Milliarden Dollar Schadenersatz von Maxwell wegen Patentverletzung zugesprochen, erstinstanzlich lag die Summe bei „nur“ 1,17 Milliarden. Carnegie Mellon wollte jetzt aber sogar 3,5 Milliarden einklagen.

Marvell sieht weder die Patentverletzung noch die Schadenshöhe ein und wird vermutlich vor das Berufungsgericht nach Washington ziehen. (as)

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