Murks und Mode

Experten diskutieren über Ursachen der Wegwerfkultur

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Verbraucherschützer werfen der Industrie vor, absichtlich Schwachstellen in ihre Produkte einzubauen. Eine Studie des Umweltbundesamtes zeigt aber: Konsumenten entsorgen immer mehr Geräte, bevor diese kaputtgehen.

Eine Digitalkamera, deren Akku-Deckel bricht, weil er aus billigem Plastik besteht. Ein Fernseher, dessen Kondensatoren platzen, weil sie zu dicht an heißen Bauteilen sitzen. Ein Küchenmixer mit einem minderwertigen Kugellager.

Über 3000 Beispiele dieser Art hat Stefan Schridde auf seiner Webseite „Murks, nein danke!“ gesammelt. Sein Fazit: Die Hersteller vermurksen ihre Produkte mit Absicht, und zwar heute öfter als früher. Die Verbraucher seien daran unschuldig und dürften sich nicht zum Sündenbock der Industrie machen lassen.

Aber kann man wirklich von Einzelfällen aufs große Ganze schließen? In seinem neuen Murks-nein-danke-Buch räumt Schridde ein: Er könne zwar eine Vielzahl von Belegen liefern, aber die Forschung stehe erst noch am Anfang.

Genau aus diesem Grund gab das Umweltbundesamt (UBA) vor zwei Jahren, als die uralte Obsoleszenz-Diskussion wieder aufflackerte, eine Studie in Auftrag. Forscher der Uni Bonn und des Freiburger Öko-Instituts sollten eine fundierte Datengrundlage schaffen. Bislang sei die Diskussion zu sehr durch eine „anekdotische Herangehensweise geprägt“.

Das Umweltbundesamt wird erste Zwischenergebnisse der Studie erst im Januar veröffentlichen, aber eine Zusammenfassung wurde vorab auf einer Konferenz der Hochschule Pforzheim vorgestellt. Sie enthält vor allem Daten zur Erst-Nutzungsdauer von Notebooks, Fernsehern und Großgeräten – und zu den Ursachen für den Neukauf. Die überraschendsten Erkenntnisse lauten:

 Ursachen: Die meisten Verbraucher kaufen einen neuen Fernseher, bevor ihr altes Gerät einen Defekt hat. Zumindest bei diesen Geräten spielt der Wunsch nach einem besseren Modell also eine größere Rolle als die Lebensdauer.

 Trends: Aus den Daten lässt sich kein allgemeiner Trend zur kürzeren Lebensdauer ablesen. Vielmehr gab es unterschiedliche Entwicklungen bei Haushaltsgroßgeräten, Notebooks und Fernsehern.

Die Rolle der Verbraucher

Grundlage der Studie sind Umfragen der Gesellschaft für Konsumforschung in 15 000 Haushalten. So erfuhren die Forscher, warum Verbraucher sich neue Flachbildfernseher gekauft haben. Im Jahr 2012 war in 25 Prozent der Fälle ein Defekt des alten Fernsehers die Ursache und in über 60 Prozent der Fälle der Wunsch nach einem besseren Modell. „Da sprechen wir von psychologischer Obsoleszenz“, kommentiert Siddharth Prakash vom Öko-Institut.

Bei Notebooks ist der Wunsch nach einem besseren Gerät hingegen genauso häufig die Ursache für den Neukauf wie ein Defekt. 2004 sah das noch ganz anders aus: 70 Prozent der Konsumenten kauften neu, obwohl das alte Notebook noch funktionierte. Auf die Ursache für diesen Wandel geht die Studie nicht ein. Denkbar ist, dass die Konsumenten mittlerweile hauptsächlich Smartphones und Tablets nutzen und deshalb seltener ein neues Notebook wollen.

Auf GfK-Daten zu Smartphones konnten die Forscher nicht zugreifen, deswegen verweisen sie auf Umfragen der Stiftung Warentest. Denen zufolge kaufen sich 42 Prozent der Konsumenten alle zwei Jahre oder häufiger ein neues Smartphone. Der wichtigste Grund für den Neukauf ist der Wunsch nach einem besseren Modell, gefolgt vom Abschluss eines neuen Vertrags. Defekte spielen eine kleinere Rolle (siehe Grafik).

Auffällig finden die Forscher auch die hohe Zahl von funktionierenden Großgeräten wie Waschmaschinen und Kühlschränken, die von den Besitzern entsorgt werden: „Hier steigerte sich der Gesamtanteil auf fast ein Drittel aller Ersatzkäufe.“

Nutzungsdauer und Lebensdauer

Die psychologische Obsoleszenz ist also auf dem Vormarsch – und das führt zu kürzeren Nutzungsdauern. Im Jahr 2004 hatten ersetzte Großgeräte im Schnitt 14,1 Jahre auf dem Buckel, im Jahr 2013 nur noch 13 Jahre. Bei Notebooks und Flachbildschirm-TVs gab es kaum Verschiebungen; auffällig ist aber der Unterschied zwischen Flachbild-TVs und Röhren: Erstere wurden 2012 nach 5,6 Jahren ersetzt, Letztere erst nach 12 Jahren.

Stimmt also die These, dass die Geräte immer früher kaputtgehen? Vorsicht: Die Erst-Nutzungsdauer ist nicht zu verwechseln mit der Lebensdauer. Sie verrät nur, wie lang Geräte im Durchschnitt von ihren Erstbesitzern genutzt wurden, bevor sie aus irgendeinem Grund ersetzt wurden.

Um die These zu überprüfen, müsste man wissen, wie lange alle verkauften Geräte im Schnitt durchgehalten haben, inklusive Zweitnutzung. Diese Daten liefert die Studie allerdings nicht. Sie verrät lediglich die Lebensdauer jener Geräte mit Defekt.

Bei Großgeräten treten Defekte, wenn sie auftreten, heute etwas schneller ein als früher: nach durchschnittlich 12,5 Jahren statt nach 13,5 Jahren. Der Anteil der Geräte, die nicht einmal fünf Jahre durchhalten, ist auffällig gestiegen, von 3,5 auf 8,3 Prozent der Ersatzkäufe. Bei Notebooks und Flachbild-TVs treten Defekte allerdings nicht früher auf als vor einigen Jahren. Die pauschale Aussage „früher war alles besser“ stimmt also nicht.

Unter dem Strich zeigen die vorab vom UBA veröffentlichten Daten: In einigen Bereichen wird die Nutzungsdauer kürzer, aber daran sind die Verbraucher alles andere als unschuldig. Damit widerspricht die Studie einer zentralen These von Schridde. Aber das UBA sagt auch, dass „die Zahlen Trends zeigen, denen entgegengewirkt werden sollte“.

Absicht oder nicht?

Bleibt die Frage, ob die Hersteller die Lebensdauer ihrer Produkte absichtlich begrenzen, der Obsoleszenz-Zeitpunkt also geplant wird. Darauf geben alle Teilnehmer der Diskussion dieselbe Antwort, sie formulieren nur unterschiedlich.

Siddharth Prakash vom Öko-Institut sagt: „Es ist unumstritten, dass Geräte auf eine technische Lebensdauer hin ausgelegt werden.“ Albert Albers, Leiter des Karlsruher IPEK-Instituts für Produktentwicklung, sagt: „Hersteller planen, wie lange ein Produkt halten soll.“ Hubertus Primus, Vorstand der Stiftung Warentest meint: „Um möglichst kostengünstig zu produzieren, muss die geplante Gebrauchsdauer möglichst genau getroffen werden.“

Jürgen Reuß, Autor des Buches „Kaufen für die Müllhalde“, sagt: „Obsoleszenz steckt heute praktisch in jedem Produkt durchgeplant drin.“ Schridde spricht von „geplantem und verfrühtem Verschleiß“.

Die erste Fraktion spricht die Nutzungsphase der Produkte an, die zweite Fraktion bezieht sich auf die Entsorgungsphase. Im Prinzip sagen aber alle dasselbe, sie sprechen nur unterschiedliche Zeitpunkte an.

Vermutlich würden auch viele Hersteller zugeben, dass sie die Lebensdauer ihrer Produkte planen, um nicht unnötig teuer zu produzieren –, wenn sie keinen Imageschaden durch solche Aussagen befürchten müssten. Warum sollte Apple als gewinnorientiertes Unternehmen ein iPhone bauen, das zehn Jahre hält, wenn die allermeisten Kunden sowieso nach spätestens zwei Jahren ein neues kaufen?

Uneinigkeit herrscht in der Frage, ob Hersteller die Nutzungsdauer durch einzelne Sollbruchstellen verkürzen, also ihre eigenen Produkte sabotieren. Viele Verbraucher sind davon fest überzeugt. Eine solche Strategie erscheint aus Herstellersicht allerdings sinnlos, weil der Rest des Gerätes dann überdimensioniert wäre, also in der Produktion unnötig teuer. Ganz zu schweigen vom Image-Gau, wenn die Sabotage ans Licht käme.

Lebensverlängerungsmaßnahmen

Je länger ein Gerät genutzt wird, desto besser für die Umwelt, betonen die UBA-Forscher am Ende ihres Vorab-Papiers. Das gelte meistens auch dann, wenn das neue Gerät weniger Strom verbraucht als das alte – wegen des hohen Aufwands an Material und Energie für die Produktion.

Deshalb präsentieren sie einige Vorschläge, wie die Politik gegen zunehmende Obsoleszenz agieren könnte: mit strengeren Anforderungen an die Produkte selbst, mit Informationspflichten und freiwilligen Umweltzeichen wie dem Blauen Engel. Erste Regeln sind schon verabschiedet. Die EU schreibt zum Beispiel ab 2017 eine Mindest-Lebensdauer von Staubsauger-Motoren vor (500 Stunden). Notebook-Hersteller müssen seit Kurzem auf der Verpackung auf nicht wechselbare Akkus hinweisen.

Verbraucherschützer haben andere Ideen, beispielsweise deutlich längere Gewährleistungsfristen. Andere meinen: Wenn die Hersteller die Lebensdauer ihrer Gesamtprodukte ohnehin kennen, sollten sie diese Information auch gefälligst auf die Verpackung schreiben. Technik-Experten betonen jedoch, dass die Lebensdauer von Komponenten und Produkten schon auf dem Prüfstand um bis zu 20 Prozent schwankt. Entsprechend größer seien die Unterschiede in der Praxis – je nachdem, wie die Verbraucher mit ihren Produkten umgehen. (cwo)

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