Riese mit Minderwertigkeitskomplex

@ctmagazin | Editorial

Damit Windows 10 wirklich zum Hit wird, ist Microsoft offenbar alles recht. Das Startmenü kommt zurück - ganz gleich, ob man es braucht. Sogar ein Upgrade von Windows 7 soll möglich sein - bisher ging sowas nur von einer Version auf die nächste.

Im ersten Jahr soll das Upgrade auf Windows 10 nicht mal was kosten. Nur logistische Probleme scheinen Microsoft davon abzuhalten, jedem willigen Umsteiger wahlweise ein niedliches Kätzchen oder einen hechelnden Welpen in die Hand zu drücken.

Doch Ende März hat Redmond den Bogen überspannt. Da erhielten Rechner mit Windows 7 und 8.1 ohne Rückfrage das Update KB3035583. Es erweitert Windows Update um "zusätzliche Funktionen" - mehr erklärt Microsoft nicht. Ein tiefer gehender Blick offenbart den Grund: Der einzige Zweck von KB3035583 besteht darin, Anwender zum Upgrade zu ermuntern.

Kern des Updates ist ein Programm namens GWX.exe; GWX steht für "Get Windows 10". GWX sieht jeden Tag bei Microsoft nach, wie weit Windows 10 ist. Schon vor der Fertigstellung des Codes blendet GWX erste Werbung ein. Wenig später bietet es Update-Willigen die Möglichkeit, sich vormerken zu lassen - Windows als Exklusiv-Event. Später koordiniert GWX auch den Update-Vorgang.

Das wäre kaum erwähnenswert, wenn Microsoft seinen Downloader offen als solchen deklariert hätte. Stattdessen folgten auf GWX still weitere Updates, die Systeme auf mögliche Kompatibilitätsprobleme abklopfen - zu Windows 10.

Hätte Microsoft das alles als optionales "Windows 10 Readiness Pack" angeboten, hätte jeder entscheiden können, ob er das braucht oder nicht. So ist GWX ein massiver Vertrauensbruch.

Man sollte davon ausgehen dürfen, dass empfohlene Updates real existierende Probleme beseitigen. Jetzt sieht Microsoft offenbar alle existierenden Windows-Installationen als Problem. Wer sich nicht zum Upgrade drängen lassen will, muss KB3035583 deinstallieren und die Update-Einstellungen umkonfigurieren, sonst kommt es zurück (siehe Seite 35).

Was bewog die Entscheider in Redmond dazu, sich derart in den Fuß zu schießen? Minderwertigkeitskomplexe etwa - "Nennen wir das Kind beim Namen, wird es keiner wollen"? Oder will Microsoft möglichst schnell Windows 10 auf breiter Fläche durchdrücken, weil es etwas zu verstecken gilt? Die Taktik macht misstrauisch.

Meine Einstellung zu Windows 10 hat der GWX-Updater jedenfalls gründlich verändert. Noch im März freute ich mich auf das Upgrade im Sommer. Jetzt ist diese Ungeduld betonter Skepsis gewichen.

Gerald Himmelein Gerald Himmelein

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