Überdruss

@ctmagazin | Editorial

Gerade hatte ich nach einem langen, arbeitsreichen Tag die heimischen vier Wände erreicht, den Mantel aufgehängt und noch nicht einmal Luft geholt, da meldete sich mein Handy mit einem freudigen Piepsen: „Glückwunsch! Sie haben ihr Tagesziel erreicht.“ Hä? Welches Tagesziel? Hatte mir die Chefredaktion heimlich eine App untergejubelt? Oder woher wusste das verdammte Ding, dass ich just an diesem Tage ausnahmsweise pünktlich einen Artikel abgegeben hatte? Nein, aber es wusste, dass ich mehr als eine Stunde Fahrrad gefahren war - wegen heftigen Gegenwinds hatte der Nachhauseweg diesmal länger gedauert als sonst.

Wie sich herausstellte, zeichnet eine Fitness-App auf meinem Smartphone ohne mein Wissen fleißig im Hintergrund meine Aktivitäten auf und wertet sie aus. Natürlich nicht lokal. Wäre doch Old School. Schließlich lebt die Firma Horch & Goog, von der sowohl Handy, Betriebssystem als auch Fitness-App stammen, in und von Internet und Cloud. Seiner Cloud. Die Fitness-App kannte sogar mein Körpergewicht, und zwar ziemlich genau. Und das habe ich in meinem ganzen Leben bestimmt keinem Internet anvertraut. Hatte Google das etwa aus meinem ersten c’t-Editorial „Der Kugelmensch“ (Nr. 2/00, S. 3) über die Auswirkungen der PC-Arbeit hochgerechnet? Oder wertet die App doch die Beschleunigungsdaten beim Fahrradfahren aus? Und warum sollte sich die Firma überhaupt für solche Daten interessieren? Ich will doch gar keine Lebensversicherungen von denen.

Als Ossi bin ich es ja noch aus der DDR gewohnt, bespitzelt zu werden. Aber bei der Stasi wusste man immerhin halbwegs, woher sie ihre Informationen hatte. Die Nachbarn haben einen heimlich gewarnt, wenn sie von Mielkes Männern befragt worden waren. Aber mein eigenes Handy hatte mich nicht gewarnt. Wir wissen ja, dass die Dinger mit unseren Daten recht freizügig umgehen. Dafür ist das Leben so angenehm mit all den Whats und Apps und Maps. Es sind Spione, die wir lieben.

Doch wie kam diese verflixte Fitness-App auf mein Smartphone? Meine Töchter haben jedenfalls glaubhaft geschworen, damit nix zu tun zu haben. Löschen lässt sich die App natürlich nicht; sie ist fester Bestandteil von Android. Man kann sie allenfalls deaktivieren. Schließlich habe ich der Datenübermittlung ausdrücklich zugestimmt und dass Google & Co. damit machen dürfen, was sie wollen. Ausdrücklich zugestimmt heißt, einen zweizeiligen Hinweis auf geänderte Datenschutzbestimmungen beim letzten Betriebssystem-Update weggeklickt zu haben.

So muss ich mich wohl damit abfinden, gegen Stasi zwo-, drei- oder viernull so wenig ausrichten zu können wie damals gegen das altehrwürdige Original. Groß gefragt, ob sie uns bespitzeln dürfe, hat die Stasi 1.0 natürlich auch nicht. War schließlich auch damals schon alles nur zu unserem Besten. Aber wie durch ein Wunder sind wir sie dann doch ganz plötzlich losgeworden. Nun hoffe ich auf das Wunder 2.0.

Tim Gerber Tim Gerber

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