Flash-Nepp

Gefälschte USB-Sticks und Speicherkarten bei Aliexpress und eBay

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Ein USB-Stick mit 2 Terabyte Kapazität für 10 Euro, eine Micro-SD-Karte mit 512 GByte: Solche Fälschungen verkaufen chinesische Firmen über die Handelsplattform Aliexpress nach Europa, manche tauchen auch bei eBay auf.

Unseriöse Händler auf den Internet-Handelsplattformen Aliexpress.com und eBay.de zocken arglose Käufer mit gefälschten Flash-Speichermedien ab. Sie verkaufen USB-Sticks mit angeblich 2 TByte Kapazität und Micro-SD-Karten mit 512 GByte zu Preisen um 10 Euro – teilweise inklusive Versandkosten aus China.

Wer beim Thema Flash-Speicher auf dem Laufenden ist, wird bei solchen Angeboten hellhörig: Erstens gibt es USB-Sticks von namhaften Herstellern derzeit mit höchstens 1 TByte Kapazität (Kingston HyperX Predator DTHXP30/1TB) und Micro-SD-Karten mit maximal 200 GByte (SanDisk Ultra microSDXC UHS-I 200GB). Zweitens sind diese Produkte mit knapp 900 beziehungsweise 400 Euro sehr viel teurer – die genannte Micro-SD-Karte ist noch nicht einmal lieferbar. Drittens muss man auf dem taiwanischen Spotmarkt für 1 TByte der billigsten Flash-Speicherchips laut dramexchange.com mehrere hundert Euro zahlen. Und viertens sind die angebotenen Speichermedien mit hoher Sicherheit zu klein, um dermaßen viele Flash-Chips darin unterbringen zu können, wie für die versprochene Kapazität nötig wären.

Viele Käufer von Flash-Speichermedien schöpfen bei ungewöhnlich hohem Fassungsvermögen aber keinen Verdacht. Die bei Aliexpress vertickten 2-TByte-Sticks tragen außerdem oft Logos bekannter Marken, der von uns gekaufte „HP“ für Hewlett Packard. Laut seiner Verpackung handelt es sich um das „USB Flash Drive v250w“. Bei eBay fanden wir einen vermeintlichen HP v220w mit ebenfalls „2TB“ für 55 Euro. Sticks mit den Bezeichnungen v220w und v250w stellt die Firma PNY als „HP Authorized Products“ auch tatsächlich her, aber mit maximal 64 GByte. HP hat uns bestätigt, keine 2-TByte-Sticks zu verkaufen.

Manche Micro-SD-Karten mit 512 GByte tragen Logos von Samsung und SanDisk. Laut SanDisk sind mehr als 200 GByte derzeit nicht machbar, schließlich ist eine Micro-SD-Karte nur 1 Millimeter hoch und es passen Chips mit höchstens 100 Quadratmillimetern Fläche hinein. Daher besteht schon die 128-GByte-Version der Micro-SD-Karte aus einem Controller-Die plus 16 aufgestapelten und zuvor abgeschliffenen Flash-Dice, die je 8 GByte fassen. 16-GByte-Dice gibt es zwar auch schon, viele passen aber schlichtweg nicht in eine Micro-SD-Karte – das klappt wohl erst mit der nächsten Strukturverkleinerung. Normal große SD-Karten bieten mehr Platz für Chips, sie gibt es tatsächlich schon mit bis zu 512 GByte.

Bizarre Offerten

Nach dem Hinweis eines c’t-Lesers haben wir bei Aliexpress fünf 2-TByte-Sticks und zwei 512-GByte-Micro-SD-Karten geordert. Dabei haben wir Produkte bevorzugt, die laut Anbieter häufiger verkauft wurden; beim 2-TByte-Stick mit HP-Logo waren es angeblich 167 Stück. Bei diesem zeigte das Aliexpress-Angebot nur im Bild das HP-Logo – im Text des Angebots wurde „HP“ wohlweislich vermieden. Das halten auch andere Anbieter so. Im Text fand sich allenfalls „SANDXK“ statt eben SanDisk. Vermutlich versuchen die Anbieter damit, die Suche nach offensichtlichen Fälschungen zu erschweren.

Schon in den Kundenbewertungen finden sich Beschwerden über Fälschungen; trotzdem hatte der Verkäufer „Again change technology“ unseres vermeintlichen HP v250w 89,8 Prozent „positive Rückmeldungen“. Hinweise auf Fälschungen sind auch an anderen Stellen kaum zu übersehen. Wie beim Amazon Marketplace können Händler bei Aliexpress virtuelle „Stores“ zur Präsentation ihrer Produktpalette einrichten. Manche Stores wirken durch Übersetzungsfehler und die Mischung des Angebots geradezu bizarr. Der Anbieter „Large Capacity of Technology“ – wenig überraschend mit „100 % positive feedback“ – verkauft außer fragwürdigen Speichermedien auch „Hot sexy Lingeries“, also Unterwäsche und Damenstrümpfe. Produktbilder sind dabei teilweise mit Blindtext hinterlegt – insgesamt wirkt die Seite wie ein Köder für unbedarfte Schnäppchenjäger.

Selbstverständlich verspricht Aliexpress sicheren Einkauf, etwa durch Vorgaben für Reklamationen. Die einzelnen Anbieter schränken solche Versprechungen teils mit drastischen Worten wieder ein, wobei der Text manchmal wiederum in Bilddateien steht. Large Capacity of Technology schreibt etwa, dass Käufer, die später als 50 Tage nach Versand reklamieren, auf eine Blacklist kommen. Sonst sei aber „jeder Kunde willkommen“ – es hört sich aber nicht so an, sondern eher bedrohlich. Die Reklamation wird gerne auch erschwert, indem man dem Kunden die Versandkosten nach China aufhalst und die Originalverpackung verlangt.

Von sechs Bestellungen – bei einem Anbieter hatten wir zwei Produkte geordert – waren entgegen den Versprechungen bei Aliexpress nach acht Tagen erst zwei versandt worden, davon die erste auch schon eingetroffen. Für letztere hatten wir aber auch Express-Versandkosten bezahlt, die weitaus teurer waren als der gefälschte USB-Stick. Er flutschte auch problemlos durch den Zoll, was nicht selbstverständlich ist. Einerseits fällt im Grunde Einfuhrumsatzsteuer an, deren Zahlung einen persönlichen Besuch beim Zoll oder teure Abwicklungskosten eines Spediteurs nötig machen kann, andererseits muss der Zoll zweifelsfrei gefälschte Waren beschlagnahmen. Um ihr Geld zurückzubekommen, müssen Aliexpress-Kunden dann mit der chinesischen Firma verhandeln.

Von den restlichen Bestellungen hat Aliexpress zwei gestoppt, weil der Verkäufer „verdächtig“ war. Bei einer dritten hat der Verkäufer nicht innerhalb einer bestimmten Frist geliefert, auch hier will Aliexpress rückabwickeln. Insgesamt war unser Einkaufserlebnis aber eher schlecht – abgesehen davon, dass der USB-Stick wie erwartet gefälscht war.

Write-only Memory

Bei USB-Sticks und SD-Karten sind die Flash-Chips nicht direkt mit der externen Schnittstelle verbunden. Das übernimmt vielmehr ein Controller, der auch Aufgaben wie Wear Leveling und ECC-Fehlerkorrektur erledigt, um die Lebensdauer des Mediums zu verlängern. Die Firmware des Controllers kann aber auch nicht vorhandene Flash-Kapazitäten vorgaukeln: Sie meldet dem Host schlichtweg einen Fantasiewert. Wenn der Host mehr Daten schreibt, als Flash-Zellen vorhanden sind, überschreibt der Controller einfach zuvor befüllte. Deren Inhalt geht dabei verloren – solchen Speicher bezeichnet man scherzhaft als Write-only Memory.

Das Windows-Tool H2testw des c’t-Redakteurs Harald Bögeholz (siehe c’t-Link unten) enttarnt gefälschte Speichermedien, indem es sie schlichtweg von vorne bis hinten mit Dateien füllt, in denen Markierungen stecken. Treten beim anschließenden Auslesen Fehler auf, ist das Speichermedium mit hoher Wahrscheinlichkeit defekt oder eben gefälscht. Beim vermeintlichen 2-TByte-Stick von Aliexpress funktionierten nur die ersten 7,4 GByte.

Nicht nur um Kosten zu sparen, sondern vermutlich auch um das Testen zu behindern, arbeiten viele gefälschte Sticks mit USB-2.0-Controllern. Bei einer Schreibgeschwindigkeit von 20 MByte/s braucht H2testw alleine zum Befüllen von 2 TByte rund 28 Stunden. Nebenbei zeigt das auch, dass ein 2-TByte-Medium mit USB 2.0 für große Datenmengen ohnehin unbenutzbar wäre.

Nicht kaufen!

Wir haben in c’t erstmals 2002 über gefälschte USB-Sticks berichtet, aber auch viele andere Produkte werden gefälscht, etwa Akkus [1] oder Prozessoren [2]. Nikon warnt sogar vor umetikettierten Kameras.

Ohne Spezialwissen ist es oft schwer, Fälschungen zu enttarnen. Einfacher wäre es, wenn die Hersteller der echten Produkte besser über Fälschungen informieren würden. Bei SanDisk findet man immerhin leicht heraus, dass es Micro-SD-Karten derzeit mit höchstens 200 GByte gibt. Bei Samsung verwirren die länderspezifischen Webseiten. Die Datenblätter zu den HP-Sticks finden sich nur auf der Seite des eigentlichen Herstellers PNY – darauf muss man erst einmal kommen.

Wir haben HP, SanDisk, Samsung, Aliexpress und eBay gefragt, was sie gegen die falschen Flash-Medien unternehmen. Samsung konnte dazu innerhalb von neun Werktagen keine Antwort liefern. SanDisk und HP beteuerten, gegen Fälschungen vorgehen zu wollen, aber bis zum Redaktionsschluss waren noch viele im Angebot. Aliexpress und eBay verwiesen erwartungsgemäß darauf, dass solche Offerten verboten sind; für die Hersteller der echten Produkte gebe es Beschwerdemöglichkeiten. Man könne aber Angebote erst sperren, wenn der Regelverstoß im Einzelfall nachgewiesen sei. Angeblich setzt eBay sogar „hochentwickelte“ Software zum Aufspüren von Fälschungen ein. Weshalb diese bei USB-Sticks mit 2 TByte für 55 Euro keinen Verdacht schöpft, blieb offen.

Aliexpress ist übrigens keine exotische Kleinfirma: Sie gehört vielmehr zur Firma Alibaba.com des chinesischen Milliardärs Jack Ma. Der hat am 15. März in Hannover die CeBIT eröffnet, als Vertreter des Gastlands China. Das strebt eigentlich weg vom Ruf als Produktfälscher-Paradies. Schade, dass ein dermaßen bekanntes Unternehmen stumpfe Klischees bestätigt. Doch auch ebay und Amazon [1, 2] machen es Fälschern viel zu leicht. Und deshalb sind wir zuversichtlich, dass bald falsche 4-TByte-Sticks folgen. Es bleibt also nur der Rat, bei auffallend günstigen Schnäppchen besonders misstrauisch zu sein. Wer bei einem gewerblichen Einzelhändler in seinem Heimatland kauft, genießt den stärksten Verbraucherschutz und hat wenigstens eine Chance auf erfolgreiche Reklamation im Rahmen der Gewährleistung. (ciw@ct.de)

Literatur
  1. [1] Christian Wölbert, Alles nur gefälscht, Amazon verkauft nachgebaute Akkus als Originalware, c’t 10/15, S. 62
  2. [2] Benjamin Benz, Schrotthandel, Gefälschte AMD-Prozessoren im Umlauf, c’t 5/15, S. 16

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  2. Write-only Memory
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