Basteln mit Krach

Retro-Synthies und Software-Tricks auf der Musikmesse Frankfurt

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Wer vor ein paar Jahren gedacht hat, echte Instrumente und Synthesizer sterben aufgrund der ganzen Software-Virtualisierung bald aus, sah sich auf der Musikmesse in Frankfurt eines Besseren belehrt. Klangbastler greifen wieder zum Kabel und bescheren Modular-Synthesizern ihren zweiten Frühling. Aber auch die Musik-Software lernt neue Tricks, die man vor Kurzem noch für unmöglich hielt.

Wer heute einen alten Synthesizer vom Schlage eines MS-20 oder Minimoog ausprobieren will, zahlt für eine Simulation auf dem iPad nur ein paar Euro. Doch auch wenn die digitalen Umsetzungen gar nicht mal so schlecht klingen, fehlt ihnen offensichtlich etwas, das bei Musikern die Sehnsucht nach der guten alten Zeit weckt, in denen man noch fingerdicke Kabel in große Holzschränke steckte. Die jüngere Generation hat diese Phase der 70er Jahre gar nicht mehr miterlebt. Aber sie kann sich freuen, denn echte Synthesizer mit analoger Klangerzeugung und bunten Patch-Kabeln liegen wieder voll im Trend. Die Auswahl dürfte mittlerweile größer sein als damals, denn inzwischen springen auch große Hersteller auf den Zug. Über die Euphorie staunen selbst altgediente Szeneprofis wie Dieter Döpfer, der seit mehr als 30 Jahren Synthesizer zusammenlötet: „Ich weiß nicht, was hier los ist. Ich dachte schon vor Jahren, der Hype hat seinen Zenit erreicht – aber das geht ja immer weiter. Deshalb sage ich jetzt gar nichts mehr.“ Sprach’s, grinste und stöpselte ein Kabel in sein A-100-Modul.

Doch das geht nicht nur den Deutschen so: Nachdem Korg mit dem MS-20-Nachbau unerwartet erfolgreich war, wird nun den Arp Odyssey nachgeschoben. Wie zuvor trauten sich die Japaner nicht, die Synth-Legende in voller Größe nachzubauen, sondern schrumpften die Tastatur auf ein gerade noch bequem spielbares Maß. Den (hervorragenden!) Klang kann man nach wie vor nur direkt an den Schiebereglern am Gerät verändern. Über die MIDI-Schnittstelle nimmt der Odyssey nur Notenwerte entgegen und verzichtet auf so neumodischen Schnickschnack wie Anschlagdynamik – der Kenner mag es halt authentisch.

Moderner gibt sich da Roland, der seine Aira-Serie um Synthie-Module erweitert, die ihren Klang digital erzeugen und per Software neu konfiguriert werden können. Vier Module für Euroracks sollen im Sommer zum Preis von 330 Euro auf den Markt kommen: Ein (bis zu zehn Sekunden langes) Delay (Demora), ein Verzerrer (Torcido), ein Bitcrusher (Bitrazer) und ein Zerhacker (Scooper). Über einen Software-Editor lassen sich in jedem bis zu 15 virtuelle Module verschalten, darunter diverse Filter, LFOs und Mixer. Dank Plug-out-Mechanik bleiben die Verschaltungen auch ohne Rechner im Modul aktiv. Kombinieren lassen sich die Aira-Module mit den analogen Modulen der neuen System-500-Reihe, die klassische Oszillatoren, Filter, LFOs und VCAs umfasst. Als Zentrale im Eurorack kann dann die Modular-Version des Aira System-1m für 665 Euro fungieren. Diese tastenlose Variante des System-1 erlaubt es, Audiosignal- und Steuerspannungen von jedem Bereich des Synth abzugreifen und einzuschleifen. Auch er kann mit Plug-out-Synthies wie dem neuen Promars umprogrammiert werden und nun 64 Patches im Gerät speichern.

Klangschrauber

Die neuen Möglichkeiten der Digitaltechnik für modulare Synthesizer dürfte auch die Nachfrage nach handgefertigten Modulen von kleinen Herstellern anfeuern, die zuweilen sehr skurrile Klangerzeuger vorführten. So erinnerte der kleine Stand (Aufmacherbild) der Firma Bastl Instruments eher an eine erzgebirgische Holzzwergemanufaktur. Der Name scheint durchaus mit Bedacht gewählt, denn die kreativen Tschechen verbinden traditionelle Modulsynthesizer im schicken, naturbelassenen Naturholzrahmen mit so ungewöhnlichen Konzepten wie synthesizergesteuerten Schrittmotoren. Der Hersteller nutzt Module dazu, Motoren anzusteuern, um Alltagsgegenstände wie etwa Zahnbürsten ins musikalische Geschehen einzubinden. Eine akustische Gitarre wurde beispielsweise über spannungsgesteuerte Magnetspulen angeschlagen. Besonders originell war ein Piezo-gesteuertes Ventil, das den Wasserfluss und so die Tropfgeschwindigkeit in einer Schüssel steuerte – sozusagen der erste biologisch-analoge Drumcomputer.

Andere Hersteller peppen ihre Synthesizer-Hardware mit Software-Modulen auf, damit sie sich einfacher in eine DAW einbinden lassen. Elektron zeigte eine frühe Version seines Overbridge genannten Software-Plug-ins, mit dem sich die Synthies Analog Four, Keys sowie Rytm vom Rechner aus fernsteuern lassen. So muss man die Klänge im Studio nicht an deren winzigen Monochrom-Displays zusammenschrauben, sondern kann alle Parameter und LFOs bequem per Maus justieren. Ihren analogen Sound übertragen die Module auf Wunsch auch direkt per USB in den Rechner. Der ältere Sampler Octatrack spielt mit Overbridge leider nicht zusammen.

Selbst Traditionshersteller Moog setzt inzwischen verstärkt auf Software-Integration. So beschäftige man inzwischen Programmierer, die etwa an einem Plug-in für den Sub 37 arbeiten. Es könne aber noch bis zum Jahresende dauern, bis es fertig werde, erklärte uns Entwickler Amos Gaynes. Bei Waldorf konnte man derweil die Beta-Version des Drum-Synth „Attack“ auf dem iPad ausprobieren, dessen Desktop-Variante dank seiner schnellen exponentiellen Hüllkurven bei Sound-Designern noch immer hoch im Kurs steht. Auf dem iPad kommen Sequencer und ein Phrasen-Vocoder hinzu, der mit elektronischer Stimme eingetippte Texte vorsingt.

Control-Zwang

Dem Wunsch nach besserer Kontrolle wollen auch die Software-Hersteller genügen. Bitwig demonstrierte an seinem Stand, mit wie vielen MIDI-Controllern die noch junge Digital Audio Workstation Bitwig Studio zusammenarbeitet. So passten die Berliner Entwickler unter anderem das bunt blinkende LinnStrument von Roger Linn an ihre DAW an. Hier spielt man alle Töne auf einer Gummimatte und kann etwa bei Akkorden für jede Note einzeln per Druckverschiebung den Pitch ändern. Weitere Neuerungen bringt Version 1.2, dessen Beta-Phase bald beginnt. Der neue „Audition Browser“ arbeitet kontextabhängig und soll das Vorhören und Finden ähnlicher Sounds beschleunigen. Tracks lassen sich zur besseren Übersicht gruppieren und gemeinsam bearbeiten. Zudem soll die Oberfläche auf hochauflösenden Displays nun nicht mehr so krümelig wirken.

In Sachen Controller öffnet auch Native Instruments seinen bisher eher geschlossen agierenden Gerätepark. Bislang konnte man mit Maschine und Komplete Kontrol nur Natives eigene Komplete-Sammlung fernsteuern. Die Schnittstelle wollen die Berliner nun offenlegen, sodass auch andere Plug-in-Anbieter ihre Instrumente und Effekte fit für Natives Controller machen können. Mit dem Native Kontrol Standard (NKS) können die Hersteller dann werben. Auf Präsentationsbildern sah man Arturias Synthie-Sammlung; ob diese tatsächlich NKS unterstützen wird, bleibt abzuwarten. Alle anderen Plug-ins können Maschine und die Kontrol-Keyboards künftig per Standard-MIDI ansteuern. Mit dem im Mai erscheinenden Update sollen sich auch der Arpeggiator und die Skalenautomatik von Komplete Kontrole in der DAW aufzeichnen lassen.

Doch auch wenn sich Synthie- und Controller-Hersteller inzwischen mit butterweich spielbaren Fatar-Tastaturen brüsten, geht Pianisten nichts über ein echtes Klavier mit Holzmechanik. Damit auch diese Virtuosen Zugriff auf moderne Synthie-Sounds bekommen, stellte Yamaha erstmals einen Flügel mit der verblüffenden „TransAcoustic“ genannten Technik vor. Mit dieser lassen sich wie bei einem Silent Piano die Hammerköpfe von den Saiten rücken, woraufhin ein Signalprozessor die Klangerzeugung übernimmt. Das Besondere an den TransAcoustic-Klavieren ist der DSP-gesteuerte Transducer, der mit den Synthie-Sounds den Resonanzboden des Klaviers zum Schwingen bringt – ähnlich wie ein Magnet eine Lautsprechermembran. So erklingen aus dem Klavier dann Elektro-Sounds oder Mischklänge, die den echten Klavier-Sound mit künstlichen Streichern unterlegen.

Gitarrencomputer

Auch Gitarristen können ihr Instrument noch einfacher computerisieren: Dank des Boss Gitarrensynthesizer SY-300 entfallen künftig spezielle MIDI-Pickups, um mit ihren Saiten Elektroklänge zu erzeugen. Dem SY-300 genügt das gewöhnliche Klinkenkabel einer E-Gitarre, und schon kann man ein paar schöne Synthsounds mit typischen Gitarren-Voicings spielen und gleich noch eine ganze Effekt-Batterie einschalten. Die Synthie-Sounds kann man mit einem Editor am Rechner bearbeiten und im Gerät ablegen. In einer kurzen Probe funktionierte das polyphone Pitchtracking der 700 Euro teuren Box ausgezeichnet, sodass künftig vielleicht mehr Gitarristen Lust verspüren, in die Welt der Gitarrensynthesizer einzusteigen.

Noch einen Schritt weiter geht Mode Machines mit seinem vPed. In dem robusten stählernen Bodengerät steht ein kompletter Rechner, der die eingehenden Signale mit herkömmlichen VST-Plug-ins bearbeitet. Bis zu zwölf Effekte lassen sich so in Reihe bringen und mit den Fußschaltern kontrollieren – Natives Reaktor läuft auch. Der Rechner speichert die Plug-ins auf SSD, kann über USB mit anderen Controllern verknüpft werden und seine Bildschirmausgabe sogar an Android-Geräte weitergeben, um Touchscreen-Bedienung zu ermöglichen. XLR-Ausgänge geben das Signal symmetrisch an die PA weiter. Rund 1000 Euro soll das innovative Gerät des in Koelleda angesiedelten Herstellers kosten.

Scheidungsrichter

Welche Zaubertricks Musik-Software mittlerweile auf Lager hat, konnte man am Stand von Audionamix bewundern. Ihr Programm ADX Trax Pro erlaubt, wovon Remixer und Karaoke-Künstler seit Jahrzehnten träumen: Es extrahiert den Gesang aus einem kompletten Mix und legt ihn und das Playback in zwei separaten Dateien ab. Während Trax Pro für 500 US-Dollar auf Apple-Rechnern noch weitreichende Nachbearbeitungen erlaubt, muss man sich beim ADX Trax für 300 US-Dollar mit nur wenigen Eingriffsmöglichkeiten bescheiden. Eine erste Demonstration im zugegebenermaßen akustisch ungünstigen Messeumfeld zeigte, dass die Algorithmen Beeindruckendes leisten und sogar mit stärkeren Hallfahnen zurechtkommen. Allerdings waren auch Flanging-ähnliche Artefakte zu vernehmen. Auf Nachfrage hieß es, das Programm sei nicht allein auf Stimmerkennung trainiert, sondern erkenne prinzipiell alle dominanten Lead-Instrumente. So wäre etwa denkbar, ein Gitarrensolo zu extrahieren und durch eigene Schredder-Künste zu ersetzen.

Ähnliche Tricks hat Zynaptiq mit Remix::Drums für bereits komplett gemischte Schlagzeugspuren auf Lager. Das Plug-in erlaubt nicht nur die nachträgliche Pegelkorrektur einzelner Schlaginstrumente, sondern gestattet auch deren komplette Extraktion, beispielsweise zum Aufbau eigener Sample-Kits und Loops. Was wie ein Traum für alle Remix- und Mashup-Künstler klingt und viele Mastering-Probleme lösen könnte, klang als Prototyp schon vielversprechend, aber noch nicht perfekt. Auf das Endprodukt darf man dennoch sehr gespannt sein.

Der Balance bereits gemischter Drumtracks widmet sich auch der Drum Leveler von Soundradix. Das Plug-in arbeitet im Prinzip als Up-/Downward-Expander und gestattet es, einzelne Beats gezielt in der Lautstärke zu beeinflussen. Besonders stolz ist man bei Soundradix auf die neuen Instrumenten- beziehungsweise Beat-Erkennungsalgorithmen, die einen präzisen Zugriff auf das Audiomaterial gestatten sollen.

Künftig könnten derartige Trennungsoperationen jedoch überflüssig werden, falls sich das neue STEMS-Format von Native Instruments durchsetzt, das neben dem Gesamtmix vier weitere AAC-kodierte Spuren mit separaten Drums, Bass, Gesang und Melodie in einen MP4-Container packt. In Frankfurt demonstrierte Native, wie DJs damit künftig mit Hilfe von Traktor ihre Remixe und Mashups live so gestalten können, wie es bislang nur im Studio möglich war.

Klang-Veredler

Damit der Software-Sound dann auch amtlich klingt, wenn er aus dem Rechner kommt, braucht es noch das richtige Audio Interface. Großer Andrang herrschte bei Universal Audio (UAD), die ihre Thunderbolt-Geräte mit speziellen DSPs ausrüsten, auf denen sündhaft teure, aber auch sündhaft gut klingende Plug-in-Effekte nahezu latenzfei laufen. Im Test in c’t 26/14 hatte uns bereits das Desktop-Interface Apollo Twin Duo überzeugt. Jetzt will UAD bei den neuen Rack-Modellen Apollo 8, 8p und 16 die Wandler nochmals verbessert haben. Da kommt es gerade recht, dass man mit der neuen Mixer-Software nun mehrere Apollos gleichzeitig betreiben kann – leider klappt das bislang nur an Apple-Rechnern.

Derweil bedenkt RME auch Windows-Musiker und zeigte eine verbesserte Version seines Desktop-Interfaces Babyface Pro. Die alte Kabelpeitsche ist auf der Rückseite XLR-Anschlüssen gewichen. Die beiden Mikrofon-Eingänge verstärken Signale um bis zu 70 dB, was selbst für dynamische Vertreter wie das Shure SM7B genügen soll. Wem die vier Ein- und Ausgänge (zwei davon nur als Kopfhörer) nicht genügen, kann sie per ADAT erweitern. Beim Anschluss setzt RME weiter auf USB 2.0, garantiert durch seine Controller jedoch niedrigste Latenzen. USB 3.0 wird lediglich für die Spannungsversorgung ohne Netzteil genutzt. Die höheren Übertragungsraten würden dem Anwender keine Vorteile bieten, versicherte uns ein RME-Techniker im Gespräch.

The Show must go on

Mit großer Skepsis stehen Aussteller den Plänen entgegen, ab dem nächsten Jahr die Frankfurter Musikmesse an allen Tagen für das private Publikum zu öffnen und einen separaten Business-Bereich auszuweisen. Gerade für kleinere Anbieter ist es schwierig, zwei Messestände für Präsentationen und Besprechungen einzurichten. Wenig hilfreich dürfte es sein, die bislang parallel stattfindende Prolight & Sound um zwei Tage vorzuziehen. Sie soll 2016 bereits am Dienstag, den 5. April beginnen und Freitag enden. Die Musikmesse startet dann erst am Donnerstag und geht bis Sonntag. Privatleute will man mit Live-Bühnen, Star-Lounges und Erlebnisgastronomie in den Themenwelten „Classic meets Jazz“, „Rock meets Pop“ und „Electro meets Recording“ locken – ein schwieriger Spagat. (hag@ct.de)

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