Die große Peepshow

Die Faszination von YouNow, Periscope & Co.

Trends & News | Trend

Was immer man gerade tut: Heutzutage lässt sich alles mit einer Wischgeste auf dem Smartphone weltweit als Videostrom verbreiten. Immer mehr Menschen folgen dem Trend und gehen über den Livestreaming-Dienst ihrer Wahl auf Sendung.

Mr.Cashier steht in einem Laden vor einer Wand aus Zigarettenschachteln. Musik ertönt aus dem Radio. Plötzlich fängt er an zu singen – nicht einmal schlecht. Der kleine Shop steht irgendwo in New York, der Name des Mannes ist Tayser Abuhamdeh. Er singt live via YouNow, einem der größten Livestreaming-Portale weltweit. Ein paar hundert Menschen schauen zu.

Video: Nachgehakt

Der singende Kioskverkäufer ist kein Einzelfall. Wie er greifen täglich zigtausende Menschen zum Smartphone, Tablet oder Notebook und gehen auf Sendung. Das ist so einfach wie nie zuvor – wofür Thomas Gottschalk vor Jahren noch einen Sattelschlepper mit Satelliten-Uplink benötigte, genügen heute das Smartphone und eine Datenflatrate. Was auch immer die Kamera im Gadget gerade sieht, geht als Livestream ins Internet. Vom Wohnzimmer in die weite Welt ist es nur ein Katzensprung.

Wer besonders viele Menschen erreichen will, muss auf eine Trend-Plattform setzen. Vielleicht läuten die Live-Portale also bereits das Ende der YouTube-Ära ein. Während der einstige Platzhirsch noch mit der GEMA zankt, sind die Live-Dienste bereits auf der Überholspur. In jedem Fall gleicht der Bereich der Video- und Chat-Plattformen derzeit einem stark umkämpften Kriegsgebiet – siehe die folgenden Artikel.

Doch wer sind überhaupt all diese Menschen, die freiwillig die weltweit größte Peepshow veranstalten? Selbstdarsteller, Möchtegernstars oder die Vorboten einer digitalen Revolution, die das überkommene Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit vollkommen auf den Kopf stellt?

Wenn man sich in die Zuschauerposition begibt, stellt sich der Livestreaming-Zirkus als ein recht buntes Völkchen dar, das aus unterschiedlichsten Motiven auf Sendung geht.

„Physische Grenzen lösen sich auf, alles wird möglich.“

Prof. Dr. Martin Emmer, Kommunikationswissenschaftler an der FU Berlin

Da wäre zum Beispiel der Typ des rasenden Reporters, der – wie einst Ruby Rhod in „Das Fünfte Element“ – mit seinem Broadcast-Gadget von überall berichtet. Vom Live-Mikrofon-Stick des Ruby Rhod zum Selfie-Stick unserer Tage ist es nur ein kleiner Schritt. Schon bald wird sich die Kamera vom Stick lösen und ihren Besitzer als über ihm fliegende Drohne automatisch ins Visier nehmen.

So konnte man Echtzeitinformationen zu Heidi Klums bombastisch geplatztem Model-Finale nicht etwa im Leitmedium Fernsehen verfolgen – dort gab es statt der wegen einer Bombendrohung abgebrochenen Show nur „The Blind Side“ mit Sandra Bullock zu sehen. Stattdessen übertrug ein umtriebiger Reporter mit seinem Smartphone über Twitters Livestreaming-Dienst Periscope vom Parkplatz der evakuierten Veranstaltungshalle und erreichte immerhin 2800 Zuschauer.

Eine andere Gruppe ist die der Künstler, die außer der inneren Berufung meist auch ein ordentliches Maß Sendungsbewusstsein mitbringt. YouTuber FreshTorge plaudert über seinen ersten Kinofilm Kartoffelsalat, Böhmermann überträgt die Hashtag-Konferenz seines Neo Magazin Royal ins Netz. Andreas Kümmert wiederum geht aus seiner Küche auf Sendung und erspart sich den Stress, vor grölendem Live-Publikum performen zu müssen.

Doch neben den großen Namen tummeln sich in den Live-Portalen auch unzählige Kleinkünstler, Gamer, Musiker oder Tänzer, die ihre Fähigkeiten vor Publikum zur Schau stellen wollen. Sie singen, spielen Geige oder Klavier, hopsen wild herum oder malen ein Ölgemälde. Wie im wahren Leben trifft auch hier die Kunst auf den Kommerz – etwa wenn YouTube-Stars die Live-Berichterstattung zur Erweiterung ihrer Fan-Basis nutzen. Portale wie YouNow beteiligen prominente Streamer an den Einkünften. Zusammen mit den Werbeeinnahmen von YouTube können die Stars der Branche inzwischen mehr als nur Nebeneinkünfte generieren.

Hier entwickelt sich eine neue Form des Social-Media-Stars, die ihre Popularität jederzeit durch Ad-hoc-Aktionen in bare Münze wandeln können. Würde sich Bianca von BibisBeauty mit kurzer Vorankündigung auf den Weg in einen hannoverschen Frisörsalon machen, könnte sie einen Flashmob generieren und per Livestream für eine spontane Aufmerksamkeitsblase sorgen – mit ein paar Wischgesten auf ihrem Smartphone. Wer wie sie virtuos auf der Social-Media-Klaviatur spielen kann, macht sich nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie gekonnt zur Marke. ...

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c't 13/2015, Seite 76 (ca. 4 redaktionelle Seiten)
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