Internet-Vignette

@ctmagazin | Editorial

Hinter der Grenze wird es teuer. Das kennen deutsche Autofahrer, wenn sie die Alpen queren wollen und dazu entweder bei den österreichischen oder Schweizer Nachbarn ein Pickerl respektive eine Vignette lösen müssen.

Auch die Mobilfunkbetreiber nutzen eine Auslands-Maut seit jeher als sprudelnde Geldquelle. Sie nennen sie Roaming-Gebühr und kassieren sie nicht nur auf LTE- und UMTS-Datenautobahnen, sondern auch auf EDGE-Nebenstrecken und GPRS-Feldwegen. Sie verkaufen keine kleinen bunten Aufkleber für die Windschutzscheibe, sondern kassieren im Standardtarif für jede Gesprächsminute, jede versandte SMS und jedes Byte (siehe Seite 86).

Wie viel Geld die Netzbetreiber mit dem Roaming verdienen, verschweigen sie schamhaft. Fünf Prozent ihres Gesamtumsatzes sind es unabhängigen Schätzungen zufolge. Die Kunden haben die Wucherpreise verinnerlicht: Über 40 Prozent der Nutzer verzichten einer Umfrage zufolge darauf, das mobile Internet bei einem Auslandsaufenthalt zu nutzen.

Dabei ist das Internet grenzenlos, die Netze sind global miteinander verbunden. Echte Mehrkosten entstünden den Providern nicht, wenn sie gegenseitig ihre Netze freigäben. Dennoch tun sie so, als sei eine solche Auslands-Gebühr ein Naturgesetz. Stellen Sie sich mal vor, Ihr Internet-Provider würde für Datenverkehr aus den USA 10 Cent pro Megabyte erheben.

Einen Wegfall der Roaming-Gebühren gewähren einige Anbieter inzwischen gnädigerweise für ausgewählte Länder als Optionstarif, preisen das "Telefonieren und Surfen wie zu Hause" als tolle neue Errungenschaft. Schaut man genauer hin, ersetzen sie die Roaming-Kosten jedoch einfach nur durch eine Gebühr an anderer Stelle. 60 bis 120 Euro pro Jahr muss der Kunde für die neue Netzbetreiber-Jahres-Vignette bezahlen.

Die EU-Kommission hat die Roaming-Kosten schon lange im Visier: Die vorgeschriebenen Entgelte sanken von Jahr zu Jahr. Ende 2015 sollten sie innerhalb der EU endgültig wegfallen, beschloss das Parlament. Der Rat der Mitgliedsstaaten bremste die digitale Reisefreiheit am Ende aber doch noch aus: 50 Minuten Telefonat, 50 SMS und 100 Megabyte hätte jeder Nutzer frei, wenn der gegenwärtige Vorschlag durchkäme. Das klingt zunächst einmal akzeptabel. Bis man dann merkt, dass dieses Freivolumen nicht pro Tag oder wenigstens pro Monat gilt, sondern pro Jahr. Da hätte sich die Lobbyarbeit der Mobilfunkfirmen mal wieder richtig bezahlt gemacht: Bis 2018 könnten sie weiter abkassieren.

Wenn die EU bei ihren Bürgern punkten will, muss sie die Roaming-Gebühren beerdigen. Das könnte ähnlich viel fürs Europa-Gefühl bewegen wie der Wegfall der Grenzkontrollen. Dass EU-Bürger bei Reisen innerhalb der Union auch 2015 noch kostenlose WLANs suchen und nach Prepaid-SIM-Karten vor Ort anstehen müssen, wenn sie von den Mobilfunkanbietern nicht gerupft werden wollen, ist eine Schande.

Urs Mansmann Urs Mansmann

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