Freiheit für Android

Der Aufstieg des Android-Ablegers CyanogenMod

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CyanogenMod begann als Bastelprojekt eines Programmierers; heute stehen 1000 ehrenamtliche Entwickler und ein finanzkräftiges Start-up hinter dem Mobil-Betriebssystem. Gemeinsam wollen sie Google und den Smartphone-Herstellern die Kontrolle über Android entreißen.

Am 25. Mai 2009 um 22:01 Uhr verfasst ein Nutzer namens Cyanogen seinen ersten Beitrag auf xda-developers.com, einem Forum für Software-Entwickler. „Das ist mein erster Versuch eines Custom-ROM“, tippt er, und verlinkt auf eine ZIP-Datei: eine von ihm angepasste Version des Betriebssystems des Smartphones HTC Dream.

Schon um 22:18 Uhr meldet der erste User im Forum: „Funktioniert einwandfrei! Danke.“ Sofort installieren Dutzende weitere Dream-Besitzer das neue System. Es läuft flüssiger als die Original-Software von HTC, weil es Daten aus dem langsamen Flash-Speicher in den Arbeitsspeicher verlagert. Außerdem speichert es Apps auf Wunsch auf der SD-Karte. Cyanogen bleibt bis halb sechs Uhr morgens am Rechner, beantwortet Fragen seiner Nutzer und sammelt Wünsche für die nächste Version: Unterstützung für Exchange-Server, einen schicken Sperrbildschirm, mehr Kamera-Optionen 

„Cyanogen“ heißt eigentlich Steve Kondik. Tagsüber arbeitet der 40 Jahre alte Programmierer aus Pittsburgh für ein Start-up, abends und nachts an CyanogenMod. „Wir auf xda-developers hatten alle dieselbe Einstellung“, erinnert er sich später. „Wenn wir ein Produkt wollen, das niemand herstellt, bauen wir es eben selbst, um jeden Preis.“

„Wir schießen Google eine Kugel durch den Kopf.“

Kirt McMaster, CEO von Cyanogen Inc.

Kondik stellt seinen Quelltext unter einer Open-Source-Lizenz ins Netz. Bald arbeiten hunderte Programmierer mit, ebenfalls in ihrer Freizeit. Sie passen „CM“ an eine große Zahl von Android-Geräten an und aktualisieren es auch dann noch, wenn der Hersteller seine eigene Software schon längst nicht mehr pflegt. Dabei bauen sie nur ein, was ihnen wirklich nützlich erscheint. Überflüssige Apps der Handy-Hersteller und Netzbetreiber fliegen über Bord.

Im Oktober 2009 erhält Kondik eine Abmahnung von Google. Der Konzern verbietet ihm, weiterhin Google-Apps mit CM auszuliefern. Denn die Apps stehen nicht unter einer Open-Source-Lizenz, anders als viele andere Bestandteile von Android. Kondik nimmt die Apps heraus – die meisten Nutzer installieren das „Gapps-Paket“ fortan einfach nachträglich.

CM steigt zum beliebtesten Custom-ROM auf, mit Millionen von Nutzern. Diese schätzen nicht nur die schnelle Versorgung mit neuen Funktionen und Sicherheits-Updates, sondern auch die schlanke Oberfläche, den geringen Speicherbedarf und die Datenschutz-Optionen.

Kondik reicht das nicht. „Ich habe viele Open-Source-Projekte kommen und gehen sehen“, schreibt er 2013 an die CM-Community. „Einige wurden aufgekauft und dichtgemacht, andere stagnierten und wurden überholt. Ich will nicht, dass CM dasselbe passiert.“ Im selben Blog-Eintrag kündigt er die Gründung von Cyanogen Inc. und den Einstieg der ersten Kapitalgeber an.

Heute stehen zwei Organisationen hinter CM: erstens die Community aus rund 1000 unbezahlten Entwicklern aus aller Welt, zweitens das Unternehmen Cyanogen Inc. mit 100 Angestellten, darunter 50 Vollzeit-Programmierer, in Seattle und Palo Alto. Kondik und sein Co-Gründer Kirt McMaster haben 110 Millionen Dollar für die Firma eingeworben, unter anderem von Telefonica, Foxconn, Qualcomm und Tencent.

In den Worten von Kondik lautet die Mission von Cyanogen Inc.: die Community organisieren, neue Funktionen entwickeln, die Software-Entwicklung beschleunigen und CM „für jeden Nutzer und jedes Gerät“ verfügbar machen.

Vor allem der letzte Punkt ist eine Kampfansage an Samsung, HTC, LG und die anderen großen Gerätehersteller. Denn diese versuchen, ihre Kunden mit eigenen Apps, Shops und Accounts langfristig an sich zu binden. Oft installieren sie Apps von Unternehmen, die ihnen dafür eine Gebühr zahlen. Spielt ein Nutzer CM auf, fliegt all das vom Handy. Rund 50 Millionen haben das bereits getan – obwohl die Installation ein „grässlicher Prozess“ (Kondik) ist, der stundenlang dauern kann. Deshalb war eines der ersten Projekte von Cyanogen Inc. ein Installer, der CM mit wenigen Mausklicks aufs Handy spielt. Bisher unterstützt er erst ein Dutzend Modelle. Sobald es mehr werden, dürften die Nutzerzahlen weiter in die Höhe schießen, zum Ärger der Gerätehersteller.

Noch ehrgeiziger ist das Projekt Cyanogen OS: Dabei handelt es sich um eine Version von CM, die Cyanogen Inc. an Gerätehersteller vermarktet, zur Installation auf Smartphones ab Werk. Cyanogen Inc. garantiert schnelle Software-Updates für den Zeitraum von zwei Jahren und kassiert dafür eine Gebühr vom Hersteller.

Allzu viele Hersteller machen bislang noch nicht mit. Das nur 300 Euro teure High-End-Gerät OnePlus One mit Cyanogen OS gewann immerhin viele Vergleichstests und wurde zum Bestseller. Weitere Cyanogen-OS-Smartphones gibt es von Alcatel und einigen kleineren Marken.

Während CM vorwiegend von Technik-Experten genutzt wird, ist Cyanogen OS für ganz normale Handy-Nutzer gedacht. Es enthält ein paar einfach zu bedienende Extras wie einen Audio-Equalizer; diverse Profi-Funktionen von CM wie der Root-Zugriff fehlen hingegen. Außerdem lassen die Hersteller ihre Cyanogen-OS-Handys von Google zertifizieren, damit sie mit den Google-Apps ausgeliefert werden können.

Die zweite Umsatzquelle von Cyanogen Inc.: Gegen feste Gebühren oder dauerhafte Umsatzbeteiligung baut das Start-up Apps anderer Unternehmen in Cyanogen OS ein. In Frage kommen Dutzende Anbieter, deren Apps bislang nicht auf Android-Geräten vorinstalliert sind. Mit Microsoft hat Cyanogen Inc. sich bereits geeinigt, aber auch Amazon oder Spotify wären denkbare Partner.

Langfristig könnte Cyanogen Inc. mit dieser Strategie sogar Google angreifen. Cyanogen-OS-Handys würden dann ohne Google-Apps ausgeliefert, aber womöglich mit Microsofts Bing-Suche, Amazons App-Store und dem Cloud-Speicher von Dropbox. Kondiks Partner, der stets aggressiv auftretende Kirt McMaster, verstieg sich sogar schon zu der radikalen Aussage: „Wir schießen Google eine Kugel durch den Kopf.“

„Ich profitiere vom Code der Firma Cyanogen Inc.“

Danny Baumann, ehrenamtlicher CyanogenMod-Entwickler

Apps von Partnern einbauen, ohne die Nutzer zu fragen – das ist die von der CM-Community verschmähte Strategie der großen Hersteller. Doch CM bleibt davon unberührt; die Apps werden ausschließlich in den kommerziellen Ableger Cyanogen OS eingebaut. Außerdem betont Cyanogen Inc., dass sich alle Apps deinstallieren lassen und alle Cyanogen-OS-Handys mit offenem Bootloader ausgeliefert werden, sodass Nutzer leicht ein anderes Betriebssystem aufspielen können.

Trotzdem bewegt sich Cyanogen Inc. auf einem schmalen Grat. Das Start-up muss Angestellte bezahlen und Investoren bei Laune halten, darf es sich aber auch nicht mit seinen freien Entwicklern verscherzen, die der Industrie skeptisch gegenüberstehen.

Einer dieser freien Entwickler ist Danny Baumann. Der 34-jährige Informatiker ärgerte sich 2011 darüber, dass sein Motorola Defy kein Update mehr bekam. Im Internet fand er das von einem russischen Studenten auf das Defy portierte CM. Es lief, genügte Baumanns Ansprüchen aber noch nicht. Deshalb schaute er den Quellcode selbst an – der klassische Einstieg in Open-Source-Projekte.

Baumann brachte sich die Android-Entwicklung bei und steckte mit wachsendem Code-Verständnis immer mehr Zeit in CM, abends nach der Arbeit. „Denn je mehr man versteht, desto mehr Fragen bekommt man auch gestellt.“ Er kümmerte sich um konfigurierbare Benachrichtigungs-LEDs, ansteigende Klingelton-Lautstärken, Dual-SIM-Support und viele weitere Funktionen. Mittlerweile hat er „sich an die Tatsache gewöhnt, dass man Dinge, die einen stören, einfach ändern kann.“

Baumann zeigt das Online-Tool „Gerrit“, mit dem die Entwickler Code-Änderungen für CM einreichen, diskutieren und bewerten. Der junge Familienvater ist einer von wenigen Dutzend Entwicklern, die außerdem das Recht haben, Code zu „mergen“, also Änderungen freizugeben.

Wie die meisten Open-Source-Projekte wird CM von einer Meritokratie geführt: Entwickler, die ihr Können unter Beweis gestellt haben, erhalten von Kondik oder seinem Vertrauten Abhisek Devkota die Merge-Rechte. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Entwickler bei Cyanogen Inc. angestellt ist oder nicht, betont Devkota.

Symbiose mit Konfliktpotenzial

Einige freie CM-Entwickler protestierten nach dem Start des kommerziellen Ablegers Cyanogen OS in den sozialen Netzwerken: Kondik versilbere die Leistungen der Community, ohne diese finanziell zu beteiligen. Baumann sieht darin jedoch kein Problem. „Ich profitiere ja auch von dem von Cyanogen Inc. zurückgegebenen Code“, sagt er. „Dieser symbiotische Ansatz ist Grundlage der meisten Open-Source-Projekte, auch des Linux-Kernels.“ Laut Cyanogen Inc. stecken die dort angestellten Entwickler 90 Prozent ihrer Zeit in CM.

Baumann sieht trotzdem Konfliktpotenziale zwischen dem Start-up und der Community. „Teilweise fließt sogar zu viel zurück“, sagt er. Es komme vor, dass Code, den die CM-Community nicht will, von den Vollzeit-Entwicklern trotzdem in CM geschoben werde, um die Code-Verwaltung zu erleichtern. Als Beispiel nennt Baumann die Ordner auf dem CM-Startbildschirm: Die sehen nun genauso aus wie in Cyanogen OS. Die Optik passt aus seiner Sicht aber nicht zum restlichen Stil von CM. „Ich bin persönlich ein Freund davon, den Stil der Google-Nexus-Geräte beizubehalten“, sagt er.

Von außen betrachtet mag es unwichtig wirken, wie die winzigen App-Icons in Ordnern dargestellt werden. Für die CM-Community geht es aber ums große Ganze: Sie verteidigt ihr Recht, selbst zu entscheiden, wie ihre Software aussehen soll, egal ob es gegen Google geht, gegen die Gerätehersteller oder gegen die eigenen Vollzeit-Entwickler.

Baumann hat für sich eine einfache Konsequenz gezogen: Für sein eigenes Smartphone hat er eine individuelle CM-Version gebaut, in der die Ordner wieder so aussehen, wie es ihm gefällt. (cwo@ct.de)

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