Die Rückkehr der Blockbuster

Neue Spiele von der E3 in Los Angeles

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Sie können es noch: AAA-Titel, wie die Großproduktionen der Industrie genannt werden, waren 2014 aufgrund des Generationswechsels der Konsolen fast verschwunden. Auf der E3 in LA erlebten sie ihr großes Comeback.

Waren es einst die Raubkopierer, die an den Umsätzen der großen Spiele-Publisher nagten, so sind es nun die Millionen von Smartphone- und Free-to-Play-Spielchen. Sie stehlen den Spielern die Zeit und das Geld für abendfüllende Blockbuster. Aus Angst vor leeren Hallen lud die ESA in diesem Jahr neben Fachpublikum erstmals 5000 Spieler nach Los Angeles, was die offizielle Besucherzahl über die 50 000er-Grenze hievte. Dennoch fühlte sich das Convention Center gerade am letzten Messetag erstaunlich leer an: Vom akustischen Krawall der früheren Jahre war die Messe weit entfernt. Auf den meisten Ständen konnte man sich sogar in normaler Lautstärke unterhalten.

War Virtual Reality im März auf der Game Developers Conference noch das dominierende Thema, so wurde es auf der E3 in die Hinterzimmer geschoben. Sony und Oculus zeigten einige kurze Demos, Valve blieb der Messe mit seinem Vive-Kit hingegen komplett fern.

Treffpunkt Virtual Reality

Oculus hatte bereits am Freitag vor der Messe seine fertige Rift-Brille in San Francisco vorgestellt. Die finale Version wird ein 90-Hz-OLED-Doppeldisplay mit 2160 × 1200 Pixeln Auflösung beherbergen. Auf dem Kopf trägt sich die Rift angenehmer und ausbalancierter als die Prototypen DK1 und DK2. Zudem erspart der eingebaute Kopfhörer zusätzliches Kabel- und Haltebügelgewirr. Das Tracking übernimmt eine Infrarot-Kamera. Oculus will die Brille im ersten Quartal 2016 zu einem bisher ungenannten Preis veröffentlichen. Mit im Paket ist ein Xbox-One-Gamepad von Microsoft, das sich über ein USB-Dongle kabellos mit einem PC verbinden lässt.

Das Gamepad ist Microsofts Mitgift für seine neue Kooperation mit Oculus. Im Gegenzug hat Oculus verkündet, die Rift werde vorerst ausschließlich mit Windows 10 laufen und weder OS X noch Linux unterstützen. Zudem soll man die Bildausgabe einer Xbox One über einen Windows-PC auf die Rift streamen können, was aber wohl eher ein Marketing-Gag ist.

Ein Set aus zwei kabellosen Bewegungs-Controllern, Oculus Touch genannt, soll erst Ende 2016 folgen. Jeder Touch-Controller bringt auf der Oberseite einen Analog-Stick mit und zwei Knöpfe. Dazu gesellen sich ein Trigger an der Front und ein Hebel auf der Unterseite, der Greifbewegungen erkennt. Sensoren des Controller merken, wenn der Spieler den Zeigefinger ausstreckt, um auf etwas zu zeigen, oder den Daumen für ein „Thumbs up“ in die Höhe reckt. Die Kamera registriert zudem die Raumposition der Controller. So kann man Gesten intuitiv ausführen, was in einem kurzen Test hervorragend klappte.

Auf der E3 demonstrierte Oculus die Möglichkeiten der Rift-Controller in einer VR-Demo für zwei Personen. Obwohl diese in der realen Welt nicht im selben Raum standen, konnten sie sich im virtuellen Raum treffen. Jeder sah die Brille und die Hände des anderen. So konnte man sich über das eingebaute Rift-Headset unterhalten, einander virtuelle Objekte reichen, eine runde Pingpong spielen oder gemeinsam durch den Weltraum schweben.

An konkreten Spielen war außer ein paar kurzer Demos wenig zu sehen. Einer der auffälligsten Titel ist nach wie vor der Weltraum-Shooter „Eve: Valkyrie“ von CCP; hinzu kommen die Third-Person-Action-Adventures „Edge of Nowhere“ von Insomniac Games sowie „Chrono“ von Gunfire Games.

Sonys VR-Experimente

Sony hat mit seinem Morpheus-Helm bei der Bildschirmqualität mit Oculus gleichgezogen. Hier muss der Kopfhörer jedoch noch getrennt aufgesetzt werden. Zur Steuerung setzen die Japaner auf Gamepads sowie ihre bekannten Move-Controller. Im Vergleich wirkten die Oculus-Demos ausgereifter, was daran liegen mag, dass deren Entwickler bereits länger Erfahrungen mit der Rift sammeln konnten.

Sony hatte Experimente wie „VirZoom“ auf Lager, in denen der VR-Spieler auf einem Heimtrainer sitzt und durch seine Trampelbewegungen ein Pferd steuert, das später wie ein Pegasus über einen Canyon fliegt. Multiplayer-Partien soll es auch geben. So arbeitet der konzerneigene Entwickler Guerrilla in Cambridge an einem Team-Shooter namens „Rigs“, in dem die Spieler in schnellen Mechs in einer Arena gegeneinander antreten. Hier bleibt abzuwarten, ob das hohe Spieltempo nicht die berüchtigte Simulatorkrankheit verursacht.

Rebellion arbeitet derzeit an einer VR-Neuauflage des Atari-Klassikers „Battlezone“, in dem man mit schwebenden Panzern aufeinander schießt. Der Titel soll nicht nur für die Morpheus-Brille, sondern auch für PC-VR-Systeme erscheinen. Crytek kündigte sein erstes VR-Spiel „Robinson: The Journey“ an, in dem der Spieler auf einem fremden Planeten Schiffbruch erleidet und die Umgebung erkundet. Weitere VR-Spiele sind bei EA und Ubisoft in Entwicklung, befinden sich jedoch noch im Prototyp-Stadium.

Offenbar wollen alle drei VR-System-Hersteller Oculus, Sony und Valve bei der Markteinführung von VR eng zusammenarbeiten. Man kenne sich persönlich gut und tausche Tipps aus, erklärte Sonys Spiele-Chef Shuhei Yoshida. Die Hersteller haben vor allem Angst, dass die ersten VR-Titel Übelkeit verursachen und solche negativen Erfahrungen bei Spielern den gesamten Ansatz in Frage stellen. Deshalb wäre es durchaus möglich, dass sich die ambitionierten Zeitpläne doch weiter verschieben – Valve will mit dem ersten Vive-Kit noch vor Weihnachten auf den Markt.

Halo HoloLens

Microsoft will auch seine Augmented-Reality-Brille HoloLens mit Spielen füttern und führte dies als einziger der Konsolen-Hersteller auch auf seiner großen Pressekonferenz vor. Als Erstes soll „Minecraft“ eine Erweiterung für die HoloLens bekommen. Spieler können dann Projektionen ihrer Klötzchenburgen auf einem realen Tisch betrachten und mit einfachen Gesten zoomen und verschieben. Anfassen lassen sich die Minecraft-Klötze jedoch nicht: Für das haptische Gefühl muss man weiterhin echte Steine von Lego kaufe.

Das Tracking-System der kabellosen Brille eignet sich aber auch, um etwa die Welt von Halo in die eigenen vier Wände zu projizieren. So hatte Microsoft einen kleinen Parcours aufgebaut, in dessen Gängen scheinbar schwebende Energiekugeln dem HoloLens-Träger den Weg anzeigten – ganz wie man es von den Wegpunktmarkierungen im Spiel kennt. Auf eine leere Wand würde ein virtuelles Fenster projiziert, durch das man in einen Raumschiffhangar blicken konnte.

Im Unterschied zu den VR-Systemen hat die HoloLens den Vorteil, dass Spielern nicht so schnell übel wird, weil sie weiterhin ihre reale Umgebung wahrnehmen. Der Nachteil ist, dass der durchsichtige Projektionsschirm nur einen kleinen Bereich des Blickfeldes abdeckt, sodass ein deutlich geringeres „Eintauchgefühl“ entsteht.

Buhlen um alte Fans

Doch Microsoft arbeitet auch an Hardware für „gewöhnliche“ Spiele und will im Oktober ein neues Elite-Gamepad auf den Markt werfen. Elitär ist nicht zuletzt der Preis von 150 US-Dollar. Dafür wird der Controller aus besonders wiederstandfähigen Oberflächenmaterialien und robusten Schaltern gefertigt. Aufsätze für Analogsticks und Hebel an der Unterseite lassen sich mit Magnethalterungen durch andere Größen auswechseln. Das gut in der Hand liegende Gamepad kann unterschiedliche Konfigurationen abspeichern und die Wege der Schulterhebel verkürzen. Die Hebel an der Unterseite bilden in normalen Spielen die Knöpfe auf der Oberseite ab. So können Spieler sie drücken, ohne ihre Daumen von den Sticks zu nehmen, was vor allem Vorteile bei Online-Shootern verschaffen soll.

Microsoft hat sich offenbar zum Ziel gesetzt, weiteres Abwandern von Xbox-360-Spielern zur PS4 von Sony zu verhindern. So sollen zum Ende des Jahres rund 100 Xbox-360-Titel auf die Xbox One portiert werden. Spieler, die eine Original-Disc oder einen 360-Digital-Code besitzen, können die Titel kostenlos auf der Xbox One weiterspielen. Zudem betonten die Redmonder bei ihren Spielpräsentationen immer wieder deren „Exklusivität“ – selbst wenn nur wenige Wochen Vorsprung vor dem Erzrivalen Sony gemeint waren. Um etwa dessen „Uncharted 4 Paroli zu bieten, erscheint „Rise of the Tomb Raider“ vor Weihnachten zunächst nur für die Xbox One; PC und PS4 folgen erst 2016.

Doch neben erwartbaren Fortsetzungen wie Gears 4, Halo 5, und Forza 6 blieb die Zahl neuer Eigenentwicklungen überschaubar. So kündigte Microsoft ein neues 3D-Action-Adventure von Keiji Inafune (Megaman) namens „ReCore“ an. Zu sehen war aber nur ein vorgerenderter Trailer. Offenbar steuert der Spieler ein Mädchen mit einem Begleiter, dessen Geist in einer leuchtenden Kugel lebt, die sich in verschiedene Roboter einsetzen lässt. So kann der Spieler die Form seines Begleiters ändern, um verschiedene Aufgaben zu lösen. Als weiteren Xbox-Titel zeigte Rare erste Szenen aus dem Piratenspiel „Sea of Thieves“, dessen Zeichentrick-Grafik stark an Monkey Island erinnerte. Beide erscheinen frühestens 2016. ...

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