Zurück ins Kino

Dolby Cinema lockt mit HDR-Bild und Multikanal-Sound

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Mit dem Film „Inside Out“ feierte das erste europäische Kino mit Dolby-Vision-Laserprojektion, Dolby-Atmos-Ton und Premium-Ausstattung seine Premiere.

Bereits im vergangenen Dezember öffnete im niederländischen Eindhoven das erste „Dolby Cinema“-Kino. Daher erscheint kaum berichtenswert, dass im rund 30 Kilometer von Amsterdam liegenden Hilversum jetzt ein zweites europäisches Filmtheater mit diesem Gütesiegel Premiere hatte.

Dennoch bietet das neue Kino ein Novum: Dolby Cinema besteht bezüglich der Wiedergabe aus zwei Komponenten – dem Tonsystem Dolby Atmos und der Projektionstechnik Dolby Vision. Letztere war zum Start in Eindhoven noch nicht fertig, sodass man dort zunächst eine gewöhnliche (Laser-)Projektion benutzte.

Das „JT Hilversum“ ist das erste von Beginn an komplett ausgestattete Dolby Cinema in Europa. Dolby lud zum Start einige Journalisten zu einer Vorführung ein, bei der neben 2D- und 3D-Democlips und Dolby-Vision-Trailern auch die US-Fassung des Disney-Pixar-Films „Inside Out“ (deutscher Titel „Alles steht Kopf“) zu sehen war. Das Dolby Cinema in Eindhoven wurde inzwischen auch umgerüstet; wie in Hilversum begann der Dolby-Vision-Betrieb dort mit „Inside Out“.

Gesamtpaket

Video: Passage im Dolby Cinema

Dolby Cinema bezieht sich in den Kinos auf einen dedizierten Saal, der neben den konventionellen Sälen koexistiert. Neben den Theatern der niederländischen JT-Kette gibt es momentan weltweit nur fünf weitere Dolby-Cinema-Kinos, die sich jedoch alle in den USA befinden.

Auch wenn der Schwerpunkt auf Vision und Atmos liegt, ist Dolby Cinema ein Gesamtpaket, das die Kinobesucher in eine andere Welt entführen soll – und zwar schon vor Filmbeginn. Hier betritt man den Kinosaal nicht direkt, sondern wird erst durch eine kleine Passage geleitet, in der wandfüllend ein extra zum Film produzierter Clip inklusive passendem Sound projiziert wird.

Abgesehen von der Leinwand sind der Saal und seine Einrichtung in Anthrazit/Schwarz gehalten; lediglich ein blauer Lichtstreifen an den Wänden und blaue Lampen an den Stufen sorgen vor der Vorstellung für Beleuchtung. Nichts soll den Zuschauer wieder aus dem Erlebnis herausreißen, zudem wird so Streulicht vermieden. Laut Dolby wurde sogar darauf geachtet, dass die den Weg zu den Ausgängen weisenden Lichtstreifen am Boden nicht ungünstig strahlen.

Die Lautsprecher sind nicht sichtbar installiert, sondern befinden sich hinter Akustikpaneelen. Auch dies ist Teil der Philosophie: Der Besucher soll nicht überlegen, ob die Anlage wohl genug Wumms liefert.

In Hilversum reicht die Leinwand von Wand zu Wand, der Besucher nimmt davor in bequemen, breiten Sitzen mit Getränkehalter Platz. Die Sitzreihen sind zu den Rändern hin nach innen gebogen, damit man von jedem Platz einen optimalen Blick auf die ebenfalls nach innen gebogene Leinwand hat.

Das gute Bild

Für das Bild sorgen zwei 4K-Laserprojektoren von Christie. Dolby Vision ist somit ein (nicht allgemein erhältlicher) Satz von Techniken, die laut Entwickler unter anderem für einen komplett freien Lichtweg sorgen. Es sollen also weder Filter zum Einsatz kommen, noch wird etwas vor die Linse montiert.

Im Ergebnis erhält man ein enorm helles Bild. Bei der 2D-Projektion spricht Dolby von einem Spitzenwert von rund 106 Candela pro Quadratmeter (cd/m2), umgerechnet 31 foot-Lambert (fL). Laut Christie erreichen konventionelle 2D-Projektoren eine Helligkeit von knapp 48 cd/m2 (14 fL) auf der Leinwand. Bei 3D-Filmen sinkt dieser Wert bei dieser „6P-Projektion“ (2 × 3 Farblasermodule alias „6-Primary“) laut Christie auf einen immer noch sehr ordentlichen maximalen Wert von rund 48 cd/m2. Üblich sind bei 3D-Projektoren aktuell 10 cd/m2 (3 fL); 3D-Filme werden also mit der Helligkeit gezeigt, die man bislang von 2D-Projektionen gewohnt ist.

Ein zumindest ebenso wichtiger Faktor ist der Kontrast, der das Verhältnis vom dunkelsten bis zum hellsten Signalpegel definiert. Bei einer gewöhnlichen Kinoprojektion mit Xenon-Lampen liegt der Kontrast laut Dolby bei circa 2000:1, Laser würden üblicherweise Werte zwischen 4000:1 und 8000:1 erreichen. Mit Dolby Vision schaffen die Projektoren nach Angaben von Dolby hingegen den sagenhaften Kontrastwert von über 1 000 000 :1. Und schließlich geht Dolby das Thema Farbe an: So nutzen die Projektoren für sattere Farben den erweiterten Rec.2020-Farbraum.

Im Ergebnis bietet Dolby Cinema die bislang beste digitale Filmprojektion. Das Bild ist enorm hell, die Farben knallen richtig – und das Schwarz ist wirklich tiefschwarz, wie man es etwa von OLED kennt. In dieser Kombination erhält man ein enorm plastisches Bild.

Bei den in Hilversum gezeigten 3D-Trailern war kein Helligkeitsunterschied zu üblichen 2D-Projektionen auszumachen. Dies führt zu einem entspannteren 3D-Genuss, da die Augen in dunkleren Szenen nicht so stark strapaziert werden. Längere 3D-Filme führen im Kino bei manchen Zuschauern aktuell zu gereizten Augen und Müdigkeit. Alles in allem war das 3D-Bild makellos – und erreichte eine bis dato unerreichte Tiefe.

Quellenanalyse

Also alles perfekt? Ganz so ist es dann doch wieder nicht. Inside Out wurde mit den technischen Eckdaten der neuen Kinos im Hinterkopf geschaffen, offiziell ist von einer „Produktion in Dolby Vision“ die Rede. Laut Dolby ist zwar jede Filmkamera aus dem Kinobereich in der Lage, ein HDR-Bild (High Dynamic Range) mit dem nötigen genutzten Kontrast zu liefern; für die Dolby-Cinema-Auswertung muss aber eine spezielle Fassung angefertigt werden. Zuvor waren bereits „Tomorrowland“ und „San Andreas“ in diesem Format verfügbar, die in Europa aber nicht in dieser Form gezeigt wurden.

Natürlich können in einem Dolby Cinema auch gewöhnliche Filmfassungen laufen, mit 2K- oder 4K-Auflösung, in 2D oder 3D, mit und ohne höherer Bildwiederholrate (High Frame Rate, HFR). Auch deren Wiedergabe profitiert von der Ausstattung des Kinos. Dennoch zeigten nicht in Dolby Vision vorliegende Werbeclips, dass der Unterschied signifikant ist.

Nach Inside Out ist bislang lediglich die Disney-Neuverfilmung des Animationsklassikers „Das Dschungelbuch“ in einer Dolby-Cinema-Fassung angekündigt – für kommendes Jahr. Dennoch erklärte JT Biscopen als Betreiber der niederländischen Dolby-Cinema-Kinos, dass es für die nächste Zeit ausreichend passendes Material gebe. Laut Dolby hätten neben Disney und Warner auch andere Studios ihr Interesse an Dolby Vision bekundet.

Ebenfalls wichtig: Inside Out ist durch seine Erzählstruktur ein Idealfall für Dolby Vision – ebenso wie Tomorrowland: Hier wie dort springt die Geschichte immer wieder und sehr abrupt zwischen einer eher tristen, grauen Realität und einer hellen, bunten Fantasiewelt hin und her.

In einem Ausschnitt aus dem Realfilm „San Andreas“ in Dolby Vision konnte man zwar die realistischer aussehenden Flammen bewundern – hier muss man sich die Frage stellen, ob gewöhnlichen Zuschauern die Unterschiede zur gewöhnlichen Fassung in dem Actionstreifen auffallen würden, wenn man sie nicht explizit darauf hinweist.

Der gute Ton

Beim Ton setzt Dolby erwartungsgemäß auf sein neuestes Surround-System „Dolby Atmos“ mit bis zu 64 separaten Lautsprecherkanälen – unter anderem für unter der Decke montierte Höhenlautsprecher.

Bislang funktioniert Raumklang im Kino meist so: Drei Kanäle vorne geben die zum Geschehen auf der Leinwand passenden Dialoge und Geräusche wieder. Gleichzeitig sorgten rückwärtige „Surround“-Kanäle – diffus abgestrahlt über eine Vielzahl von Lautsprechern – für den „Umhüllungssound“.

Dolby Digital EX und DTS-ES fügten dem bis dahin üblichen 5.1-Setup einen mittigen „Surround Back“-Kanal hinzu. Der generelle Aufbau mit Lautsprecher-Arrays verhinderte aber weiterhin eine differenzierte Wiedergabe von Klangereignissen aus dem Rückraum. Mit Atmos lassen sich die seitlichen und rückwärtigen Lautsprecher-Arrays auflösen und Surround-Boxen einzeln ansteuern, hinzu kommen die Deckenlautsprecher.

In Hilversum sind 53 Boxen vom Typ Christie Vive Audio installiert, davon fünf hinter der Leinwand. Zu den Vorgaben gehört auch, dass der Saal akustisch isoliert sein muss: Geräusche dürfen von dort weder nach außen dringen noch in diesen hineingelangen.

Tatsächlich geht Dolby Cinema auch beim Ton in die Vollen: Die Anlage in Hilversum hat eine enorme Dynamik. Der Tiefton-Effektkanal geht ordentlich zur Sache, ohne dass die Bässe schwammig werden. Vor allem aber dröhnt Pixar bei Inside Out die Zuschauer nicht die ganze Zeit mit Effekten aus allen Richtungen zu, sondern serviert den „multidimensionalen Raumklang“ wohldosiert in den passenden Szenen. Über den gesamten Film hinweg sorgt die Abmischung für eine schöne Räumlichkeit.

Preis/Leistungsverhältnis

Laut Dolby entstanden alle bisherigen Dolby Cinemas durch den Umbau vorhandener Säle. Dennoch sind die Kosten für die Installation beträchtlich, wie der Chef der JT-Kinokette auf Nachfrage bestätigte. Zwar nannte er keine konkreten Zahlen, die Kosten sind aber mit denen für den Sprung von der analogen zur digitalen Kinoprojektion vergleichbar. JT will durch einen Aufschlag von 5 Euro auf den Eintrittspreis dieses Geld wieder reinholen und auf Dauer Gewinne erwirtschaften.

Der Kinobetreiber glaubt an den dauerhaften Erfolg: Zu den Dolby Cinemas in Eindhoven und Hilversum sollen weitere hinzukommen. Insgesamt betreibt JT als zweitgrößte Kette in den Niederlanden 21 Filmtheater, schon aus technischen Gründen werden sich aber nicht alle in Dolby-Cinema-Kinos verwandeln lassen.

Ausblick

Für den Rest Europas ist bislang kein Dolby Cinema angekündigt; zu möglichen deutschen Standorten war auch durch hartnäckiges Nachfragen nichts zu erfahren. Dolby versicherte lediglich, dass es ein weltweites Interesse seitens der Kinobetreiber gäbe. Wichtig bleibt für alle Kinos mit dem Gütesiegel, dass auf Dauer passende Filme zur Verfügung stehen, die Dolby Vision und Atmos auch ausreizen können.

Ein Anreiz für Filmstudios, bei der Produktion auf HDR, Rec.2020 und Atmos zu setzen, könnte durchaus sein, dass diese Normen auch im Heimkinobereich künftig eine immer größere Rolle spielen – sei es bei High-End-Fernsehern, VoD-Diensten oder kommenden Ultra-HD Blu-ray Disc. Mit Dolby Cinema hat das Kino jetzt aber auf jeden Fall wieder einen beachtlichen Vorsprung erreicht. (nij@ct.de)

 

Dolby hat dem Autor die Reise nach Hilversum bezahlt.

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