Zweite Wahl

@ctmagazin | Editorial

Es gibt eine hocheffiziente Methode, um PCs mit Browser-Toolbars und Werbe-Müll vollzuschaufeln: Geben Sie in Google etwas wie "Free MP3 Converter" ein, klicken Sie auf den obersten Link und folgen Sie dort brav allen Download-Anweisungen.

Auf demselben Weg schrammen Sie auch sonst haarscharf an dem vorbei, was Sie eigentlich gesucht haben. Der Top-Link ist eigentlich immer Werbung, eine stichwort-optimierte Klickfarm oder gar eine Virenschleuder. Das, was Sie eigentlich brauchen, steht an fünfter oder siebter Stelle.

Das Motto "Top taugt nix" beschränkt sich nicht auf Google. Auf die Frage, wie sie auf das leckere Rezept für die Kürbissuppe kam, antwortete eine Freundin doch tatsächlich: "Ich habe einfach bei Chefkoch den zweiten Treffer genommen ..."

Auch im Alltag lernt man schnell, dass die erste Wahl selten die beste ist. Hat man das Auto auf dem ersten freien Parkplatz abgestellt, sieht man nach dem Aussteigen prompt einen besseren - nur zehn Schritte vor dem Ziel, und auch noch überdacht. Der mehrfache Oscar-Preisträger? Kein schlechter Film, aber der schlichte Action-Kracher mit Jason Statham hat besser unterhalten.

Was passiert, wenn diese Lektion auf andere Bereiche des Lebens abfärbt? Das "Highlight der Woche" auf der Speisekarte - daran muss doch was faul sein, nehmen wir lieber das Schnitzel. Die beste Bewerberin für den Babysitter-Job - die ist verdächtig überqualifiziert. Nehmen wir lieber die, die weniger Geld will. Der tatkräftigste Kanzlerkandidat ... da will man gar nicht weiterdenken.

Der nächste logische Schritt ist, dass niemand mehr nach dem Höchsten strebt. Müssen wir wirklich auf den Mars, wo wir schon so lange nicht mehr auf dem Mond waren? Warum eine erstklassige Arbeit abliefern, wenn es sich mit weniger Einsatz viel bequemer lebt? Und: Muss es wirklich die ganz große Liebe sein? Vielleicht gehts ja eine Nummer kleiner, da tut die Trennung weniger weh. Sind die Standards erst mal ins Rutschen gekommen, zielt man vielleicht bald nur noch auf den dritten Platz, auf den fünften, auf den siebten.

Ganz perfide erzieht Google eine ganze Welt zur zweiten Wahl. Weil, eins ist klar: Das schieben wir auf jeden Fall Google in die Schuhe - der letzten Nummer eins.

Gerald Himmelein

Anmerkung der Chefredaktion: Andere Editorial-Vorschläge waren besser. Aber was solls.

Gerald Himmelein Gerald Himmelein

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