Job-Maschinen

Wie Technik Probleme in Entwicklungsländern löst

Wissen | Reportage

Vor einem Jahrzehnt begannen die Arbeiten am 100-Dollar-Laptop und am Handy-Bezahldienst M-Pesa. Die Geschichte der beiden Projekte zeigt, wie Technik die Welt verbessern kann – und wie nicht.

Januar 2005, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: Der Technikprofessor Nicholas Negroponte wirbt erstmals für seinen 100-Dollar-Laptop. Mit den Mini-Rechnern könnten Kinder in Entwicklungsländern immer und überall lernen – auch ohne Lehrer. Er gewinnt Google, AMD und weitere Firmen für seinen Plan, gründet mit ihnen die gemeinnützige Initiative „One Laptop per Child“.

Im Februar desselben Jahres fliegt die Vodafone-Managerin Susie Lonie von London nach Nairobi. In der kenianischen Hauptstadt will sie ein System für Geldtransfers mit dem Handy aufbauen. Das britische Ministerium für Entwicklungshilfe fördert das Projekt mit einer Million Pfund, denn es soll Millionen Kenianern erstmals Zugang zu einem Konto verschaffen. Lonie tauft den Dienst M-Pesa – Swahili für „Mobiles Geld“.

Beide Projekte, M-Pesa und OLPC, wollen die Welt durch Technik verbessern. Das Fazit nach zehn Jahren könnte jedoch kaum gegensätzlicher ausfallen: M-Pesa ist ein unglaublicher Erfolg. „Der Dienst hat die Kriminalität eingedämmt, zehntausende Jobs geschaffen und Millionen Menschen Zugang zum Finanzsystem verschafft“, berichtet Anfang 2014 der kenianische Journalist Murithi Mutiga in der New York Times.

OLPC gilt als Fehlschlag. Regierungen, Unternehmen und NGOs haben über eine Milliarde Dollar ausgegeben und über 2,5 Millionen Laptops verteilt. Die meisten Studien zeigen aber, dass die Geräte keinen positiven Einfluss hatten. In Nepal konnten Schulklassen mit Laptops nach zwei Jahren nicht besser Mathe als die Vergleichsgruppen ohne Laptop, in Englisch waren sie sogar schlechter. Auch auf Motivation und Anwesenheit hatten die Rechner keinen positiven Einfluss. Studien aus Uruguay, Israel, Peru, Rumänien und den USA zeigen ähnliche Ergebnisse.

Warum hatte M-Pesa Erfolg und OLPC nicht? „Technik eignet sich sehr gut für den Zugriff auf Informationen, für das Übertragen und Speichern“, sagt die amerikanische Entwicklungsforscherin Jenny Aker. Genau das tut M-Pesa: Ein Guthaben – also eine Information – speichern und übertragen.

„Technik kann aber nicht Straßen, ein Bildungs- und ein Gesundheitssystem ersetzen“, warnt Aker, die unter anderem in Niger den Einfluss des Handys auf die Wirtschaft untersucht hat.

Die OLPC-Macher glaubten allerdings, dass Computer im Alleingang für mehr Bildung sorgen. In einem Video verwenden sie noch heute das Wort „Laptop“ als Synonym für „Bildung“. An anderer Stelle schreiben sie: „Wenn alle Kinder einen Laptop haben, halten sie den Schlüssel zu voller Entwicklung und Teilhabe in ihrer Hand.“ ...

Handys als Entwicklungshelfer

In Indien nutzen nur 15 Prozent der Bevölkerung das Internet, aber fast 70 Prozent haben ein Handy. In den meisten afrikanischen Ländern sieht es ähnlich aus. Aber Start-ups und NGOs zeigen: Auch per SMS kann man die Entwicklung vorantreiben.

Prepaid-Guthaben als Lebensversicherung

2010 macht der ghanaische Mobilfunkbetreiber Tigo seinen Kunden ein überraschendes Angebot: Wer mindestens 5 Cedi (1,25 Euro) im Monat vertelefoniert, bekommt eine Lebensversicherung mit einer Auszahlungssumme von 200 Cedi (50 Euro) geschenkt. 500 000 Kunden registrieren sich, 400 000 davon wechseln später zu einem kostenpflichtigen Angebot mit Beiträgen ab 40 Cent im Monat. Über 90 Prozent von ihnen hatten vorher noch nie eine Versicherung.

Entwickelt wurde das Angebot vom schwedischen Start-up Bima und einer ghanaischen Versicherung. Bima arbeitet inzwischen mit weiteren Mobilfunkbetreibern zusammen und versichert sieben Millionen Menschen in sieben Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika. Aber auch große Konzerne haben Versicherungen für Arme im Programm: Das deutsch-indische Joint Venture HDFC Ergo verkauft in Indien eine handybasierte Krankenversicherung und eine Wetterversicherung für Ernteausfälle.

Mikroversicherungen gelten als nützliches Mittel im Kampf gegen Armut. „Studien zeigen, dass sie Einkommens-Einbrüche mildern und die Produktivität in der Landwirtschaft steigern“, fasst der Economist zusammen. Zum Beispiel, weil Bauern mit Wetterversicherung riskantere, aber auch profitablere Feldfrüchte anbauen. In ganz Afrika laufen der internationalen Arbeitsorganisation zufolge erst 44,4 Millionen Versicherungsverträge. Die neuen Angebote der Mobilfunkanbieter könnten das schnell ändern: Über 600 Millionen Handynutzer gibt es auf dem Kontinent.

Jobangebote über SMS

2004 wechselt der Computerexperte Sean Blagsvedt als einer der ersten Microsoft-Angestellten in das neue Labor des Konzerns in Bangalore. Mit seinen Kollegen forscht er an technischen Lösungen für Entwicklungsländer.

Durch eine Studie erfährt er, dass ungelernte Hilfskräfte nur über persönliche Kontakte eine Chance haben, einen Job zu finden. In den Dörfern um Bangalore gibt es keine schwarzen Bretter mit Jobangeboten. Die einzige Chance ist, von einem Verwandten empfohlen zu werden. Außerdem wissen Jobsuchende wenig über das Gehaltsniveau in der Stadt, Arbeitgeber kaum etwas über die Berufserfahrung und Sprachkenntnisse ihrer Bewerber. 2007 kündigt Blagsvedt und gründet babajob.com, eine Online-Jobbörse für Arbeiter ohne Ausbildung.

Er fährt mit seinem Fahrer und seinem Koch in die Slums von Bangalore, um die ersten Jobsuchenden zu registrieren. Mittlerweile sind über 500 000 angemeldet, plus 60 000 Arbeitgeber. Babajob wirbt damit, dass vermittelte Arbeiter in ihren neuen Jobs im Schnitt 20 Prozent mehr verdienen und 14 Minuten weniger Anfahrtszeit pro Tag haben. Babajob selbst hat schon 22 Angestellte. Blagsvedts Fahrer ist zu seinem wichtigsten Mitarbeiter aufgestiegen.

Die Seite gibt es auf Englisch, Bengalisch, Hindi, Tamil und in weiteren Sprachen. Wer keinen Computer hat, wird per SMS über neue Jobs informiert. Anmelden kann man sich ebenfalls ohne Computer: Wer 08880004444 anruft und einmal klingeln lässt, wird von Babajob zurückgerufen und kostenlos registriert.

Handys schließen Wissenslücken

Im Jahr 2009 startet die Grameen-Stiftung des Nobelpreisträgers Muhammad Yunus eines der ersten Entwicklungsprojekte mit Smartphones: Sie bildet über 1100 Menschen aus ugandischen Dörfern zu „Wissensarbeitern“ aus. Diese erhalten ein Smartphone mit einer eigens entwickelten App, die Anbau-Tipps, Marktpreise und Wetterberichte anzeigt.

2014 zieht die Stiftung ein gemischtes Fazit: Die 1100 Wissensarbeiter haben Informationen an über 300 000 Kleinbauern weitergegeben, aber die Stiftung hat keine Erkenntnisse über die Auswirkungen auf das Einkommen der Bauern. Die Smartphones haben sich als weniger robust erwiesen als normale Handys, Reparaturen dauerten mehrere Wochen.

In vielen afrikanischen Ländern verbreiten NGOs ihre Informationen deshalb weiterhin über SMS. Auch damit kann man viel erreichen, zeigt Motech, ein weiteres Grameen-Projekt: In Ghana erinnert die Organisation Schwangere und Mütter per SMS an Untersuchungen und Impfungen. Nutzerinnen, die nicht lesen können, rufen die Hinweise als Sprachnachricht ab.

In Tansania werden bislang weniger als 20 Prozent aller Geburten den Behörden gemeldet. Deshalb verteilt Unicef Handys an Geburtshelfer, die dann per SMS den Namen des Kindes, das Geburtsdatum und den Geburtsort an einen Unicef-Server schicken. Dieser leitet die Informationen an die staatliche Registrierungsbehörde weiter und schickt den Krankenschwestern einen Code, mit dem die Eltern die Geburtsurkunde abholen können. Auf diese Weise wurden schon 150 000 Babys registriert.

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c't 02/2015, Seite 56 (ca. 4 redaktionelle Seiten)
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