Internet-Rummel

@ctmagazin | Editorial

Das Internet-Karussell dreht sich immer schneller und alle wollen mitfahren. Im rosa Kassenhäuschen sitzt Timotheus Höttges und hält die Hand auf - bisher jedenfalls. Künftig will er nämlich lieber beide Hände aufhalten, weil: Mehr nehmen macht halt seliger denn nehmen. Nicht nur Kunden, die mitfahren wollen, sollen bezahlen, sondern auch die Aufsteller der Holzpferdchen, auf denen alle sitzen wollen. Google, Facebook und Co. verdienen schließlich genug mit Werbung, um der Telekom ein paar Prozent abzugeben. Dafür stehen ihre Pferdchen dann in der ersten Reihe.

Es geht also um Netz-Neutralität. Sie ist ein Grundpfeiler des demokratischen Internet. Ja, demokratisch und nicht etwa sozialistisch. Denn schon heute können Anbieter mit Geld über Dienstleister wie Akamai ihre Erreichbarkeit verbessern. Das ist Wettbewerb. Wenn aber die Telekom nach einem Blick aufs Konto entscheidet, was wann beim Kunden ankommt, dann ist das Diktatur und somit inakzeptabel.

Der Jahrmarkt Internet ist ein Öko-System, in dem sich auch die Großen ums Gleichgewicht sorgen sollten. Die Telekom ist ein Riesen-Schausteller. Aber auch sie ist darauf angewiesen, dass die Leute bei ihr mitfahren wollen. Und jenseits letzter Monopolreste lassen viele Mitbewerber die Lämpchen blinken, um unzufriedene Kunden von der rosa Bude wegzulocken.

Was wäre, wenn Mark Zuckerberg über das deutsche Finanzgenie Höttges so richtig sauer wäre und ähnlich skrupellos reagierte wie dieser? Plötzlich hätten Telekom- und T-Mobile-Nutzer Probleme, Facebook und Whatsapp zu nutzen. Dann wäre es gewiss spannend, wie viele Kunden ihr soziales Netz und ihren Messenger wechseln und wie viele den Provider.

Zwar werden die großen Anbieter die aufgehaltene Hand von Höttges wohl eher ignorieren, aber das macht es nicht besser. Nach seinem Konzept muss er sie dann gegenüber willigen Maut-Zahlern benachteiligen. Das wird viele Telekom-Kunden unzufrieden machen. Denn die wollen keine neuen Start-ups, die sich eine Maut für Videos und andere "Spezialangebote" abpressen lassen, sondern das gewohnte YouTube.

Also Vorsicht, lieber Herr Höttges: Die Telekom plagt derzeit ihre Kunden mit der Umstellung aufs digitale Netz. Mit exklusivem Vectoring versuchen Sie den Wettbewerb aus den Hauptverteilern zu verdrängen. Das Letzte, was Ihre Kunden und das Internet jetzt noch brauchen, ist ein Karussell-Bremser, der Anbieter gegen Schmiergeld bevorzugt.

Axel Kossel Axel Kossel

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