Bot-Angriff auf Ingress abgewehrt

Neues aus der Augmented-Reality-Welt

Trends & News | News

Die „Muggels“ staunten nicht schlecht, als am 13. Dezember fast zweitausend Ingress-Spieler in die schwäbische Metropole einfielen. Zum Finale der sogenannten Darsana-Anomalie reisten „Agenten“ aus der ganzen Welt an, um in Stuttgart Portale zu erobern und zu verteidigen. Parallel gab es ähnliche Events in vielen anderen Städten der Welt, darunter Rio de Janeiro, Tokio und Barcelona. Das Event war ein voller Erfolg – obwohl davor eher die Probleme im Vordergrund standen.

Niantics Ingress ist das wohl beliebteste Augmented-Reality-Game. Es spielt in einer Parallelwelt, die man nur mit der Scanner-App zu sehen bekommt und die befüllt ist mit Portalen und der geheimnisvollen „exotischen Materie“. In dieser Parallelwelt stehen sich zwei Fraktionen gegenüber: die blaue Resistance und das grüne Enlightenment-Team. Die App läuft auf Android und iOS-Smartphones

Das Besondere an Ingress ist, dass man tatsächlich an einem Ort sein muss, um dort in der Parallelwelt zu agieren – eigentlich. Denn die Ortsangaben von Smartphones lassen sich fälschen. Das ist die Basis für Programme, die sich als Spieler ausgeben und mehr und mehr zum Problem für Ingress werden. So tauchte im Oktober bei einem großen Event in Vilnius eine ganze Armee von Bots auf; sie waren anhand der Namen und ihrer niedrigen Levels leicht als Skript-gesteuerte Dummy-Accounts zu erkennen.

Über 280 solcher Bots verteidigten rund um Vilnius vehement Portale. Die angreifenden menschlichen Spieler hatten keine Chance gegen die viel schneller agierenden Programme. Der Frust äußerte sich unter anderem in einem offenen Brief an Niantic, der „die Frage nach dem Sinn der Teilnahme aller aufrichtigen Spieler und Spielerinnen an solchen Events“ aufwirft und gezielte Maßnahmen des Herstellers gegen Bots einfordert. Über tausend Ingress-Spieler beider Fraktionen unterschrieben diesen Aufruf.

In den Wochen vor dem großen Darsana-Finale berichteten plötzlich Spieler vor allem in größeren europäischen Städten, dass virtuelle Gegenstände wie von Geisterhand verschwanden. Das Seltsame daran: Diese Geister waren wählerisch – es verschwanden nur wertvolle Dinge. Dazu gehören die begehrten Level-8-Burster und Kapseln, mit denen die Spieler größere Mengen an Items tauschen. Direkt daneben liegende Level-7-Burster oder die reichlich vorhandenen Resonatoren blieben hingegen unbeachtet.

Bot oder Bug?

Als Ursache kommen nur ein sehr skurriler Fehler im Spiel oder auf Diebstahl optimierte Bots infrage. Ein Programm, das seine Ortsangabe fälscht und so einen größeren Bereich überwacht, könnte durchaus die begehrten Items einsammeln, bevor sie ein Spieler aufnehmen kann. Dass dabei ausschließlich die als wertvoll erachteten Gegenstände verschwanden und das auch nur in größeren Städten, ließ viele Ingresser auf einen gezielten Raubzug tippen.

Auch der Hersteller Niantic trug beträchtlich zum Frust der Spieler bei. Er ließ sich zwar durch hartnäckiges Nachfragen zu einer Bestätigung bewegen, dass man an dem Problem arbeite. Darüber hinaus ignorierte er jedoch alle Fragen zu dem Thema. Selbst Wochen später verhallen alle Nachfragen zur Ursache ohne Antwort. Es hat Tradition, dass insbesondere Spielehersteller zu Problemen immer nur genau das sagen, was sie sowieso nicht mehr abstreiten können, ohne sich lächerlich zu machen. Ansonsten heißt die Parole wie auch bei Niantic: „Augen zu und durch.“

Irgendwas muss der Hersteller aber tatsächlich unternommen haben. Bei der Darsana-Anomalie im Dezember wurden keine Bot-Aktivitäten gemeldet und auch das Verschwinden von Items hat anscheinend kurz danach erst mal aufgehört. Das war auch höchste Zeit. Denn in der Ingress-Community wurde zum Teil schon die Parole ausgegeben, diesmal bei offensichtlichen Bot-Aktivitäten sofort das Spielen einzustellen und abzuziehen. Eine Art Protest-Boykott – zu dem es allerdings dann doch keinen Anlass gab.

Niantic kämpft

Und Niantic kämpft auch wieder um seine Community. So wurden nach langem Stillstand beim Spielgeschehen die Missionen eingeführt. Das ist eine Art Schnitzeljagd, die Spieler von einem Ort zum nächsten leitet, um sie dort Aktionen durchführen zu lassen. Kurz nach Darsana präsentierte Niantic dann neue Medaillen, die einem größeren Kreis von Spielern den Zugang zu den höchsten Leveln gewähren. Wie vorherzusehen, waren zwar viele alteingesessene Spieler, die bereits die höchste Stufe 16 erreicht hatten, darüber nicht so glücklich. Doch im Allgemeinen fiel die Resonanz in der Community positiv aus. Und vielleicht versöhnen ja die neuen, höheren Spielstufen, von denen bereits gemunkelt wird, auch die Altmeister wieder.

Und schließlich hat Niantic auch an der viel kritisierten Intel-Map, einer im Browser nutzbaren Karte der Parallelwelt, Verbesserungen vorgenommen. So helfen jetzt zusätzliche Tools, mit denen man Portale verbinden kann, bei der Planung größerer Aktionen.

Auch von der Business-Front vermeldet Ingress Erfolg. Man konnte Axa als Sponsor gewinnen. Die jetzt überall an den Filialen der Versicherung auftauchenden Portale spielen künftig eine besondere Rolle. Darüber hinaus gibt es jetzt besonders hochwertige Axa-Schilde. Das Konzept könnte aufgehen: Da gute Schilde zur Verteidigung von Portalen eine sehr knappe Ressource sind, ist die Nachfrage hoch.

Neue Spielelemente, ein funktionierendes Geschäftsmodell und nach wie vor oder wieder begeisterte Spieler – man sollte das in die Jahre gekommene VR-Spiel noch nicht abschreiben. Es sieht vielmehr so aus, als habe Ingress-Vater John Hanke seine Ansage im c’t-Interview, er wolle das Spiel noch mindestens 10 Jahre am Leben halten, tatsächlich ernst gemeint. Am 28. 3. steht jedenfalls schon das nächste Groß-Event an: Da wird dann Hannover zum Mittelpunkt des Ingress-Universums. (ju)

Artikel kostenlos herunterladen

Anzeige
Anzeige