Gebraucht, aber sexy

Second-Hand-IT wird salonfähig

Trends & News | Trend

Professionelle Wiederaufbereiter rüsten gebrauchte Unternehmens-PCs mit aktueller Hardware auf, verkaufen sie mit Gewährleistung – und haben den Markt damit aus der Trödel-Ecke befreit.

Und jetzt gehen wir rüber in die Produktion“, sagt Michael Bleicher und betritt die lichtdurchflutete Halle seiner Firma bb-net. Fließbänder, Hochregale, Verpackungsmaschinen. 300 Laptops laden gerade Treiber vom Server. Bleichers Mitarbeiter sitzen hinter einer Glasscheibe und überwachen den Prozess. An der Wand prangt, wie in einer japanischen High-Tech-Fabrik, ein Motivations-Spruch: „Quality Creates Value“. Qualität schafft Werte.

Bleicher erklärt die Produktions-Steuerungs-Software. Natürlich selbst entwickelt. Genau wie die Verpackungen, die Bedienungsanleitungen, die Aufkleber für die Gehäuse. Auch eine eigene Marke hat er erschaffen: „tecXL“. Alles wie in einer richtigen Computerfabrik. Der einzige Unterschied: In den tecXL-Kartons stecken keine neuen Geräte, sondern gebrauchte.

Professionelle Wiederaufbereiter wie bb-net haben den Markt für Second-Hand-Rechner aus der Trödel-Ecke befreit. Sie verkaufen gereinigte und getestete Business-Modelle aus Firmenbeständen. Die meisten Geräte werden außerdem aufgerüstet. Immer inklusive sind ein frisch installiertes Windows und zwölf Monate Gewährleistung. Online-Käufer haben obendrein ein Rückgaberecht. Trotzdem liegen die Preise kaum über denen von Privat-Auktionen auf eBay.

Deshalb wachsen die Wiederaufbereiter schnell, während der Markt für neue PCs stagniert. bb-net aus Schweinfurt verkaufte 2014 rund 60 000 Geräte und erwartet ein Wachstum von 20 Prozent pro Jahr. Konkurrent GSD aus Unterschleißheim setzte 2014 rund 150 000 Geräte ab, 50 000 mehr als 2010. Rund ein Dutzend weitere Wiederaufbereiter dieser Größenordnung gibt es in Deutschland. Sie verkaufen vor allem Laptops, PCs und Monitore; einige auch Drucker und Server. In den kommenden Monaten wollen die ersten auch iPhones und iPads in ihr Angebot aufnehmen.

Firmen tauschen PCs nach zwei oder drei Jahren

Bleicher geht hinüber in die Anlieferungshalle. Bei PCs und Laptops kauft er ausschließlich Business-Modelle der Marken HP, Dell, Lenovo und Fujitsu. Die verkratzen nicht so schnell wie typische Privatkunden-Geräte und lassen sich besser aufrüsten. Heute sind 200 HP-PCs angekommen. Einige haben ein paar Kratzer, die meisten sehen aber schon vor dem Putzen aus wie neu.

Fast alle Wiederaufbereiter kaufen ausschließlich Geräte, die vorher Firmen und Behörden gehörten oder von diesen geleast wurden. So kommen sie an große Chargen identischer Geräte. Defekte sind die Ausnahme, denn die Geräte wurden bis zuletzt verwendet und gewartet. Der Kauf von Privatleuten lohnt selten: Zu groß ist die Modellvielfalt, zu gering die Stückzahl. Außerdem werden private Geräte meistens so lange in der Familie weitergegeben, bis sie kaputt sind.

Unternehmen tauschen ihre Rechner hingegen nach zwei oder drei Jahren aus. Für sie ist der Neukauf dann in der Regel billiger als ein verlängerter Service-Vertrag inklusive Vor-Ort-Service und garantierter Ersatzteil-Verfügbarkeit.

Manchmal bekommt Bleicher sogar Geräte, die erst ein paar Wochen alt sind. Zum Beispiel, weil die Einkäufer einer Firma vom Support-Ende für Windows XP überrascht wurden und in der folgenden Hektik Windows-7-Laptops mit der falschen Ausstattung bestellt haben. Oder weil eine Bank feststellte, dass ein paar hundert 30-Zoll-Monitore auf einer Etage die Klimaanlage überfordern.

70 Prozent der Rechner werden aufgerüstet

Bleicher zeigt, wie seine Mitarbeiter die PCs und Laptops erfassen und reinigen. Staub und Krümel werden abgesaugt, alte Aufkleber mit Heißluft restlos entfernt, dann die Gehäuse mit speziellen Reinigungsmitteln auf Hochglanz gebracht. Fehlende Blenden, Plastikfüße und Trackpoint-Kappen werden ersetzt, manchmal auch neue Tastaturen eingesetzt. Einige dieser Teile lässt bb-net extra anfertigen. Lassen sich optische Mängel nicht beseitigen, werden die Geräte als „2. Wahl“ verkauft. Die Gewährleistung ist aber dieselbe wie bei der 1. Wahl. bb-net garantiert seinen Abnehmern die Reparatur binnen 72 Stunden.

70 Prozent der Geräte werden aufgerüstet, zum Beispiel mit mehr RAM, neuem Akku, größerer Festplatte oder SSD. Dann betankt ein Server sie mit Windows 7 samt Recovery-Partition, Service-Packs, Treibern, Libre Office und Microsofts Security-Essentials-Software. Jeder Laptop durchläuft einen 35-minütigen Akkutest, aus dem die Gesamtlaufzeit errechnet wird. Mitarbeiter gehen durch die Reihen und testen Stück für Stück von Hand, was man nur von Hand testen kann, zum Beispiel die Kopfhörerbuchsen.

Wie alle Wiederaufbereiter betont auch Bleicher, wie umweltfreundlich die Wiederverwendung ausgemusterter PCs ist. Studien bestätigen das. Denn die Produktion verschlingt mehr Energie als die Nutzung. Bei Notebooks lohnt sich der Austausch gegen ein sparsameres Nachfolgemodell für die Umwelt erst nach 30 Jahren, haben Forscher des Öko-Instituts ausgerechnet.

Der Wiederaufbereiter AfB wirbt nicht nur mit „Green IT“, sondern auch mit „Social IT“. Denn die Hälfte seiner 200 Mitarbeiter hat eine Behinderung. Doch mit dem ökologischen und sozialen Bewusstsein der Kundschaft lässt sich der Erfolg der Wiederaufbereiter kaum erklären.

Wachstum dank Microsoft

Viel wichtiger waren zwei Entscheidungen von Microsoft. Die erste: Microsoft führte im Oktober 2009 ein Partnerprogramm für deutsche Wiederaufbereiter ein, das MAR-Programm („Microsoft Authorized Refurbisher“). Die Partner, unter anderem bb-net, AfB und GSD, erhalten Windows-Lizenzen zu reduzierten Preisen: die sogenannten Refurbisher-Lizenzen, erkennbar an orangefarbigen Key-Aufklebern. Im Gegenzug schicken sie Microsoft die Keys der gebrauchten Rechner zur Deaktivierung.

Microsoft verkauft also zwei Windows-Lizenzen für ein und denselben PC. „Eine clevere Idee“, sagt Bleicher.

Aber auch für die Wiederaufbereiter lohnt sich die Partnerschaft: Selbst wenn die ursprünglich mitgelieferte Windows-DVD bei den von ihnen angekauften PCs fehlt, können sie ihrer Kundschaft eine mit Sicherheit legale Windows-Lizenz liefern. Ist die Original-DVD noch vorhanden, können sie diese aber auch weiterverkaufen. Wenn sie möchten, können sie die Rechner auch ganz ohne Betriebssystem vermarkten.

Microsoft überwacht den korrekten Umgang mit Lizenzen streng. Bei bb-net lagern die wertvollen Aufkleber im Sicherheitsschrank und das Produktionssystem zwingt zu doppelten Prüfungen, ob die Lizenzen tatsächlich auf die Geräte mit den dazu passenden Vorinstallationen geklebt werden. Jeder Handgriff jedes Mitarbeiters wird dokumentiert und ist später nachvollziehbar.

Dauerbrenner Windows 7

Die zweite Anschubhilfe von Microsoft kam ebenfalls im Oktober 2009: Damals erschien Windows 7, das erste Windows, das nicht mehr Leistung verlangte als die Vorgängerversion. Früher wurden die meisten alten Rechner in ärmere Gegenden der Welt exportiert, weil sie hier keiner mehr haben wollte. Dank Windows 7 ist alte Hardware plötzlich flott genug für den Wiederverkauf in Deutschland.

Natürlich taugt auch heute längst nicht jede alte Kiste. In Online-Shops stehen auch viele Gebraucht-Rechner zu Preisen, für die man neue Geräte mit besserer Ausstattung bekommt. Doch wer CPU-Generationen und Schnittstellen einordnen kann, siebt die echten Schnäppchen schnell heraus (siehe folgende Artikel). Und erspart sich das Warten auf das Ende der eBay-Auktion und das Zittern, ob der PC wirklich keine Mängel hat.

bb-net betreibt keinen eigenen Shop, sondern beliefert diverse große Online-Händler und über 250 Fachhändler sowie gewerbliche Endkunden. Außerdem ist die Firma ihr eigener Kunde: Die komplette IT-Ausstattung ist gebraucht – beziehungsweise „aus eigener Produktion“, wie Bleicher es nennt. (cwo@ct.de)

Artikel kostenlos herunterladen

Kommentare

Artikelstrecke
Anzeige
Artikel zum Thema
Anzeige