25 Jahre Photoshop

Wie Bildbearbeitung die Welt verändert hat

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Photoshoppen ist mittlerweile synonym dafür, Fotos digital zu verändern. Bildbearbeitung hat in der Werbung, in Hollywood, in Zeitschriften, auf Plattencovern, in der Fotografie, im Fotorealismus, überall, wo es um Bilder geht, neue Standards gesetzt und die Art verändert, wie die Menschen sich wahrnehmen.

Glenn Knoll hatte zwei Hobbys und zwei Söhne. Seine Hobbys, Fotografie und Computer, manifestierten sich in einer Dunkelkammer und einem Apple II Plus im Keller. Sein Sohn Thomas experimentierte dort in den 80ern mit Foto-Entwicklung. Sein Sohn John fühlte sich eher von der neumodischen Kiste mit ihren 64 KByte RAM angezogen.

John Knoll arbeitete im Jahr 1987 bei der Special-Effects-Firma „Industrial Light and Magic“ mit einem Pixar Image Computer, einem der ersten Rechner zur Bildbearbeitung. Die Möglichkeit, Bilder zu scannen, digital zu bearbeiten und wieder auszubelichten, faszinierte ihn. Während eines Besuchs bei seinem Bruder Thomas stellte er fest, dass dieser an einer ganz ähnlichen Software arbeitete.

Thomas Knoll beschäftigte sich während seiner Doktorarbeit über digitale Bildverarbeitung mit einem Apple Macintosh Plus und schrieb eine dort fehlende Subroutine zur Darstellung von Graustufen. Daraus wurde das Programm Display, später umbenannt in ImagePro. Inspiriert durch die Erfahrung bei ILM drängte John seinen Bruder, immer mehr Funktionen hinzuzufügen. Die auf dem Pixar-Rechner bearbeiteten Bilder wirkten auf der von Thomas entwickelten Software sehr düster. Dieser erweiterte sein Programm ImagePro daher um eine Funktion zur Gammakorrektur.

John stellte dieses Programm einigen Firmen im Silicon Valley vor und die Firma BarneyScan verschickte es erstmals unter dem Namen Photoshop mit ihren Scannern. Im September 1988 schließlich stellten die Brüder ihr Produkt dem Kreativteam von Adobe vor. Adobe-Art-Director Russel Brown entdeckte das Potenzial der Software, schloss mit den Knoll-Brüdern einen Vertrag und zwei Jahre später erschien Photoshop 1.0.

„Jennifer in Paradise“ ging als das erste digital bearbeitete Bild in die Geschichte ein. John Knoll hatte seine spätere Frau Jennifer in Tahiti fotografiert. In einem Video auf YouTube zeigt er diese Bearbeitung mit Photoshop 1.0 (siehe c't-Link am Ende des Artikels).

14 Versionen der Bildbearbeitung sind seither erschienen – anfangs nur für den Mac, ab Version 2.5 dann auch für Windows. Photoshop 3 war ein Meilenstein: Dank Ebenen-Unterstützung mussten Nutzer nun keine Bildvarianten mehr speichern, sondern konnten komplexe Designs erstellen. Version 4 brachte die nicht minder wichtigen nichtdestruktiven Einstellungsebenen, Version 5 das Farbmanagement, Version 6 Ebeneneffekte. Photoshop 7 stellt das Import-Plug-in Camera Raw zur Verfügung. Mit Photoshop 8 alias CS begann das Zeitalter der Online-Aktivierung und die Integration in die Creative Suite.

Bis Version CS6 kamen nichtdestruktive Effektfilter, 3D-Bearbeitung, Videoschnittfunktionen und vieles mehr hinzu. Die jüngste Version, Photoshop CC, markiert einen weiteren Einschnitt, der nicht minder folgenschwer ist als der Aktivierungszwang mit Photoshop CS. Aktuelle Versionen von Photoshop kann man nicht mehr kaufen, sondern nur noch mieten. Neue Funktionen gibt es nicht mehr alle zwei Jahre im Paket, sondern als kleine Updates, wann immer sie fertig sind. Eine Bilderstrecke auf heise online tritt die Zeitreise durch alle Versionen an (siehe c’t-Link).

Täuschung und Wahrheit

Mit der aktuellen Version lassen sich Bilder nahezu beliebig retuschieren. Kein Magazin-Cover entsteht ohne Photoshop. Modefotos und Star-Porträts werden häufig bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet. YouTube-Tutorials zeigen, wie sich Körper und Gesichter mit Photoshop zum Ideal umformen lassen – der Verflüssigen-Filter, hinzugekommen in Photoshop 6.0, machts möglich. Das Resultat ist eine über Werbung und Magazine transportierte Hochglanzwelt, die das Selbstbild der Menschen verändert hat.

Immer wieder wird versucht, diese eng gefasste Ästhetik aufzubrechen. Die Agentur Ogilvy gestaltete für die Kosmetikmarke Dove eine Anzeigenkampagne, die unter dem Namen „Real Beauty“ Furore gemacht hat. Mit Slogans wie „Keine Models, aber straffe Kurven“ und „Schönheit kennt kein Alter“ warb sie für ein natürliches Bild von Schönheit. Die Models wurden allerdings mit den gleichen Mitteln und nach dem gleichen Ideal retuschiert wie in jeder anderen Werbeanzeige auch – mit Photoshop.

Der YouTube-Film „Dove Evolution“ trifft einen anderen Ton. Er zeigt, wie aus einem gewöhnlichen Frauen-Porträt in Photoshop das Bild einer strahlenden Schönheit wird. Slogan: „No wonder our perception of beauty is distorted.“

In der dokumentarischen Fotografie führten die Möglichkeiten von Photoshop in der jüngeren Vergangenheit zu Kontroversen. Die Frage lautet nicht mehr, was kann, sondern was darf man bearbeiten? Der schwedische Fotograf Paul Hansen gewann den World Press Photo Award 2012 mit einem Bild von einem Trauermarsch in Gaza City. Es zeigt die Wut und Trauer der Angehörigen zweier Kinder, die bei einem israelischen Raketenangriff umkamen. Hansen geriet in die Kritik, weil er das Bild beschnitten und die Belichtungssituation in Photoshop geändert haben soll. Er bestritt das, legte das Raw-Original seiner Aufnahme aber nicht vor. Die Diskussion um die Grenzen der Bearbeitung von Pressefotos geht weiter.

Photoshop ist keine Domäne der Profis. Laut Wikipedia war das Programm im Jahr 2007 die am vierthäufigsten schwarz kopierte Software. Demnach setzten 58 Prozent der geschätzten zehn Millionen Nutzer das Programm illegal ein. Das zeugt von Photoshops Popularität. Das Internet ist übervoll von bearbeiteten Bildern. Die Community Reddit listet populäre Subreddits wie /r/photoshopbattles und /r/PhotoshopRequest, die sich auf witzige bis ernsthafte Weise mit der Bildbearbeitung auseinandersetzen.

Vergangenheit und Zukunft

Photoshop hat im vergangenen Vierteljahrhundert eine steile Karriere gemacht und Adobe Ruhm und Reichtum beschert. In 25 Jahren hat Photoshop aber nicht nur viele großartige Funktionen erhalten; das Alter des Programms ist auch Hypothek. Viele Filter öffnen sich wie in den 90ern immer noch in modalen Dialogen mit kleinen Vorschaufensterchen, statt ihre Funktionen wie Lightroom in eine einheitliche Umgebung eingebettet in Echtzeit auszuführen. Microsoft hat bei seinem Office-Paket im Jahr 2007 eine Lösung gefunden, das Bedienkonzept zu erneuern, ohne dass die Nutzer auf der Strecke bleiben. Wenn Photoshop die nächsten 25 Jahre überleben soll, muss Adobe die Bildbearbeitung weiterhin neu erfinden. Wir bleiben gespannt. (akr@ct.de)

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