Danke, aber warum erst jetzt?

@ctmagazin | Editorial

Die Veröffentlichung zum Angriff der Geheimdienste auf Mobilfunknetze durch TheIntercept dokumentiert ein zentrales Sicherheitsproblem unserer mobilen Kommunikation. Die SIM-Kartenhersteller und deren Kommunikationskanäle mit den Mobilfunk-Providern, die sie beliefern, haben sich als zentrale Schwachstelle entpuppt. NSA und GCHQ haben da Millionen von geheimen Schlüsseln geklaut, um Handy-Gespräche und Daten in großem Stil abzuhören.

Dieses Sicherheitsloch kann jetzt gestopft werden. Firmen wie Gemalto desinfizieren ihre Netze und die Mobilfunk-Provider werden ihre Kommunikation mit Gemalto & Co. zukünftig besser absichern. Die dokumentierten Methoden des Schlüsselklaus werden zukünftig nicht mehr funktionieren. Auch wenn NSA und GCHQ neue Löcher finden und ausnutzen - das ist ein herber Rückschlag für ihre Ambitionen zur Massenüberwachung. Danke dafür.

Doch warum geschieht dies erst jetzt? Warum mussten zwei Jahre vergehen, bis sich die Hüter der Snowden-Dokumente dazu herablassen, uns mitzuteilen, dass unsere Smartphones vielleicht schon gar nicht mehr uns gehören?

Vor zwei Jahren hat Edward Snowden diese Dokumente unter Gefahr für Leib und Leben aus der NSA herausgeschmuggelt und euch treuhänderisch für die Allgemeinheit, in deren Interesse er handelte, übergeben. Seit dieser Übergabe haben die Geheimdienste durch die darin dokumentierten Sicherheitslücken Millionen von Schlüsseln geklaut und damit wahrscheinlich viele Millionen Gespräche belauscht. Das geht auf euer Konto, denn das hätte man verhindern können, wenn die betroffenen Firmen und die Öffentlichkeit davon gewusst hätten.

Es sorgt für große Aufregung, wenn Microsoft ein paar Wochen braucht, um eine aktiv genutzte Lücke zu stopfen. TheIntercept und die anderen Bewahrer des Snowden-Schatzes lassen mal eben zwei Jahre ins Land gehen. Und wer weiß, was da noch alles schlummert?

Snowden hat wohl kaum sein Leben riskiert, damit eine Handvoll Individuen auf diesen Dokumenten sitzt und sie wie einen Goldschatz eifersüchtig hütet. Dass ihr uns die Perlen daraus nach Gutdünken häppchenweise verfüttert, ist nicht genug. Diese Dokumente müssen möglichst bald an eine ausreichend große Gruppe von Menschen übergeben werden, die für eine verantwortungsbewusste, aber baldige Veröffentlichung sorgen kann. Gebt die Snowden-Dokumente endlich raus. Sie gehören nicht euch, sondern der Allgemeinheit.

Jürgen Schmidt Jürgen Schmidt

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