Ein Herz für Kreative

@ctmagazin | Editorial

Vor jeder Apple-Veranstaltung kocht die Gerüchteküche über. Diesmal wurde von einem iPad Pro gemunkelt: mit größerem Bildschirm, eventuell sogar mit Stiftbedienung. Kurz hielt ich vor Vorfreude den Atem an: Apple denkt mal wieder an die Kreativen!

Für Otto Normalsurfer mag eine Diagonale von 10 Zoll ausreichen. Kreative können hingegen immer zusätzlichen Platz brauchen, um sich zu entfalten. Wer Musik machen will, freut sich über größere Regler am Sequencer; eine in iOS integrierte Stiftunterstützung für handschriftliche Notizen und selbstgemalte Bilder war längst überfällig.

Dann trat Tim Cook auf die Bühne und zeigte ... ein neues MacBook mit einer einzigen USB-Buchse und sonst nur einem Kopfhörer-Anschluss. Dafür aber in Silber, Gold und Mausgrau. Das war der Moment, in dem in mir etwas zerbrach.

Damals, in den dunklen Zeiten, als Apple schon ausgezählt wurde, waren es die Kreativen, die der Firma die Treue hielten. Die sahen Computer nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zur Verwirklichung ihrer Vorhaben. Die wollten keine config.sys editieren, sondern ihr Keyboard oder Grafiktablett anschließen und einfach benutzen.

Dann kamen der iPod, das iPhone und das iPad. Apple wurde neu geboren, als der geniale Vereinfacher von allem, für alle - jetzt sogar von Uhren. Lange wurde mir nicht klar, was verloren ging, als Apple zum Mainstream wurde.

Als ich zum ersten Mal ein iPad sah, leuchteten meine Augen: ein digitaler Notizblock, besser, ein Skizzenbuch, noch besser, eine Leinwand mit Undo! Nie wieder Papier. Kurz darauf die Ernüchterung: Aus dem Alter der Fingermalerei bin ich eigentlich raus. Back to Bleistift.

Einst halfen Kreative dem heutigen Trendsetter, den Kopf über Wasser zu halten. Apple gab ihnen das Gefühl, zurückzulieben: Here’s to the crazy ones; Think different. Aber das ist jetzt schon 13 Jahre her. Der aktuelle Profi-Mac steht hingegen auf dem Tisch wie eine Urne - da will man gar nichts mehr reininterpretieren.

Für sich genommen ist das neue MacBook nur ein weiteres Stück Hipster-Hardware. Ein Modeartikel zum Herzeigen, genau wie die Apple Watch. Es ist ein Not-Book, das zwar elegant aussieht, für Kreative aber erst mit unansehnlichen Erweiterungen nutzbar wird. Audio-Interface, Card Reader, Daten-Platte, LCD-Grafiktablett ... das alles liegt offenbar jenseits des Ereignishorizonts der Produkt-Designer.

Und so begrabe ich meine Hoffnungen, dass Apple sein Herz für Kreative irgendwann wiederentdeckt. Bis zur nächsten Keynote, wo ich wieder kurz den Atem anhalte und ganz heftig wünsche, dass Tim Cook auf die Bühne tritt und sagt: "And now, one more thing ... for the crazy ones."

Gerald Himmelein Gerald Himmelein

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