Neulich in deutschen Kinderzimmern

@ctmagazin | Editorial

Auf YouNow, Twitch und anderen Live-Streaming-Portalen erzählt Lieschen von ihrem Schultag, Marcel baut virtuelle Städte und Emmanuel gibt ein Gitarrenkonzert. Selbst Hausaufgaben sind nicht zu öde, um rund um die Welt gestreamt zu werden. Hier können sich Kinder nach Herzenslust kreativ entfalten - so oder so ähnlich werden es die Teenies wohl ihren Eltern erklärt haben.

Doch auch am späten Abend sind die Kids noch aktiv. Keydra ist 13 Jahre alt und hat heute ihre Schulfreundin zu Gast. Die beiden Mädels streamen mit ihrem Smartphone kurz vor Mitternacht in Unterwäsche aus dem Bett heraus. Sichtlich genießen sie die Aufmerksamkeit des wachsenden, eindeutig männlichen Publikums im vorgeblichen Alter zwischen 15 und 23. Erste Komplimente lassen nicht lange auf sich warten, aber Stimmung kommt nicht auf. Keydra und ihre Freundin wissen nicht so recht, was sie erzählen sollen. Es sei doch langweilig, beschweren sich die ersten Chat-Teilnehmer. Sie seien hübsch und bräuchten sich nicht zu verstecken. Immer mehr Chatter werden Fans und versprechen immer mehr Likes, wenn die beiden endlich "mal etwas zeigen" würden. Die Kinder zögern sichtlich verunsichert, geben aber schließlich dem Drängen nach: Als Abschiedsgruß gewährt Keydra ihren neu gewonnenen Fans kurz den gewünschten Einblick. Wer den Moment verpasst hat, kann ihn sich in der automatischen Video-Aufzeichnung ansehen, wieder und wieder.

Keydra hat sich ausgeloggt und ich werde automatisch weiterverbunden. Wieder zu einer Mädchenparty, eine Freundin übernachtet bei Sina. Den Ort verrate ich nicht, zu leicht wären die beiden 13-Jährigen zu identifizieren. Mehr Aufmerksamkeit als der Gastgeberin, die in Unterhemd und Höschen im Zentrum des Smartphone-Sichtfelds sitzt, wird ihrer Freundin zuteil: Sie liegt gut sichtbar auf dem Bett im Hintergrund - bekleidet mit einem trägerlosen Spitzen-BH und passendem Slip.

Das bemerken auch hundert Prozent der ausschließlich männlichen Chat-Teilnehmer und erkundigen sich ausführlich über die Freundin. Je besser die Freundin ins Blickfeld gelangt, desto mehr Freundschaftsanfragen prasseln auf Sina ein, die Zahl der Zuschauer steigt. Als Likes im 500er-Pack verteilt werden, flippen die Teenies aus, können ihre Berühmtheit kaum fassen. Es wird gejubelt, Unterwäsche verrutscht, noch mehr Likes sprudeln - alle sind glücklich. Den Link zum automatisch aufgezeichneten Video der Party, mit Zeitangaben der "interessantesten" Stellen, findet Google am nächsten Tag in einem Forum. YouNow zählt 475 Abrufe, das Video ist noch Tage später für jeden zu sehen.

Es wäre weltfremd, der heutigen Jugend das Internet verbieten zu wollen. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit. Verantwortungsbewusste Eltern überlassen ihre Kinder aber nicht 24 Stunden am Tag dem Internet: Zur Schlafenszeit gehört das WLAN für Kinder abgeschaltet, bis sie alt genug sind. Entsprechende Funktionen bietet jeder moderne DSL-Router. Natürlich könnten Pädophile weiterhin tagsüber versuchen, Kinder zu sexuellen Handlungen anzustiften. Sie haben es dann aber nicht so leicht wie nachts, wo Kids nur kurz an Unterhemd oder Slip zupfen müssen, um ihr Publikum mit dem beharrlich eingeforderten Blitzer zu befriedigen.

Mirko Dölle Mirko Dölle

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