Der Weg des Schrotts

Elektroschrott: Was recycelt wird – und was nicht

Wissen | Hintergrund

Silber-Schmelzofen bei Aurubis in Hamburg

Bald müssen auch Händler alte Elektrogeräte zurücknehmen. Aber was passiert eigentlich danach? Erstaunlich viel: Gold, Silber, Kupfer und weitere Metalle werden zurückgewonnen, andere gehen verloren.

Der Sicherheitsmann mit dem Revolver am Gürtel muss warten. Die Edelmetall-Palette aus dem Hamburger Aurubis-Werk ist noch nicht für den Abtransport in seinem gepanzerten Wagen freigegeben. Trotz der Zwangspause mag er kein Schwätzchen halten. Nimmt er gleich Gold, Silber oder Platin entgegen? Wohin geht die Fahrt? Wie viel wiegt die Ladung? Drei Fragen, dreimal keine Antwort. Auch die Aurubis-Mitarbeiter sprechen nicht über Details, die möglicherweise sicherheitsrelevant sein könnten.

Die Zurückhaltung hat einen Grund: Aurubis gewinnt in Hamburg aus Elektroschrott und Kupferkonzentrat jährlich rund 40 Tonnen Gold. Das entspricht etwa 3200 Barren zu je 12,44 Kilogramm, von denen jeder aktuell 450 000 Euro wert ist. Die glänzenden, gestempelten Barren sind der beeindruckendste Beleg für den hohen Wert, der in ausgemusterten, Handys, Laptops und Bildschirmen schlummert. Rund 50 Smartphones enthalten circa ein Gramm Gold – das ist in etwa so viel, wie in 200 bis 300 Kilogramm Golderz stecken, welches erst aufwendig abgebaut und mit Chemikalien behandelt werden muss.

Aurubis ist nur eines von hunderten Unternehmen in Europa, die sich auf das Recycling von E-Schrott spezialisiert haben. Die Branche gewinnt Kupfer und Edelmetalle wie Gold, Silber und Platin zurück, aber auch weniger glamouröse Elemente wie das für Akkus wichtige Kobalt.

Nun hoffen die Recycler auf einen Schrott-Schub. Denn vom 24. Juli an müssen auch Händler kostenlos kleine Altgeräte annehmen. Vielleicht, so die Erwartung, steigt dann endlich die Recyclingquote. Bislang werden in Deutschland jährlich nur rund 700 000 bis 800 000 Tonnen Elektro(nik)geräte gesammelt, obwohl mehr als das Doppelte verkauft wird. Über 100 Millionen Handys gammeln in deutschen Schubladen vor sich hin.

Wenn die Mengen steigen, haben die Recycler mehr zu tun. Außerdem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass neue Verfahren für die Rückgewinnung von Rohstoffen entwickelt werden, die im Moment noch verloren gehen.

Das wohl bekannteste Beispiel dafür sind die sogenannten seltenen Erden, also die in Wirklichkeit gar nicht so seltenen Metalle wie Neodym und Dysprosium. Sie lassen sich im Prinzip durchaus recyceln, zum Beispiel aus Windrädern. Diese können einige hundert Kilogramm Neodym enthalten. In einem typischen Smartphone stecken laut Messungen der Geologin Britta Bookhagen allerdings weniger als 0,01 Gramm seltene Erden – ungefähr genauso wenig wie Blei, das nur als unerwünschte Verunreinigung auftaucht. Außerdem sind sie auf viele Bauteile wie das Display und die Magnete der Lautsprecher verteilt.

Deshalb werden sie bislang nicht vor dem Einschmelzen abgesondert. Sie vorher zu isolieren oder hinterher aus der Schlacke zu gewinnen, wäre extrem aufwendig. „Versuchen Sie mal, Salz und Pfeffer wieder aus einem Gericht herauszufiltern“, sagt Jörg Lacher, Geschäftsführer des Recycling-Verbands bvse. Lohnen würde sich das Recycling der „Gewürzmetalle“ höchstens dann, wenn China die Primärproduktion extrem drosselte und keine anderen Länder als Lieferanten einsprängen.

Ähnlich ist die Lage beim Tantal, das außer in Brasilien und Ruanda auch im berüchtigten Ost-Kongo gefördert wird. Im Smartphone stecken weniger als 0,1 Gramm davon. Es landet in der Schlacke, weil die Recycler sich auf die ungleich wertvolleren Edelmetalle konzentrieren. Auch das als Display-Beschichtung verwendete Indium, das Lithium aus Lithium-Ionen-Akkus und das Gallium aus LEDs werden in der Praxis noch nicht zurückgewonnen. Forscher arbeiten aber bereits an neuen Verfahren.

Mengenmäßig bedeutsamer sind die Kunststoffe. Nur ein geringer Teil kann in einem vielschrittigen Verfahren abgetrennt und als ABS, HIPS oder Polystyrol wiederverwendet werden. Der größere Teil ist derart mit Zusatzstoffen und Flammschutzmitteln vollgestopft, dass er sich nur energetisch verwerten lässt, also in Müllverbrennungsanlagen. Auch in den Schmelzöfen der Edelmetall- und Kupfer-Recycling-Hütten sind die Plastikgehäuse ein willkommener Brennstoff.

Trotz dieser Verluste: Die europäische Recycling-Branche hat beim Elektroschrott ein beeindruckendes Niveau erreicht. Die Edelmetalle und Kupfer kann sie unendlich oft wieder in den Kreislauf einspeisen – in exakt derselben Qualität wie aus Erz gewonnen. Andere Metalle wie Aluminium erreichen zwar keine Primärqualität mehr, werden aber in Legierungen wiederverwendet. Sogar die Schlacke, die nach den zahlreichen Schmelzprozessen übrigbleibt, ist nur auf den ersten Blick Abfall. Tatsächlich wird auch sie verkauft und dient vor allem als Baumaterial (siehe Grafik).

Nur für das hochgiftige Quecksilber, zum Beispiel aus alten Flachbildschirmen, gibt es nicht genügend Anwendungsmöglichkeiten. Lediglich ein kleiner Teil davon kann für Energiesparlampen wiederaufbereitet werden, der Rest wird teuer deponiert – zum Beispiel in alten Bergwerken. (cwo@ct.de)

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