Die Wahrheit ans Licht

Whistleblower unter Druck

Wissen | Hintergrund

Mutige Mitarbeiter von Unternehmen und Behörden, die mit Informationen über Missstände an die Öffentlichkeit gehen, werden von den Mächtigen gehasst und gefürchtet. Die Auseinandersetzung darum, wie man mit Informationen und Informanten umgehen soll, wird mit harten Bandagen geführt.

Auf der ganzen Welt gibt es Whistleblower, Lanceurs d’Alerte, Reveladors de Secretos, die Klokkenluider, Visselblåsare und Fløjteblæser, Hinweisgeber und ethische Dissidenten. Sie bringen aus Behörden, Firmen oder Organisation heraus geheime Missstände an die Öffentlichkeit. Sie wollen die Missstände damit abstellen oder wenigstens eine gesellschaftliche Debatte darüber in Gang setzen.

Oft haben sie damit Erfolg: Mit den Panama Papers im April dieses Jahres befeuerte ein bislang Unbekannter die Debatte über die Kluft zwischen Arm und Reich, mit den NSA-Dokumenten brachte Edward Snowden die umfassende Überwachung durch die National Security Agency ans Licht. Chelsea Manning verbüßt derzeit eine 35-jährige Freiheitsstrafe. Sie machte das Grauen des Krieges greifbar, indem sie vertrauliches Material über Feldzüge und Gefangenenlager der USA veröffentlichte.

Whistleblower wenden sich an Zeitungen oder an einzelne Journalisten, wenn sie die Öffentlichkeit suchen. Vormals geheime Dokumente kann man aber nicht einfach auf irgendeinen Server hochladen. Wer sie veröffentlicht, muss sie auswerten, verifizieren, Recherchen dazu vornehmen und Beteiligte durch Schwärzungen schützen. Etablierte Medien leisten dabei gute Dienste. Sie haben die dafür notwendigen Fachleute wie Redakteure und Juristen und einen großen Leser- oder Zuschauerstamm, der für die nötige Aufmerksamkeit sorgt.

Für die Mächtigen sind die Whistleblower alles andere als einsame Helden, die gegen Missstände kämpfen. Sie zeichnen lieber das Bild des Verräters und berufen sich auf rechtliche Regelungen zum Schutz von Geheimnissen. Betroffene Firmen und Behörden setzen oft alles daran, den Whistleblower zu enttarnen und anschließend zu diskreditieren. Das schafft ein Klima der Angst, das hohe Hürden für Geheimnisträger schafft, sich zu offenbaren.

Das bekannteste aktuelle Beispiel ist der US-Amerikaner Edward Snowden. Er hätte die internen Meldewege benutzen müssen, um die von ihm ans Licht gebrachten Missstände abzustellen, behauptet die Präsidentschafts-Anwärterin Hillary Clinton noch heute. Dass diese Meldewege nicht funktionierten, ignoriert sie dabei.

Snowden entschloss sich zum Gang an die Öffentlichkeit, obwohl er als Angestellter eines Dienstleisters nicht den Schutz des Whistleblower Protection Act in den USA genießt. Und selbst der steht nur auf dem Papier: Snowden verfolgte, wie hochrangige IT-Spezialisten der National Security Agency (NSA) vom FBI belangt wurden, obwohl ihnen Schutz zugesichert worden war. Er setzte sich deshalb ins Ausland ab und suchte von dort aus den Kontakt zu unabhängigen Journalisten. Letztlich landete er in Russland, wo er bis heute im Exil lebt.

Wer wie Snowden in der IT-Branche arbeitet, hat oftmals weitreichenden Zugriff auf brisante Daten. Nur Fachleute können beispielsweise bemerken, wenn Suchläufe in Datenbanksystemen mittels „Selektoren“ so eingestellt sind, dass sie gegen gesetzliche Auflagen verstoßen. Snowden war zuletzt als Angestellter von Booz Allen Hamilton im First Level Support für die Mitarbeiter der NSA tätig und konnte als Außenstehender dennoch Tausende von Dokumenten über die Arbeit der NSA sammeln. Prompt wurde er von manchen Medien als „Hacker“ bezeichnet – zu Unrecht. Hackern geht es um IT-Schwachstellen, die sie zum Guten oder zum Schlechten ausnutzen.

Ein neues Wort

Whistleblower standen schon immer unter Beschuss. Das erste Mal wurde der Begriff auf einer Konferenz verwendet, die der US-amerikanische Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader 1970 veranstaltete. Er prägte ihn, um ihn positiv zu besetzen und negativ besetzten Begriffen wie Verräter oder Informanten entgegenzustellen. Im IT-Bereich wurde die Idee in der ethischen Diskussion schnell aufgegriffen: Im Jahre 1970 veröffentlichte die einflussreiche British Computer Society erstmals ihren „Code of Conduct“. Er gilt als der älteste Verhaltenskodex der Informatiker überhaupt. ...

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c't 17/2016, Seite 118 (ca. 4.5 redaktionelle Seiten)
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  1. Ein neues Wort
  2. Mal eben 7000 Seiten kopieren
  3. Eine E-Mail mit Folgen
  4. Den Dienstweg einhalten
  5. Zapfstelle Wikileaks

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