Billig, aber kein Betrug

Umweltwissenschaftler verteidigen die Industrie gegen Obsoleszenz-Vorwürfe

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Tröpfchenzähler in Druckern und billige Elkos in Fernsehern sind keine Beispiele für betrügerische Sollbruchstellen, sagen Forscher des Öko-Instituts. Doch ihre Studie trifft auch auf Kritik.

Es begann mit einem billigen Tintenstrahldrucker. Das Epson-Gerät musste 2011 in der Arte-Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ als Beispiel für geplante Obsoleszenz herhalten, weil es eine Fehlermeldung anzeigte und nach Reparatur verlangte, obwohl alle Komponenten anscheinend noch einwandfrei funktionierten.

Der Film brachte das Obsoleszenz-Thema in die Schlagzeilen und auf die politische Agenda. 2013 forderte die Bundestagsfraktion der Linken eine „Mindestlebensdauer“ von Produkten und ein Verbot von „technisch nicht begründbaren Sollbruchstellen“. Im Umweltausschuss wurde der Vorschlag abgeschmettert, aber die CDU/CSU-Fraktion sah immerhin Forschungsbedarf und forderte das Umweltbundesamt (UBA) auf, das Problem zu ergründen.

Nun liegt das Ergebnis vor: Auf gut 300 Seiten zeigen die vom UBA beauftragten Umweltwissenschaftler des Freiburger Öko-Instituts und der Uni Bonn, dass viele Geräte heutzutage tatsächlich kürzer genutzt werden als früher, dass Haushaltsgeräte (z. B. Waschmaschinen) häufiger schon nach ein paar Jahren den Geist aufgeben, dass das schädlich für die Umwelt ist – und die Politik gegensteuern muss, zum Beispiel mit Mindestanforderungen an die Haltbarkeit und mehr Informationspflichten für die Hersteller.

Doch die Forscher geben, anders als die Macher des Arte-Films, nicht allein den Herstellern die Schuld. Die Statistiken zeigen, dass Verbraucher immer mehr Produkte ausmustern, die noch einwandfrei funktionieren. Mittlerweile trifft schon fast zwei Drittel der LCD-TVs und ein Drittel der Haushaltsgeräte dieses Schicksal. Eine unangenehme Erkenntnis für viele Verbraucherschützer.

Außerdem analysieren die Autoren einige klassische Obsoleszenz-Beispiele aus Medien und Online-Foren – und kommen jeweils zu dem Fazit, dass dort von geplanter Obsoleszenz im Sinne böswilliger Designmanipulation keine Rede sein könne.

Billigdrucker mit Tintenschwamm

Das erste Beispiel sind Billigdrucker wie das Epson-Modell aus der Arte-Doku. Der Film erweckt den Eindruck, der Drucker streike einzig und allein, um den Kunden zum Neukauf zu zwingen. Die Autoren der Studie weisen jedoch auf eine Tatsache hin, die von den Industrie-Kritikern gern verschwiegen wird: Tintenstrahldrucker spülen bei jedem Reinigungsvorgang ein wenig Tinte durch den Druckkopf. Billige Drucker sammeln diese Tinte in einem Schwamm und streiken nach einer gewissen Zahl von Reinigungsvorgängen – um zu verhindern, dass die Tinte überläuft und Möbel besudelt. Der Austausch des Schwamms lohnt sich selten, denn ein neuer Drucker kostet in der Regel weniger als die Reparatur.

Natürlich sei das keine gute technische Lösung, räumen die Autoren der Studie ein. Besser seien die leicht vom Nutzer austauschbaren Resttintenbehälter der etwas teureren Drucker. Außerdem würden die Hersteller ihre Kunden nicht über die begrenzte Kapazität der Tintenschwämme aufklären. Aber die These vom Chip, der den Drucker ohne technischen Grund lahmlegt, lasse sich nicht halten.

Elko-Ausfälle

Das zweite Beispiel sind Aluminium-Elektrolytkondensatoren. Industrie-Kritikern zufolge platzieren Hersteller die „Elkos“ nur deshalb in der Nähe von wärmeerzeugenden Bauteilen, damit sie nach einer gewissen Zeit austrocknen und das Gerät lahmlegen. Doch so einfach sei die Realität nicht, schreiben die Forscher. Tatsächlich müssen Elkos in der Regel in der Nähe bestimmter Komponenten (zum Beispiel CPUs) sitzen, um Störstrahlungen und Spannungsabfälle zu vermeiden.

Auch die beliebte These, dass Hersteller ihre Kunden durch den Einsatz unterdimensionierter Elkos übers Ohr hauen, lassen die Forscher nicht gelten. Natürlich würden Hersteller im Billigsegment weniger robuste Elkos verwenden, aber dann würden sie auch alle anderen Teile an diese kurze Lebensdauer anpassen – „um Kosten, Materialien und Ressourcen zu sparen“. Das Problem liege eher darin, dass die Hersteller die Geräte nicht unter realistischen Bedingungen testen. Wird der Fernseher im TV-Schrank des Kunden heißer als im Labor, fällt jeder Elko früher aus als geplant.

Gute und böse Obsoleszenz

Im Fazit fassen die Autoren ihre Position zur Obsoleszenz zusammen: Natürlich würden Unternehmen ihre Geräte auf eine bestimmte Lebensdauer auslegen: „Idealerweise wird angestrebt, dass die technische Produktlebensdauer der Produktnutzungsdauer entspricht […] Das Kernprinzip lautet, Produkte so zu gestalten, dass sie so lange wie nötig und nicht so lange wie möglich halten.“

Das sei nicht verwerflich: Würde die Industrie ihre Produkte so langlebig wie möglich konstruieren, würde der Ressourcenaufwand in der Herstellung steigen, die Verbraucher würden aber vieles trotzdem wegschmeißen – und das wäre „ökologisch kontraproduktiv“. Es gibt also nicht nur eine böse geplante Obsoleszenz, sondern auch eine gute.

Allerdings stellen die Autoren die Motive der Hersteller bei der Planung der Lebensdauer seltsam unkritisch dar. Haben die Unternehmen wirklich immer das Interesse der Kunden im Sinn? Und erziehen sie diese nicht zu kürzeren Nutzungsdauern, durch Werbung und immer kürzere Produktzyklen? Diese Fragen bleiben außen vor. Das wird nicht nur von Verbraucherschutz-Organisationen wie „Murks, nein danke“, sondern auch von anderen Wissenschaftlern kritisiert: „Die Hersteller sind nicht neutral. Sie haben einen Anreiz, Konsumenten als Wegwerfer zu sehen“, sagt der Obsoleszenz-Forscher Harald Wieser im Interview mit c’t. (cwo@ct.de)

„Abwärtsspirale der Erwartungen“

Der Ökonom Harald Wieser (26) hat für die Arbeiterkammer Wien eine Obsoleszenz-Studie durchgeführt (siehe c’t-Link). Zurzeit untersucht er an der Universität Manchester die Entwicklung der Nutzungsdauer von Handys in den vergangenen zwei Jahrzehnten sowie die Rollen von Konsumenten, Händlern und Herstellern.

Harald Wieser: Die Studie hat wichtige Erkenntnisse gebracht, doch die Ergebnisse sind etwas verzerrt kommuniziert und auch wahrgenommen worden. Im Ergebnis wirkt die Studie wie eine Entlastung der Industrie, da sie sich nur auf die Extremfälle geplanter Obsoleszenz, also arglistig eingebaute Sollbruchstellen, konzentriert hat. Diese lassen sich aber unmöglich von den unvermeidbaren Entscheidungen zur Lebensdauer in der Produktentwicklung abgrenzen.

Wieser: Zunächst einmal haben Unternehmen noch ganz andere Methoden zur Beschleunigung der Obsoleszenz, zum Beispiel Werbung und schnelle Generationswechsel trotz minimalem technischem Fortschritt, wie bei Handys. Zweitens nimmt die Studie unkritisch an, dass die Unternehmen die Lebensdauer ihrer Produkte lediglich so planen, wie der Kunde es wünscht. Aber die Hersteller wissen oft gar nicht, welche Lebensdauer die Konsumenten erwarten und haben auch einen Anreiz, Konsumenten verzerrt als Wegwerfer zu darzustellen.

Diese Aspekte kommen in der Studie nicht vor, weil sie das Problem aus einer engstirnigen, technischen Perspektive betrachtet.

Wieser: Selbstverständlich, aber Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Das Problem liegt im Wechselspiel zwischen Industrie und Verbrauchern. Käufer sind oft misstrauisch hinsichtlich der Lebensdauer von Produkten, zum Beispiel weil sie von den Herstellern kaum Informationen darüber bekommen oder in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Deshalb ist die Bereitschaft gering, mehr für ein langlebiges Produkt auszugeben. Die geringe Nachfrage nach langlebigen Produkten bestärkt wiederum die Meinung der Produzenten, dass Konsumenten immer nur das Neueste verlangen. Das Ergebnis ist eine Abwärtsspirale der Erwartungen.

Wieser: Ohne regulatorische Eingriffe wird es nicht gehen. Wirksam wären Minimal-Anforderungen an die Lebensdauer. Das geht besonders bei Produkten, deren Verschleiß nur wenig vom Nutzungsverhalten abhängt und wo die Zyklen des technischen Fortschritts relativ lang sind, also zum Beispiel bei Haushaltsgeräten. Bei anderen Produkten müsste man die Hersteller zumindest zur Angabe der Lebensdauer verpflichten.

Wieser: Da müsste sich die Angabe der Lebensdauer auf konkrete technische Aspekte beziehen, zum Beispiel die Haltbarkeit des Akkus. Man könnte die Hersteller aber auch verpflichten, Ersatzteile für einen bestimmten Zeitraum vorrätig zu halten.

Wieser: Das Anti-Obsoleszenz-Gesetz in Frankreich konzentriert sich auf die arglistigen Extremformen der geplanten Obsoleszenz. Man muss abwarten, ob das in der Praxis überhaupt nachweisbar ist. Aber das Gesetz enthält auch eine Pflicht, Verbraucher über die Verfügbarkeit von Ersatzteilen zu informieren. Das ist schon interessanter.

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