Selbstgedreht

Camcorder, Fotokamera, Actioncam oder Smartphone?

Wissen | Hintergrund

Noch nie wurde so viel gefilmt wie heute: Jede Minute landen über 300 Stunden selbstgedrehte Videos allein bei YouTube. Gleichzeitig gehen immer weniger Camcorder über den Tresen. Wie passt das zusammen – und womit filmt man am besten?

Smartphone statt Videokamera – diese Marktentwicklung spiegelt den Niedergang des Camcorders. Der spielte über zwei Jahrzehnte lang die Hauptrolle, um Familie, Urlaub oder Zeitvertreib zu dokumentieren. Doch die Fotokameras und Smartphones haben den Camcordern längst den Rang abgelaufen, selbst wenn Letztere bei schwachem Licht bessere Aufnahmen bringen und dank ihrer aufwendigeren Optik einen großen gestalterischen Spielraum ermöglichen, etwa mit gesteuerter Unschärfe. Statt über eine Million in ihren besten Zeiten werden heute gerade mal ein paar hunderttausend Camcorder im Jahr verkauft. Nur Actioncams und Camcorder zusammen erreichten relativ stabile Verkaufszahlen.

Schon die digitale Fotokamera hat den Camcorder in vielen Bereichen abgehängt – zunächst beim Preis: Die derzeit günstigste 4K-fähige Fotokamera, die Panasonic Lumix DC-FZ82, ist bereits für unter 350 Euro zu haben, während man für einen 4K-Camcorder das Doppelte zahlen muss.

Camcorder versus Fotokamera …

Dass eine Fotokamera Videos aufzeichnen kann, eröffnet neue, willkommene Möglichkeiten, die unter anderem für den weiteren Rückgang der Camcorder-Verkäufe sorgen: Zum einen erlauben viele Fotokameras den Einsatz von Wechselobjektiven, was im Amateurvideobereich bisher ein Schattendasein geführt hatte. Zum anderen erntet man – zumindest bei DSLR- und Systemkameras mit größeren Bildwandlern – eine höhere Lichtempfindlichkeit, vor allem dank der größeren Pixel, begleitet von der Möglichkeit, kreativ mit Schärfeverlagerungen („Kino-Look“) zu spielen. So etwas war und ist mit kleinen Bildwandlern (Baugrößen von 1/2 bis 1/8 Zoll), wie sie in Camcordern, erst recht aber in Smartphones verbaut werden, nicht zu realisieren.

Video: „Nachgehakt“

Das neue Zauberwort für Filmer heißt Bokeh, japanisch für alle kreativen, erwünschten Bildeffekte wie unscharfe Partien oder Zerstreuungskreise in einem ansonsten scharfen Bild. Kreative Videofilmer kritisieren bis heute den vermeintlich zu scharfen, zu harten Look herkömmlicher Camcorder-Aufnahmen.

Indes sind auch die einfachen Kompaktkameras durch die Smartphone-Konkurrenz vom Aussterben bedroht, da sie mit ähnlich kleinen Sensoren wie Consumer-Camcorder bestückt sind. Anders sieht es bei den größeren Bridge-Kameras aus, die von ihrer Funktionsausstattung her zum Teil sogar als ausgewachsene Camcorder durchgehen würden. Besonders beliebt bei ambitionierten Filmern sind Modelle mit wechselbaren Objektiven – und mit Bildsensoren größer als einem Zoll, also DSLR und spiegellose Systemkameras.

Camcorder bieten ab Werk Zoomobjektive mit sehr brauchbaren Weitwinkel- und hohen Tele-Faktoren, auch wenn hier manche Bridge-Fotokamera konkurrieren kann. Den Ton nehmen Camcorder meist besser auf als die von Bedien- und Objektivmotorgeräuschen geplagten Fotokameras, außerdem eignen sie sich ergonomisch meist eher fürs Filmen – ganz zu schweigen von den Vorzügen der Belichtungs-, Fokus- und Stabilisator-Systeme, die auf Bewegt- statt Standbild optimiert sind. Bei vielen Fotokameras ist das Filmen nur Nebensache, was beispielsweise der unergonomisch platzierte Videoauslöser und der oft fehlende Mikrofoneingang belegen.

… und versus Actioncam

Mitgewirkt am Niedergang der Camcorder haben auch die Actioncams, die von GoPro ursprünglich als Surfer-Kamera entwickelt wurden. Hier scheint schon eine gewisse Marktsättigung erreicht: 2015 wurden mehr Actioncams verkauft als im vergangenen Jahr 2016.

Im Grunde ist eine Actioncam nur ein Spezial-Camcorder, der mit der Fotoaufnahme meist wenig am Hut hat. Gegenüber den Camcordern ist die Actioncam aber robuster und mangels beweglicher Teile im Objektiv unempfindlich gegen Erschütterungen; sie ist immun gegen Staub, Hitze, Wasser und meist sogar tauchfähig. Zudem lässt sie sich dank des geringen Gewichts und der kompakten Maße an den unmöglichsten Stellen befestigen – etwa an Fahrzeugen aller Art.

Weil die Actioncam als besonders hip gilt, obendrein günstig und robust zugleich ist, entwickelte sie sich zu einer Alternative zum Camcorder, den viele als altbacken empfinden. Allerdings muss man bei Actioncams auch gravierende Nachteile in Kauf nehmen. Denn um möglichst verwackelungsfreie Bilder zu liefern, werden sie mit extrem weitwinkligen Objektiven ausgestattet, die keinen optischen Zoom erlauben. Außerdem lassen die Fixfokus-Objektive keine manuelle Scharfstellung zu. Schließlich stecken in den winzigen Actioncam-Gehäusen nur sehr kleine Aufnahme-Chips – mit einer daraus resultierenden schwachen Lichtempfindlichkeit, sichtbarem Rauschen und mangels Bokeh eher charakterlosen Aufnahmen. Der Ton ist wegen der Wasserfestigkeit meist nur stark gedämpft zu hören.

Viele Filmer kennen diese Nachteile vor dem Kauf nicht. Die ersten Gehversuche mit solchen Kameras enden oft mit reichlich Frust, weil eine Actioncam eben nicht das bietet, was man von einem Camcorder selbstverständlich erwartet. Bedingt durch ihre Auslegung empfehlen sich die Actioncams eher, um ein rasantes Hobby zu dokumentieren, kaum jedoch für Urlaubs- oder Familienfilme, für Firmenportraits oder Landschaftsaufnahmen. Als Zweitkamera liefert die Actioncam aber reizvolle Ergänzungen zu den Videos aus Camcorder oder Fotokamera.

Der letzte Schrei aus dem Actioncam-Bereich sind die 360-Grad-Videokameras, unter anderem von LG, Nikon oder Samsung. Sie erzeugen Rundum-Ansichten, in denen sich der Zuschauer eine eigene Blickrichtung aussuchen darf, etwa mit einer VR-Brille. Solche 360-Grad-Aufnahmen lassen sich erst mit spezieller Software mit normalen Videos in einem gemeinsamen Filmprojekt kombinieren.

Camcorder vs. Smartphone

Jahrzehntelang versuchten die Entwickler, den Camcorder weiter und weiter zu schrumpfen – doch im Wettstreit mit Kompakt-Fotoapparaten und Smartphones haben sie ihn so seiner ergonomischen, für die Bedienung wichtigen Vorzüge beraubt. Dabei war das Rennen um die Publikumsgunst von Anfang an nicht zu gewinnen: Flacher als ein Smartphone kann eine Filmkamera nicht werden. Dank Full-HD- oder sogar 4K-Auflösung scheint ein Handy inzwischen auch für viele Filmer eine verlockende Alternative zu sein.

Tatsächlich ist das Smartphone als Immer-dabei-Gerät mitverantwortlich für den gewaltigen YouTube-Filmboom. Dabei ist seine Form in puncto Ergonomie zwar noch fürs Fotografieren brauchbar, fürs Filmen dagegen eher ungünstig. Natürlich lässt sich ein Smartphone mit allerlei Zubehör pimpen, man kann es mit Handgriffen, Rigs und Objektivkonvertern aufwerten, bis es aussieht wie eine normale Filmkamera und genauso sperrig ist. Und beim Filmen zu telefonieren – das geht nicht.

Zwar liefern gängige Smartphones der Mittel- und Oberklasse mit zusätzlichen Film-Apps durchaus Videos in konkurrenzfähiger technischer Qualität. Doch bei Objektivauslegung, Sensorgröße oder Bedienelementen zeigt sich fast jedes Smartphone ähnlich beschränkt wie eine Actioncam, schon daher können Telefone nicht mit Camcordern oder Fotokameras mithalten: Ein Smartphone mit videotauglicher Optik würde größer, dicker und schwerer – was den Immer-dabei-Vorteil schwinden lässt. Immerhin bringen die meisten Smartphones einen Mikrofoneingang mit.

Fotokamera vs. Smartphone

In Sachen Foto hat das Smartphone den Kompaktkameras der unteren und mittleren Preisklasse fast den Garaus gemacht. Wie schon beim Vergleich mit dem Camcorder beweist das Handy beim Filmen ähnliche Stärken und Schwächen wie die Fotokamera: Man hat es immer dabei, seine Bildqualität fällt trotz der winzigen Optiken erstaunlich aus.

Doch die Smartphone-Videos können mit Aufnahmen großer Sensoren nicht mithalten, ganz zu schweigen von den massiven Nachteilen beim Handling. In Deutschland werden pro Jahr über 25 Millionen Smartphones verkauft – eine riesige Konkurrenz für alle herkömmlichen Kameras.

4K statt Full-HD

Bei Filmkameras geht der aktuelle Trend in Richtung Video in 4K. Damit ist meist das Unterformat UHD (Ultra High Definition) mit 3840 × 2160 Pixeln gemeint, nicht Cinema-4K mit 4096 × 2160 Pixel. Auch bei Actioncams findet die 4K-Aufnahme immer mehr Verbreitung. In 4K (UHD) filmende Smartphones gibt es längst.

Paradox daran: Während die technische Auflösung dank 4K immer höher steigt, werden die aufgenommenen Videos immer seltener auf großen UHD-Displays konsumiert. Stattdessen werden sie etwa über den Umweg YouTube auf kleineren Displays angeschaut, im Extremfall eben als YouTube-Video auf einem Smartphone. Ähnliches kann man im Audio-Bereich beobachten: Obwohl es schon lange HiRes-Audio gibt, wird Musik hauptsächlich auf dem Handy gehört – in datenreduzierter MP3-Qualität.

Dabei ist 4K nicht gleich 4K. Während Full-HD-Video inzwischen meist mit 50 oder 60 Vollbildern pro Sekunde (50/60p) aufgenommen wird, schaffen günstige 4K-Modelle gleich welcher Bauform oft nur 25/30p – Resultat ist eine reduzierte Bewegungsauflösung. „Echtes“ 4K, also Cinema-4K (4096 × 2160) wird sogar meist mit den kinotypischen 24 Vollbildern/s (24p) auf die Speicherkarte gebannt.

Schall und Geräusch

Den Ton nehmen aktuelle Filmkameras meist zweikanalig auf, also in Stereo (als Dolby Digital oder AAC). Nur einige wenige Musik-Camcorder kombinieren AVCHD mit PCM-Sound oder tönen QuickTime-Videos plus bis zu vier separate PCM-Tonspuren. Die allermeisten günstigen Actioncams speichern lediglich in Mono. Der Großteil aller Filmkameras – egal, ob Camcorder, Fotokamera, teurere Actioncam oder Smartphone – bleibt aber bei reinem Stereosound. Das gilt sogar für semiprofessionelle und professionelle Filmkameras. Die Dolby-Surround-Aufzeichnung (5.1) in der Kamera hat sich weder bei Amateuren noch bei Profis durchgesetzt. Wer eine mehrkanalige Audioaufzeichnung benötigt, kommt also um spezielle Camcorder nicht herum.

Fazit

Aktuell bieten sich Video-Amateuren nie gekannte Möglichkeiten, in hoher technischer Qualität zu filmen. Doch die eine, optimale Filmkamera für jeden Zweck ist gibt es immer noch nicht. Dazu sind die Stärken und Schwächen der Modelle und Ausführungen zu breit gestreut. Es hängt also wieder davon ab, für welchen Zweck eine Kamera sich eignet – und was sie kostet. Genau darum geht es auf den nächsten Seiten. (uh@ct.de)

Von der Foto- zur Videokamera

Dass die Foto- (auch) zur Bewegtbildkamera wurde, geschah eher zufällig. Eigentlich wollten die Hersteller den optischen Durchsichtsucher oder den Spiegel der Reflexkamera durch einen elektronischen Sucher ergänzen oder ersetzen. Die laufende Bildanzeige erfordert dafür ein Live-Bildsignal (Live View) – also ein Videosignal. Als dies in der Kamera verfügbar war, kamen die Entwickler schnell auf die Idee, dieses Signal auch aufzuzeichnen und die digitale Spiegelreflex-Kamera (DSLR) mit Vollformatwandler um eine Filmfunktion zu ergänzen. Als Erster war 2008 Nikon mit der D90 in HD mit 1280 × 720 Pixel Videoauflösung am Start, Canon zog mit der EOS 5D Mark II in Full-HD nach – und der Video-Boom bei DSLR-Fotokameras nahm seinen Anfang.

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