Editorial: Schau mir in die Linse, Kleines!

@ctmagazin | Editorial

Als IT-Journalist steht man morgens selbstverständlich im begehbaren Kleiderschrank, kann sich nicht zwischen der orangeroten Trainingsjacke oder doch dem kleinen Schwarzen entscheiden, und das größte Problem ist nicht der Berg hereintrudelnder Pressemitteilungen, sondern die Wahl des Outfits für den bevorstehenden Tag in der Redaktion.

Da uns bei c’t kein Guido Maria Kretschmer zur Verfügung steht, brauche ich einen anderen selbst ernannten Modeexperten. Dieser muss stilsicher sein und geeignete Farbkombinationen für die hohen ästhetischen Ansprüche der Redakteure finden. Und wenn er richtig gut ist, macht er auch noch Fotos von der perfekten Kombination, um durch Postings in sozialen Netzen die Vorfreude der Kollegen auf den ersten Anblick am Morgen zu steigern.

Amazon würde hierfür empfehlen, den Assistenten Echo Look ins Ankleidezimmer zu holen und sich auf die KI Alexa zu verlassen. Wer aber schon einmal mit Alexa kommuniziert hat seit dem Verkaufsstart von Amazon Echo, dem Vorgänger ohne Kamera, weiß auch, dass die KI zwar künstlich, aber keinesfalls intelligent erscheint.

Kommandos wie "Alexa, schalte bitte das Licht im Wohnzimmer an!" werden nach viel Training verstanden und ausgeführt. Sobald man aber "Wohnzimmerlicht" sagt, kann die KI dies nicht zuordnen. "Alexa, steht mir die grüne Hose?" könnte also anfangs auch zur Antwort "Tut mir leid, Hosen stehen nicht" führen. Ob man sich davon verunsichern lässt und sofort auf Röcke umsteigt oder doch noch ein bisschen mit Alexa übt, ist eine Frage der Geduld.

Was Alexa noch so über seinen Besitzer lernt und direkt in die personalisierte Amazon-Werbung einfließen lassen könnte, geht weit über den Inhalt des Kleiderschranks hinaus: andere Bewohner, Haustiere oder der Staubsaugerroboter wackeln vielleicht auch mal ins Bild. Da hilft auch der eingebaute Effekt nichts, der den Bildhintergrund "blurry" (deutsch: verschwommen) macht.

Doch wer zusätzlich zum fragwürdigen, lauschenden Assistenten auch noch die Version mit Kamera in seinen Privaträumen aufstellt, freut sich womöglich über Sonderangebote von Katzenfutter für den Stubentiger oder was Amazon sonst noch für Bedürfnisse im Hintergrund der "blurry outfit of the day"-Fotos erkennt.

Lea Lang Lea Lang

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