Editorial: Schreck in der Abendstunde

@ctmagazin | Editorial

Meine Tante Erna* ist ein herzensguter Mensch. So herzensgut, dass sie davon ausgeht, dass die ganze Welt ebenso gut sein muss wie sie. Widerfährt ihr trotzdem mal etwas Schlechtes, lächelt sie tapfer und sagt "Das hat gewiss auch eine gute Seite!". So hat sie etwa nach einem Unfall einen netten Mechaniker kennengelernt, der jetzt die Autos von vier Familienmitgliedern kostengünstig in Schuss hält.

Tante Erna ist ein Juwel, aber ihr unzerbrechlicher Optimismus kann auch eine Qual sein. Mindestens zweimal im Jahr sitze ich an ihrem Rechner, einer mittlerweile vier Jahre alten Möhre, und leiste Support. Weil sie mich dabei bekocht und das auch noch mit meinen Leibspeisen, fahre ich dazu jedes Mal eine Dreiviertelstunde aufs Land, statt auf Fernwartung zurückzugreifen.

Das am Telefon geschilderte Symptom ist immer dasselbe - "Du Gerald, mein Rechner ist auf einmal so langsam." Die Ursachen variieren hingegen. Mal hat sie sich die Banner-Pest eingefangen: "Es gab eine Reise zu gewinnen! Die wollte ich Dir schenken!" Mal errechnet ein Trojaner im Hintergrund fleißig Kryptowährung: "Sachen gibts!" Neulich war der CPU-Lüfter kaputtgegangen: "Jetzt, wo Du es sagst, ja, neulich rochs etwas komisch." Hätte ich das nur gewusst, bevor ich losgefahren war.

Letzte Woche trudelte am Abend eine mysteriöse Mail bei mir ein. Absender war angeblich Tante Erna, Betreff war leer. Die Mail enthielt nur die Zeile "Guck dir das mal an" und im Anhang ein PDF mit kryptischem Namen. Keine Unterschrift. Oh je.

Mit WannaCry in frischer Erinnerung beschloss ich, die Sache strategisch anzugehen. Erst mal den lokalen Virenscanner befragen; der hatte nichts auszusetzen. Dann das PDF bei VirusTotal hochladen und warten. 61 Scanner zeigten übereinstimmend ... nichts.

Ich beschloss, die Sache zu überschlafen und wiederholte mein kleines Sicherheitsritual am kommenden Abend noch mal. Scanner: sauber. VirusTotal: koscher.

Zögerlich öffnete ich das PDF. Auf dem Bildschirm erschien der graue Scan eines Zeitungsausschnitts mit einer derben Karikatur des US-amerikanischen Noch-Präsidenten. Um 90 Grad verdreht.

Erleichtert rief ich Tante Erna an. Sie hatte sich zwei Tage vorher einen Scanner gekauft - und wider aller Wahrscheinlichkeit ohne Probleme in Betrieb genommen. "Ich dachte, Du findest die Zeichnung vielleicht genauso lustig wie ich."

Ich wies dezent darauf hin, welchen Schrecken sie mir eingejagt hatte. "Warum hast Du nicht schon gestern angerufen? Ich hätte Dir gleich gesagt, dass das PDF von mir war."

Auf diese Idee war ich Berufsparanoiker tatsächlich nicht gekommen. Das nächste Mal dann. "Ist aber schön, dass Du endlich mal wieder anrufst! Mein Rechner ist auf einmal so langsam."

* Name von der Redaktion geändert, sie heißt Sabine.

Gerald Himmelein Gerald Himmelein

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