Das Lügen-Biotop

Wie Fake News entstehen und warum sie eine Gefahr darstellen

Wissen | Hintergrund

So lange Menschen zusammenleben, belügen sie sich. Und schon immer dienten Desinformation und Propaganda dazu, politische Ränkespiele zu beeinflussen. Warum also die aktuelle Aufregung um Fake News? Weil soziale Medien für ein stetig wachsendes Bombardement aus Unwahrheiten wie ein Verstärker wirken.

Hitlers geheime Tagebücher, irakische Massenvernichtungswaffen, die Klimawandel-Lüge – das Erfinden und das Verdrehen von Nachrichten ist nichts Neues. Dieser Artikel soll erklären, warum Fake News zu einem großen Problem geworden sind und wer davon profitiert. Claire Wardle von der Faktenchecker-Organisation First Draft hat eine Klassifizierung in sieben Typen von Fake News vorgenommen.

Von Satire bis Propaganda

Satiren oder Parodien werden nicht veröffentlicht, um Schaden anzurichten, sondern um zu unterhalten. Dennoch können sie den einen oder anderen in die Irre führen. Die Nachrichten des Postillon sind das beste Beispiel dafür. Diese Satire-Site schafft es immer wieder, aktuelle Themen und Geschichten aufzugreifen und so geschickt „weiterzudrehen“, dass sogar Politiker und seriöse Medien darauf hereinfallen. Zum 20-jährigen Jubiläum der neuen Rechtschreibung etwa meldete der Postillon, dass das Wörtchen „seidt“ die beiden Wörter „seid“ und „seit“ ablöse – eine Reporterin des MDR glaubte das und machte einen Hörfunkbeitrag dazu.

Video: Nachgehakt

Bei falschen Verknüpfungen passen Überschriften, Aufmacher oder Bildunterschriften nicht zum Nachrichteninhalt. Medien der Regenbogenpresse etwa dichten auf der Titelseite einem Promi gerne eine Hochzeit, ein Kind oder eine gefährliche Krankheit an. Im Inneren des Heftes ist es dann mit der vermeintlichen Nachricht nicht mehr weit her.

Solche Tricksereien sind längst als sogenanntes Clickbaiting im Internet angekommen: Mit geschickt formulierten Überschriften oder Neugier weckenden Aufmacherbildern bringen einige Sites Menschen dazu, auf ihre Links zu klicken – die Geschichten dahinter sind oft banal oder alt. Hierzulande hat etwa heftig.co auf diese Weise viel Erfolg.

Irreführen, verfälschen, erfinden

Irreführende Inhalte werden verwendet, um einer Person oder einem Thema etwas anzuhängen – zum Beispiel der ehemaligen hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann. Die hatte beim Kirchentag im Mai die Forderung der AfD nach einer höheren Geburtenrate kritisiert. Sie sagte, diese entspreche dem „kleinen Arierparagrafen der Nationalsozialisten: zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern“. In Anspielung auf die AfD setzte sie nach: „Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht.“ Bei Twitter wurden vielfach nur die beiden letzten Sätze zitiert, was den Eindruck erweckte, Käßmann erkläre alle Bürger mit ausschließlich deutschen Ahnen zu Neonazis.

Bei falschen Zusammenhängen handelt es sich um authentische Inhalte, die aber mit falschen Informationen in Zusammenhang gebracht und weiterverbreitet werden. Gerne werden dafür Bilder aus ihrem Kontext gerissen und mit einer neuen Geschichte versehen. Die Fake-Jäger von ZDDK Mimikama decken regelmäßig solche Geschichten auf.

Seit fünf Jahren kommt ihnen zum Beispiel immer wieder das Foto eines Jungen mit einer Geschwulst im Gesicht unter, angeblich einem Krebsgeschwür. Diese Posts sind oft mit der Aufforderung verbunden, sie zu teilen oder zu liken, weil Facebook dafür einen Betrag zur Behandlung des Kindes zahle – Klickfängerei. ZDDK hat den Jungen aufgespürt und ihn und seine Familie interviewt: Samuel stammt ursprünglich aus Vietnam und wurde von einer Familie in den USA adoptiert. Er litt an einem Blutschwamm, der mittlerweile entfernt wurde.

Um Personen etwas anzuhängen, werden mitunter authentische Inhalte überarbeitet – oft Bilder, weil diese noch weniger als Texte hinterfragt werden. Ein besonders perfides Beispiel betrifft den syrischen Flüchtling Anas M., der durch ein Selfie mit der Bundeskanzlerin bekannt wurde. Seither wird er immer wieder mit erfundenen Behauptungen und manipulierten Fotos als Terrorist dargestellt – offenbar, um sowohl Angela Merkel als auch Flüchtlinge allgemein in einem schlechten Licht darzustellen.

Es gibt noch weitere Bedeutungen von Fake News, denn Politiker versuchen, die Deutungshoheit über den Begriff zu erlangen. Allen voran Donald Trump: Für den amerikanischen Präsidenten sind Fakten nur dann echt, wenn sie zu den eigenen politischen Zielen passen. Widersprechen Trumps Fakten wissenschaftlicher Erkenntnis, spricht seine Beraterin Kellyanne Conways schon mal von „alternativen Fakten“.

Fake-Verstärker

Dass Fake News im politischen Diskurs zum bestimmenden Thema werden, hat viele Gründe. So hat sich der Umgang mit News grundlegend verändert. Bis zum Anfang des vorigen Jahrzehnts haben Menschen Nachrichten in sehr wenigen Medien konsumiert: Tageszeitungen, Radio, Fernsehen. Im Idealfall überprüfen Journalisten dort ihre Quellen, checken Redakteure gegenseitig ihre Artikel, gewichten Redaktionen die Beiträge. Nichtsdestotrotz gab und gibt es auch in den klassischen Medien Fake News, die sogenannten (Zeitungs-)Enten.

Heute machen soziale Medien einen beständig wachsenden Anteil am Nachrichtenkonsum aus, und zwar umso ausgeprägter, je jünger die Zielgruppe ist. Laut Reuters Digital News Report geben weltweit bereits 33 Prozent der 18- bis 24-jährigen „Social Media“ als wichtigste News-Quelle an. Aber auch bei älteren Nutzern gehören Facebook und Twitter längst zum News-Mix.

Im Internet kann jeder alles veröffentlichen. Was einmal ein großes Plus des offenen Netzes war und in vielerlei Hinsicht immer noch ist, entwickelt sich vor dem Hintergrund von Fake News aber auch zum Problem. So ist es heute keine große technische Herausforderung mehr, ein seriös erscheinendes „Nachrichtenportal“ aufzusetzen. Die klassische Medien-Website liegt so nur einen Klick entfernt vom Verschwörungstheoretiker-Treffpunkt, von rechts- oder linksextremen „alternativen Medien“ und von der Site mit komplett erfundenen Inhalten.

Und aus allen diesen Richtungen schwappen Nachrichten in die sozialen Medien. Dabei haben News, die beim Betrachter starke Emotionen auslösen, die besten Chancen, „viral zu gehen“, also massiv weiterverbreitet zu werden. Die wichtigste Emotion dabei: Wut. Offenbar reizt Wut stärker als alles andere dazu, Nachrichten zu teilen, zu retweeten oder zu kommentieren. Entsprechend sind viele Fake News so gestrickt, dass sie die Wut des Lesers schüren.

Wütende Menschen klicken viel

Je abstoßender der Vorwurf, desto besser eignet er sich dafür. Dabei muss der Verbreiter nicht einmal belastbare Beweise vorbringen. Im Gegenteil entsteht oft erst durch die Unhaltbarkeit der Anschuldigung eine ausführliche Diskussion in der Öffentlichkeit. Dass eine unberechtigte Anschuldigung öffentlich diskutiert wird, ist zunächst einmal eine gute Sache. Allerdings führt der falsche Vorwurf dazu, dass er immer wieder aufs Neue in die Timelines der Leser kommt. Und die Psyche ist aber nun mal so gestrickt, dass Menschen Informationen eher glauben, die sie mehrfach präsentiert bekommen – auch wenn man vielleicht beim ersten Mal noch skeptisch war.

Gut beobachten ließ sich das während des US-Präsidentschaftswahlkampfs. Unter dem Schlagwort Pizzagate wurde die völlig abstruse Behauptung gestreut, im Keller einer Pizzeria in Washington agiere ein Kinderpornoring, in den auch die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton verwickelt sei. Wochenlang wurden diese Gerüchte aufgekocht.

Mit einer seriösen Schlagzeile wird man meist nicht so starke Emotionen hervorrufen wie mit einer erfundenen, die genau auf diesen Zweck hin optimiert ist. Das ergab eine Auswertung des Portals Buzzfeed. In den drei Monaten vor der US-Wahl haben die 20 meistverbreiteten Fake News mehr Shares, Reaktionen und Kommentare auf Facebook erhalten als die 20 meistverbreiteten Geschichten von seriösen Medien. Eine dieser erfolgreichsten Titelzeilen: „WikiLeaks CONFIRMS Hillary Sold Weapons to ISIS …“.

Filterblasen und Echokammern

Die sozialen Netze verstärken diese Verbreitungswellen noch. Bei Facebook wählt ein Algorithmus die Postings aus, die der Einzelne präsentiert bekommt. Wie die Vorauswahl funktioniert, dazu macht Facebook nur vage Andeutungen, aber klar ist, dass vor allem Engagement zählt: Klickt man auf „Weiterlesen“, kommentiert man einen Artikel oder teilt ihn, wird Facebook zukünftig versuchen, verstärkt ähnliche Postings in die Timeline zu spülen.

Die Vorfilterung der News-Feeds ist eigentlich eine praktische Sache: Der Benutzer erhält so nicht die komplette Sammlung aller Posts seiner Freunde angezeigt, sondern eine persönliche Auswahl. Allerdings verzerrt diese auch die Wahrnehmung der Realität, weshalb Medienkritiker auch von Filterblasen oder Echokammern sprechen.

Während etwa 30 Millionen Deutsche bei Facebook sind, nutzen hierzulande nur eine Million aktive Anwender Twitter. Bei dem Kurznachrichtendienst gibt es zudem in der Timeline weniger Vorauswahl. Er präsentiert nur eine Handvoll ausgewählter Tweets unter „Falls Du es verpasst hast“ und die Themen mit den meisten Hashtags unter „Trends“. Obwohl die Plattform weniger Personalisierung bietet als Facebook und kleiner ist, darf man den Verstärkereffekt von Twitter nicht unterschätzen, denn viele Multiplikatoren wie Journalisten und Politiker nutzen den Dienst.

Algorithmen sortieren auch auf anderen sozialen Plattformen die Inhalte vor, etwa bei YouTube und Instagram. Und wie bei Facebook und Twitter geht bei Google das Engagement der Surferschaft ebenso in das Ranking der Suchergebnisse mit ein – so spielt auch die Suchmaschine eine Rolle bei der Weiterverbreitung von Fake News.

Klicken ja – lesen nein

Beim schnellen Durchscrollen der Facebook- und Twitter-Timeline bleibt oft keine Zeit für einen Faktencheck. Und je älter die Nutzer sind, desto schwerer fällt es ihnen, die Echtheit einer Meldung einzuschätzen. Das ergab eine Studie im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien. Demnach fühlen sich 43 Prozent der 45- bis 59-Jährigen beim Identifizieren von Fake News überfordert, bei Menschen jenseits der 60 sind es sogar 47 Prozent.

Mehr noch: Eine Studie des Data Science Institute der New Yorker Columbia University deutet darauf hin, dass viele Social-Media-Nutzer die verlinkten News, die sie teilen, nicht einmal lesen. Die Wissenschaftler untersuchten 2,8 Millionen Shares auf Twitter und die daraus resultierenden 9,6 Millionen Klicks. Die Untersuchung ergab, dass 59 Prozent aller geteilten Links nicht einen Klick verbuchen konnten – nicht einmal von denjenigen, die sie geteilt hatten.

Leider sind auch viele klassische Medien in Zeiten des Internet versucht, Nachrichten ungeprüft weiterzugeben: Wer schnell postet, der wird bei Google gut gerankt und erhält viele Besuche auf seiner Website. Das geht auf Kosten der sorgfältigen Recherche. Insbesondere bei Katastrophen oder Terroranschlägen, wenn anfangs die Nachrichtenlage noch sehr diffus ist, zitieren auch seriöse Medien immer mal wieder unbestätigte Meldungen aus unsicheren Quellen – die sich hinterher als falsch erweisen.

Während der jüngsten G20-Demonstrationen in Hamburg zeigt Bild.de das Foto eines Demonstranten, das es untertitelte: „Ein Chaot wirft einem Polizisten einen Böller direkt ins Gesicht, kann danach fliehen. Nach Bild-Informationen könnte der Beamte sein Augenlicht verlieren.“ Das entpuppte sich als Falschmeldung sowohl in Bezug auf die Verletzung als auch auf die gezeigte Person, wie die Polizei später klarstellte. So etwas untergräbt das Vertrauen in die klassischen Medien: Wasser auf die Mühlen der „Lügenpresse“-Fraktion.

Normale Social-Media-Nutzer, die Fake News verbreiten, sind nicht dazu verpflichtet, eine Richtigstellung zu veröffentlichen. Eine Richtigstellung läuft einer Fake News ohnehin immer hinterher und wird in aller Regel weniger Beachtung finden als die Lüge – „das Thema ist durch“. Zudem machen viele Richtigstellungen den Fehler, die falsche Nachricht noch mal zu zitieren. Das verankert diese aber wieder in den Köpfen der Betrachter – siehe dazu den Artikel auf Seite 78.

Manche Verbreiter von Fake News scheinen sogar, wenn sie von dem Fehler erfahren, an der Falschnachricht festzuhalten, sofern sie zur eigenen Weltsicht passt. Ingrid Brodnig beginnt ihr Buch „Lügen im Netz“ über Fake News mit einer Userin, die die Falschnachricht „Merkel hofft auf 12 Millionen Einwanderer“ geteilt hat [1]. Von Brodnig auf die Falschmeldung angesprochen, sagte sie: „Auch wenn es jetzt momentan nicht gestimmt hat, ist es doch eine Meldung, die passieren kann.“

Faker-Vielfalt

Keines der beschriebenen Phänomene kann das Fake-News-Phänomen alleine erklären. Vielmehr wirken sie alle zusammen und verstärken sich wechselseitig. Was den Umgang mit Fake News noch weiter erschwert, sind die verschiedenen Quellen und Verbreiter von Lügenmeldungen sowie die unterschiedlichen Methoden, mit denen sie arbeiten.

Da sind zunächst die Verstrahlten, die Esoteriker, die Verschwörungstheoretiker. Deren Nachrichten dürften wohl die meisten Facebook-Nutzer ebenso leicht einordnen können wie Satire vom Postillon. Den Deckmantel der „Satire“ machen sich aber auch andere Gruppierungen zunutze, oder sie distanzieren sich auf andere Weise von ihren eigenen Inhalten. So findet man mitunter unter ausländerfeindlichen Posts schon mal den Zusatz „lol, Spaß“ – oder auch „Satire“. Die Website politaia, auf der eine wilde Mischung an Fake News aller Art veröffentlicht wird, trägt einen Hinweis „Achtung #FakeNews“ in ihrem Banner.

Man kann ihn aber kaum erkennen, weil er zur Hälfte von der Navigation überdeckt wird. Und im Impressum steht: „Niemand soll blindlings glauben, dass das, was hier gepostet wird, die absolute Wahrheit ist. Jeder hat das Recht und die Pflicht, sich sein eigenes Bild der Realität zu machen.“ Aber wer sieht schon ins Impressum? Es ist ein typisches Muster dieser Form der „Satire“: Der Hinweis darauf, dass es sich nicht um seriöse Nachrichten handelt, ist wesentlich dezenter gestaltet als die „Nachricht“ selbst.

Einige Player produzieren Fake News nicht aus Überzeugung, sondern um Geld damit zu verdienen. So gab es während der US-Präsidentschaftswahl eine Gruppe von mazedonischen Hackern, die mit ihren Fake News Kasse gemacht haben. Sie veröffentlichten wilde, komplett erfundene Geschichten: Hillary Clinton sei in Wahrheit ein Mann, habe einen Hirnschaden oder wolle WikiLeaks-Gründer Julian Assange ermorden lassen.

Manche der Geschichten wurden viele hunderttausend Mal geklickt. Die Seiten enthielten Werbung, durch die die Betreiber pro Abruf ein paar Zehntel-Cents erhielten. Ein paar tausend Euro pro Monat sind so für einige der Hacker zusammengekommen – ein einträgliches Geschäft in einem Land, in dem der Durchschnittslohn gerade einmal ein paar Hundert Euro im Monat beträgt.

Ganz anders als die auf den Gewinn fokussierten Mazedonier verfolgen sogenannte hyperaktive radikale Kräfte politische Ziele. Als hyperaktiv bezeichnet man dabei Nutzer, die im Vergleich zu anderen Nutzern sehr viel liken, teilen und posten. In einem Interview mit bmbf.de sagte Professor Simon Hegelich, der das Phänomen an seinem Lehrstuhl für Political Data Science untersucht: „In Bezug auf die Flüchtlingsdebatte können wir […] empirisch belegen, dass sie durch hyperaktive Nutzer massiv verzerrt wird: Das heißt, flüchtlingskritische Inhalte werden systematisch geliked und es werden massenhaft Kommentare gegen Flüchtlinge auf Facebook gepostet – und zwar alle von einer kleinen Zahl von Nutzern.“

Hyperaktive versuchen offenbar, in großem Stil die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Der Mensch ist nun mal ein Herdentier, das sich an anderen orientiert. Der Begriff „Fake“ bekommt hier also noch eine weitere Bedeutung: Nicht nur die einzelnen Meldungen sind Fake. Auch das Bild von der allgemeinen Stimmung, das insgesamt vermittelt wird, ist falsch: ein Hack der öffentlichen Meinung.

Bei den hyperaktiven Accounts scheint es einen fließenden Übergang zu geben zwischen realen, menschlichen Nutzern und automatisierten Accounts, den sogenannten Social Bots. Bots verhalten sich dabei fast wie Menschen: Sie retweeten die Posts anderer (oft anderer Bots), sie folgen und liken einander und befreunden sich. Regelrechte Armeen solcher Programme sind offenbar in einigen Ländern bereits aktiv, so die Ergebnisse einer Studie der Universität Oxford. In Russland werden demnach schon 45 Prozent der Twitter-Aktivitäten „hochautomatisierten Konten“ zugeschrieben.

Reale Gefahr

Eine sich stark verändernde Medienlandschaft. Eine Bevölkerung, für die Social Media oft noch Neuland bedeutet. Player aus vielen verschiedenen Ecken, die das mit stark emotionalisierenden, falschen Nachrichten für ihre Zwecke auszunutzen versuchen: Macht das Fake News zu einer echten Bedrohung? Schließlich ist es doch durch die Meinungsfreiheit gedeckt, dummes Zeug zu verbreiten.

Viele Beobachter erwarten, dass Fake News auch bei der kommenden Bundestagswahl eine Rolle spielen werden. Der Bundeswahlleiter Dieter Sarreither etwa sieht eine reale Gefahr durch Fake News, mit denen Wähler manipuliert werden könnten. „Die Bürger und die Medien müssen in diesem Wahlkampf besonders sensibel auf Nachrichten reagieren. Sie müssen wissen, dass es Versuche gibt, sie zu manipulieren“, sagte Sarreither in einem Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Nach einer aktuellen Studie wurden im Vorfeld der französischen Wahl viele Twitter-Bots, die während der US-Präsidentenwahl die Alt-Right-Szene befeuerten, umfunktioniert, um über die sogenannten Macron-Leaks zu twittern. Emilio Ferrara von der University of Southern California hat die Studie verfasst. Er sieht seine Ergebnisse als Beleg für einen Markt, auf dem wiederverwendbare politische Fake-News-Bots vermietet werden. Nächste Station Deutschland?

Andere Beobachter winken ab – die Gesellschaft sei hierzulande nicht so deutlich in zwei starke Lager gespalten wie in den USA und in Frankreich bei den letzten Wahlen, so Kognitionspsychologe Christian Stöcker auf Spiegel Online. Bürger seien in Deutschland daher nicht so extrem in Echokammern verschlossen wie dort und weniger anfällig für Fake News, die das eigene Weltbild verstärken.

Auch Dr. Philipp Müller vom Institut für Publizistik in Mainz, der zur Wirkung journalistischer Medienangebote forscht, hält das Risiko für überschaubar. In einem Interview mit ard.de sagte er: „Wenn man sie strategisch geschickt nutzt, sind Fake News sicherlich ein Faktor im Wahlkampf, vor allem zur Mobilisierung von Unentschlossenen und Nichtwählern.“

Allerdings sieht er das Risiko, dass Fake News insgesamt eine Spaltung der Gesellschaft bewirken können: „Denn sie konstruieren ein alternatives Wahrheitsgebilde, durch das sich diejenigen bestätigt sehen, die sowieso schon ein gewisses Entfremdungsgefühl in sich tragen.“ Gleichzeitig könne man gegen Fake News schlecht argumentieren, weil sie immer auch Zweifel am Wahrheitsgehalt von Nachrichten etablierter Medien mit transportieren.

Abwehr auf allen Ebenen

Die gute Nachricht: Dass Fake News ein echtes Problem für Journalismus und Gesellschaft darstellen, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Und an vielen Stellen wird dagegengehalten. CDU, SPD, Grüne, Linke und AfD etwa haben angekündigt, im kommenden Bundestagswahlkampf keine Social Bots einzusetzen.

Etliche Medien haben verstanden, dass sie sich – und ihre Leser – wieder mehr auf gleiche Augenhöhe, in den Dialog bringen und gemeinsame Gesprächsgrundlagen schaffen müssen. Dazu haben sie journalistische Projekte gestartet, die Menschen aus ihren Filterblasen heraus und wieder zusammenbringen. Bei der Süddeutschen nennt sich das zum Beispiel „Democracy Lab“, bei der Zeit „Deutschland spricht“.

Zugleich haben die Medien den Kampf gegen die Faker aufgenommen – auch um wieder die Diskurshoheit zu erlangen. Die New York Times etwa veröffentlichte Ende Juni eine Liste mit allen Lügen Trumps seit seinem Amtsantritt. Die Faktenchecker etlicher Medien schließen sich weltweit zusammen, um gemeinsam Werkzeuge gegen Fake News bereitzustellen und gegen die Lügen an zu recherchieren.

Von Fake News Betroffene wehren sich, auch wenn das nicht immer hilft. So hatte Anas M. – der Syrer mit dem Merkel-Selfie – versucht, Facebook dazu verdonnern zu lassen, selbst nach Beiträgen mit falschen Behauptungen zu fahnden. Letztlich hatte er damit keinen Erfolg. Doch einem AfD-Politiker aus Nordrhein-Westfalen hat er es gerichtlich verbieten lassen, falsche Nachrichten über sich zu verbreiten. Auch das kürzlich beschlossene Netzdurchsetzungsgesetz soll Fake News eindämmen helfen.

Doch Fake News ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, auch für Sie. Das mag jetzt etwas hochgestochen klingen, aber es ist wichtig, dass jeder Demokrat den Lügen etwas entgegenhält, wo immer das möglich ist. Letztlich unterhöhlen die Faker die offene Diskussionskultur, von der unsere Gesellschaft nun mal lebt.

Es wäre fatal, wenn nur diejenigen den Diskurs bestimmen, die am lautesten schreien und die Facebook & Co. am geschicktesten für ihre Zwecke instrumentalisieren. Dann beherrschen am Ende „alternative Fakten“ die Diskusssion und nicht die realen.

Dieser und die folgenden Artikel sollen Ihnen helfen, Fake News zu verstehen und mit ihnen umzugehen. Der folgende Beitrag stellt die Arbeit von Faktencheckern vor. Im Artikel ab Seite 78 geht es darum, wie Sie Fake News erkennen und bekämpfen. Besonders gut kann man mit Statistiken lügen. Daher haben wir dem Thema ab Seite 82 einen eigenen Artikel gewidmet. (jo@ct.de)

Literatur
  1. [1] Ingrid Brodnig, Lügen im Netz, Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren, Brandstätter Verlag, ISBN978-3-7106-0160-6

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Infos zum Artikel

Kapitel
  1. Von Satire bis Propaganda
  2. Irreführen, verfälschen, erfinden
  3. Fake-Verstärker
  4. Wütende Menschen klicken viel
  5. Filterblasen und Echokammern
  6. Klicken ja – lesen nein
  7. Faker-Vielfalt
  8. Reale Gefahr
  9. Abwehr auf allen Ebenen
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