Editorial: Aus Schaden wird man reich

@ctmagazin | Editorial

"Spare in der Zeit, dann hast du in der Not", hieß es in der Ruhe der jungen Bundesrepublik bei einer stabilen D-Mark und festverzinslichen Bundesschatzbriefen. "Reich werden um jeden Preis" heißt es heute: Der Bitcoin-Hype facht die Gier von Glücksrittern an.

Die Schwierigkeit am Reichwerden ist, dass es selten durch ehrliche Arbeit klappt. Die Chancen stehen ungleich höher, wenn man anderen etwas wegnimmt. Stirbt der Thunfisch aus oder wird der Regenwald unwiederbringlich abgeholzt, ist das ein Resultat menschlicher Gier. Die Spekulation mit Bitcoins hat ähnliche Folgen.

Denn der Stromverbrauch des Bitcoin-Mining ist immens. Die Nachrichtenseite Digiconomist hat eine einzige Bitcoin-Transaktion mit 215 Kilowattstunden Strom berechnet, dem Jahresverbrauch eines Kühlschranks. Einer Studie zufolge entsprach der Stromverbrauch für Bitcoin-Mining im Jahr 2017 dem von 159 Ländern. Die Rechnung ist kaum überprüfbar; ihr Kern bleibt aber wahr: Bitcoin-Mining trägt in hohem Umfang zur Klima-Erwärmung bei.

Der Großteil davon findet in China statt, das seinen Energiebedarf aus fossilen Energien speist. Miner der Währung Ethereum haben Boeings des Typs 747 gechartert, um Grafikkarten an ihren Einsatzort zu fliegen. Wer sich solche Stunts leistet, betreibt höchstwahrscheinlich Geldwäsche, nicht Geldanlage.

Kurz vor der Finanzkrise im Jahr 2008 gingen Spekulanten jedes Risiko ein, um sich zu bereichern. Als die Banken wie Dominosteine umzufallen drohten, gaben sie die Verantwortung an die Allgemeinheit ab. Dass der Kapitalismus zu einem hohen Preis für unbeteiligte Bürger überlebt hat, rauschte durch das Kurzzeitgedächtnis der Allgemeinheit. Massenarbeitslosigkeit und Hungersnot wie 1929 blieben zum Glück aus; ein zweites 1933 gab es nicht.

Und doch: Die Krise hinterließ eine diffuse Unruhe, die Menschen auf den Bitcoin-Zug aufspringen lässt. Seit Anfang 2017 hat sich dessen Kurs verzehnfacht. Ebenso schnell kann er in sich zusammenstürzen. Der Raubbau an den Ressourcen geht derweil ungebremst weiter. Wenn die Menschen weiterhin solchen Hypes hinterherrennen, können sie bald mit Soylent Green statt mit Bitcoins spekulieren. Gier hat ihren Preis.

André Kramer André Kramer

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