Editorial: Achten Sie auf die - piep! - Stra - piep! - ße!

@ctmagazin | Editorial

Ablenkung durch elektronische Geräte im Auto verursacht mehr Unfälle als Alkohol am Steuer. So steht es in einer Untersuchung der Institute Mensch-Verkehr-Umwelt (MVU) und Makam Research, die Versicherer in Auftrag gaben. Im Geiste proste ich den Verfassern anerkennend zu: "Recht haben Sie!" Aber anders. Im Visier der Studie - und der Ordnungshüter - ist hauptsächlich das Smartphone, doch in Sachen Ablenkung hat mein Auto viel mehr drauf.

Wie neulich: Bei einer Heimfahrt vom Baumarkt liegen auf dem flachgelegten Beifahrersitz ein paar Bretter, ordentlich verzurrt. Etwa eine halbe Minute nach dem Losfahren leuchtet eine Lampe im Cockpit. Gleichzeitig gongt es rhythmisch. Das soll wohl den Holzwürmern in den Brettern ein schlechtes Gewissen machen, weil sie nicht angeschnallt sind. Beim nächsten Ampelstopp turne ich artistisch zum Gurt auf der Beifahrerseite hinüber, zerre ihn zu mir und stecke die Schließe ins Schloss, damit das Gebimmel aufhört. In der daraufhin einkehrenden Ruhe höre ich Hupen von Autos hinter mir. Grüner wirds nicht!

Etwas später klingelt mein Navi. Nicht das "Bimm", das einen erwartungsfrohen Blitzer signalisiert, sondern ein "Fumm". Was mag das bedeuten? Zu schnell bin ich nicht, dazu ist ein längerer Blick aufs Navi nötig, das - wer denkt sich so was aus? - tief in der Mittelkonsole installiert ist.

Dieses "Fumm" macht mich ganz kribbelig, vielleicht ist irgendetwas im Auto kaputt. Sollte ich das noch mal in der Bedienungsanleitung nachschlagen? Aber nein, nicht jetzt, ich muss ja fahren.

Nun brummt es und gleichzeitig flammt aufdringlich eine gelbe Leuchte beim Tacho auf. Das centstückgroße Piktogramm dekodiere ich bei genauerem Hinsehen als Spurassistent. Doch wieso glaubt der, dass ich von der Fahrbahn abgekommen bin? Ich lasse irritiert meinen Blick zum Fahrbahnrand und über alle Spiegel schweifen auf der Suche nach einer Erklärung für den falschen Alarm. Dabei verpasse ich meine Abfahrt.

Ein kirschgrün glimmendes Lämpchen in meinem Außenspiegel buhlt um meine Aufmerksamkeit und mein Blick wird abermals von der Fahrbahn weggezogen. Liebes Auto: Schön, dass du merkst, dass mich jemand überholt, aber mir bringt die Info nichts, weil ich selbst auf der rechten Spur bleiben will. Das könntest du ahnen, weil ich nicht blinke.

Dem unfallträchtigen Ablenkungspotenzial begegnen Gesetzgeber und Autohersteller sehr unterschiedlich. Während Smartphone-Bedienung vernünftigerweise stark reglementiert ist, bleiben die vom Autohersteller fest verbauten pseudointelligenten Aufmerksamkeitsdiebe im Wagen unbeanstandet.

In diesem Sinne: Prost, auf eine sichere Fahrt!

Michael Link Michael Link

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