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FritzOS 7: Erste Messungen und Testerfahrungen

Praxis & Tipps | Praxis

AVM hat die neue Hauptversion 7 seines Router-Betriebssystems FritzOS herausgebracht. Im c’t-Labor erfreute das kostenlose Update mit einer Vielzahl neuer Funktionen und deutlich mehr Leistung bei NAS-Zugriffen. Doch streng genommen ist FritzOS 7 noch nicht mal ganz fertig.

Mit dem neuen FritzOS 7 hat AVM sein Router-Betriebssystem grundlegend renoviert. Insgesamt 77 Neuerungen und Verbesserungen in den Bereichen WLAN, Mesh, Smart Home, Telefonie und Internet führt der Hersteller auf. Als erste haben das Update die Fritzbox-Modelle 7590 und 7580 erhalten; installierte Router sollten nun im Menü darauf hinweisen, dass es erhältlich ist. Falls nicht, können Sie es von AVMs Server herunterladen (siehe ct.de/ymzt). Den aktuellen Entwicklungsstand wollen die Berliner wie üblich schrittweise für weitere Produkte nachreichen.

Wir haben die wichtigsten Verbesserungen auf einer Fritzbox 7590 unter die Lupe genommen: Optisch auffällig ist die weiter vereinheitlichte und vereinfachte Netzwerkverwaltung: Die Fritzbox zeigt als grafische Heimnetzübersicht alle mit ihr verbundenen Geräte an. Gehören diese zur AVM-Familie, dann kann man zentral Firmware-Updates auf Repeatern, Powerline-WLAN-Adaptern und Fritz-Telefonen anstoßen.

Weil die Box nun im 5-GHz-Band im Hintergrund lauscht, kann sie schneller pflichtgemäß auf einen freien Kanal springen, wenn sie ein Radarsignal detektiert (Zero-DFS). Das HAN-FUN-Protokoll für Smart Home hat AVM erweitert, sodass die Box auch Sensoren und Aktoren anderer Hersteller ansprechen kann.

Eine dringend erwartete Optimierung betrifft den NAS-Zugriff auf USB-Speicher übers LAN: Dieser soll bei NTFS-formatierten Speichern deutlich schneller geworden sein. Wir haben an einer Fritzbox 7590 mit USB-3.0-SSD und per LAN gekoppeltem Windows-10-Notebook nachgemessen.

NAS-Beschleuniger

Mit FritzOS 6.92 schaffte die 7590 über eine Windows-Freigabe noch dürftige 26 MByte/s beim Lesen und 11 MByte/s beim Schreiben einer 1,2 GByte großen Datei. FritzOS 7 verdoppelt die Raten annähernd – nun sind es 53 MByte/s beim Lesen und 24 MByte/s beim Schreiben. Damit greift sie auf NTFS-Freigaben so schnell wie auf VFAT/FAT32-Freigaben zu. Bei Ext4-formatierten Freigaben ist die 7590 noch ein Quäntchen schneller. Unterm Strich erreicht sie nun das Niveau von 100-Euro-NAS-Gehäusen des Jahrgangs 2015. Aktuelle Einsteiger-NAS wie das DS218j sind schneller.

Auch im FritzOS 7 steckt der veraltete Samba-Server 3.0.37 vom Oktober 2009, der nur das anfällige und langsame SMB1 spricht. Netzwerkspeicher nutzen seit langem SMB2 und SMB3. Manche Windows-Versionen muss man nach der Installation erst dazu überreden, SMB1 zu nutzen. Falls Ihr Windows die Fritzbox nicht findet, geben Sie in der PowerShell ein: Enable-WindowsOptionalFeature .-Online -FeatureName smb1protocol.

Schon mit älteren FritzOS-Versionen liefen Fritzboxen auch als Mesh-WLAN-Repeater. Mit FritzOS 7 arbeiten sie parallel auch als Telefonie-Repeater, egal ob sie per LAN oder WLAN gekoppelt sind [1].

Dafür übernimmt eine Box von ihrem Mesh-Master nicht nur die WLAN-, sondern auch die Telefonie-Einstellungen. Sie reagiert dann auf dieselben Rufnummern wie die Hauptbox – das Fritzbox-Mesh wird zu einer verteilten Telefonanlage. Mit älteren FritzOS-Versionen lässt sich diese Funktion nur sehr umständlich konfigurieren.

Mit den IEEE-Spezifikationen 802.11k (Radio Management) und 11v (BSS Transition) hilft FritzOS kompatiblen Clients in Mesh-WLANs beim Zellenwechsel. FritzOS 7 zeigt an, welche Clients diese IEEE-Funktionen an Bord haben. Betreiber von Cafés, Restaurants oder Arztpraxen dürfte freuen, dass sie das Gastnetz auch als unverschlüsselten Hotspot einrichten können. Dazu kann man im FritzOS-Menü wie bisher eine Vorschaltseite gestalten und etwa Nutzungsbedingungen aufführen. Kunden sehen sie dann beim erstmaligen Anmelden im Browser.

Mit dem neuen Lets-Encrypt-Client kann sich die Box automatisch ein TLS-Zertifikat einer offiziellen Certificate Authority (CA) beschaffen. Das erspart lästige Sicherheitswarnungen des Browsers beim Fernzugriff auf die Box per HTTPS.

Was nicht auf dem Zettel steht

In seiner kompletten Liste der Verbesserungen nennt AVM auch noch diverse kosmetische Verbesserungen – Sie finden sie über ct.de/ymzt. Was der Hersteller dort aber nicht aufführt, sind die Verbesserungen, die nur dem Topmodell 6890 LTE zu Gute kommen werden. Es hat als einzige Fritzbox sowohl ein DSL- als auch ein Mobilfunkmodem an Bord. Damit ist es prädestiniert für kleine Arbeitsgruppen und Firmen.

Das Potenzial der beiden Modems schöpft die Box mit FritzOS 6.85 aber nicht aus. Man kann das Mobilfunkmodem entweder als alleinigen Internet-Zugang oder im Zusammenspiel mit DSL/WAN als Fallback nutzen. Das ist für Firmen immerhin nützlich, um Internet-Ausfallzeiten zu verkürzen.

Erst mit dem FritzOS 7 kann man die beiden Modems parallel betreiben. Dafür bringt das Update, das man anlässlich der IFA-Messe in Berlin erwarten kann, Funktionen zur Lastverteilung mit. Damit kann man dann beliebige Mobilfunk- oder Festnetzangebote, auch unterschiedlicher Anbieter, einzeln oder kombiniert nutzen. Hybrid-Tarife für geschlossene Systeme sind mangels offengelegter Schnittstellen der Anbieter ausgeschlossen (z. B. Viprinet oder Telekom MagentaZuhause Hybrid).

Einen Vorgeschmack auf das FritzOS 7 für die 6890 LTE gibt die Beta-Version 06.98-59138, die wir mit SIM-Karten von 1&1, O2 Telefonica und Telekom erfolgreich getestet haben. Die Fritzbox entscheidet bei Parallelbetrieb für jede Übertragung (Session), ob der Weg über LTE oder DSL genommen wird. Alternativ kann man den WAN-Port mit einem externen Modem für den Parallelbetrieb mit LTE nutzen. Auch kann man beim Parallelbetrieb entscheiden, über welchen Zugang die IP-Telefonie laufen darf, DSL, LTE oder über beide.

Näher besehen lässt die FritzOS-Beta aber auch Wünsche offen. Für viele Einstellungsänderungen muss die 6890 LTE neu starten, was ein, zwei Minuten dauert. Feste öffentliche IP-Adressen lassen sich auf den WAN-Anschlüssen nicht eintragen. DynDNS-Einträge kann man nicht separat für jeden Anschluss anlegen. Auf Anfrage führte AVM aus, dass die Box für DynDNS immer die primäre Verbindung nutzt. Bei Parallelbetrieb ist das immer DSL/WAN und andernfalls die gerade aktive Verbindung.

Schön: Man kann die zu nutzenden Frequenzbänder manuell wählen. Wenn man weiß, dass sich bestimmte SIM-Karten nur für bestimmte Bänder eignen, kann man die übrigen wegklicken und so die Netzsuche und das Einbuchen beschleunigen.

Die Box weist mit nur einer LED auf DSL- und LTE-Betrieb hin, sodass man nicht weiß, ob beide Anschlüsse funktionieren oder nur einer. AVM hält dagegen: Für das Fallback und den Parallelbetrieb sei primär wichtig, dass der Internetzugriff überhaupt funktioniert. Und weil diese Funktion „auf Selbstheilung ausgelegt“ sei, bedürfe es keiner Blinksignalisierungen.

Im Alltagsbetrieb gefiel die Laborversion dennoch insgesamt gut und macht Appetit auf die vollständige Anpassung an die 6890 LTE. Vom Parallelbetrieb sollte man aber keine Wunderdinge erwarten. Doch leider suggeriert AVM mehr, als die Box halten kann: „Bei Kombination von LTE und DSL können bis zu 600 MBit/s im Downstream erreicht werden“, schreibt der Hersteller im ChangeLog. Kombiniert man LTE mit einem externen Glasfasermodem, seien sogar noch „signifikant höhere Geschwindigkeiten“ zu erreichen.

Stimmt – aber nur, wenn man wie AVM die Aussage auf den gesamten WAN-Durchsatz der Box bezieht. Sie kann nämlich eine einzelne Übertragung nicht auf zwei Modems verteilen – bei reinen Load-Balancing-Routern wie der Fritzbox klappt das grundsätzlich nicht. Vom Parallelbetrieb dürften also vor allem kleine Firmen oder Büros in gut ausgebauten Gebieten profitieren, weil sich damit dieselbe Arbeitsgruppe nicht nur einen, sondern zwei schnelle Anschlüsse teilt.

Vollständige Leitungsbündelungen liefern bisher nur Sonderlösungen wie Telekoms Magenta Hybrid. Dabei gehen die Pakete über zwei oder mehr Leitungen zu einem VPN-Server im Internet und von dort mit dessen einziger IP-Adresse zum Ziel [2].

Fazit

FritzOS 7 dürfte den Fritzboxen Auftrieb geben. Die Feinarbeit am User-Interface und die zahlreichen neuen Funktionen machen sich in der Praxis bezahlt, ob beim NAS-Durchsatz oder der WLAN-Anwendung. Bei der Fritzbox 6890 LTE wird AVM demnächst sogar noch mehr draufsatteln – und damit mehr Interessenten aus dem geschäftlichen Umfeld ansprechen. (dz@ct.de)

Literatur
  1. [1] Ernst Ahlers, Neue Masche Nr. 7, Fritzbox: Was das neue FritzOS 7 bringt, c’t 14/2018, S. 22
  2. [2] Dušan Živadinović, Ernst Ahlers, Schnelles Doppel, Internet-Zugang mit dem Telekom Speedport Hybrid, c’t 7/2016, S. 150

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