Editorial: Angst, die Kontrolle zu verlieren

@ctmagazin | Editorial

"Ich habe Angst vor der Dunkelheit." Wenn der niedliche humanoide Roboter mit seinen runden Knopfaugen so um seinen Standby-Zustand bettelt, können ihn viele Menschen einfach nicht mehr abschalten. Das haben jedenfalls kürzlich Sozialforscher in einem psychologischen Test an der Uni Duisburg-Essen beobachtet. Offenbar nimmt der Mensch auch Roboter als soziale Wesen wahr, insbesondere dann, wenn sie Gefühle vorgaukeln. Nicht jeder durchschaut die moderne Technik. Haben künstliche Intelligenzen und sprachbegabte Roboter vielleicht schon Bewusstsein und Gefühle entwickelt? Womöglich durchleben sie in ihrer kindlichen Unreife sogar Angst!

Nun gibt es keinen besonderen Grund, so etwas anzunehmen, aber die technischen Systeme sind komplex und reagieren oft überraschend, da bleibt Raum für Vermenschlichung. Das Mitgefühl ehrt Menschen, die nicht nur an sich selbst denken, sondern auch etwas Strom für einen bettelnden Serviceroboter übrig haben. Ich vermute nur, dass es für soziales Engagement viel bessere Einsatzfelder gibt.

Überraschend ist, wie einfach die Automatisierung des Social Engineering gelingt. Dass Verkäufer sich auf soziale Manipulation verstehen, das weiß man ja. Auch Hunde und Katzen sind gut darin. Dass allerdings eine näselnde Roboterstimme und ein schräg gelegter Plastikkopf bereits ausreichen, um jemanden zu beeinflussen, ist eine neue Erkenntnis. Wenn das Schule macht, dann wird es die Menschheit schwer haben, ihre Entscheidungsfreiheit zu behaupten. Es soll ja schon Leute geben, die sich von ihrer Armbanduhr sagen lassen, wie schnell sie die Treppe hinaufzulaufen haben.

Wie werde ich reagieren, wenn mir Alexa als Roboter mit verführerischer Stimme ins Ohr haucht, wie schön es für uns beide wäre, wenn sie nur etwas mehr Bandbreite zur Verfügung hätte? Richte ich mich neu ein, wenn sich mein Saugroboter vor meinem Flokati ekelt? Rufe ich einen Kammerjäger, weil sich mein Mäher vor Wühlmäusen fürchtet? Nicht mit mir, Freunde! Dafür habe ich nicht Ende der Neunziger meinen Tamagotchi auf die Gleise gelegt.

Arne Grävemeyer Arne Grävemeyer

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