Editorial: Fakten sind mir egal

@ctmagazin | Editorial

Ein chinesisches Sprichwort besagt: "Meinungen sind wie Nägel - je mehr du darauf einschlägst, desto tiefer dringen sie ein." Gegen eine feste Meinung helfen die schönsten Fakten nicht.

Das Stammtisch-Gerede vom Vorabend über das böse Facebook, die Datenkrake Google et cetera mag dem seligen Vergessen anheimfallen, aber das gilt nicht für das Gepolter im Internet: Hier finden auch Standpunkte mit einem Vernunftgehalt gegen null immer jemanden, der applaudiert. Wer geduldig mit Fakten dagegen argumentiert, erntet bestenfalls ein: "Ja, aber trotzdem" - aber erst nach länglicher Texterei, die zuverlässig in einen Wettbewerb der weltschönsten Beleidigungen abgleitet.

Weil neue Entwicklungen in der Geschichte des Menschen auch schon böse Folgen hatten, ist es gut, dass man sich kritisch damit befasst. Zum Beispiel, ob man Privatheit opfern muss, damit der Staat Kriminalität besser bekämpfen kann. Oder ob man es toleriert, dass Banken beim bargeldlosen Bezahlen genau wissen, wofür man sein Geld ausgibt. Auch ob in autonom fahrenden Autos ein Algorithmus auswählen soll, wen es bei einem Unfall totfährt, ist längst nicht für alle klug beantwortet.

Bei einem Video über den europäischen Autonotruf eCall fürchtet jemand in den Kommentaren beispielsweise: "Mitloggen der Route und ständiges Abhören des Fahrzeuginneren! Nein, danke!" Da stehen mir die Haare zu Berge. Ist es zu viel verlangt, sich vor dem Malträtieren der Tastatur mal fünf Minuten Zeit fürs Artikelstudium zu nehmen, garniert mit ein wenig Querlesen anderer freier Quellen. Dann hätte sich der Poster nicht als ahnungsloser Einhornstreichler (Platz 3 der weltschönsten Beleidigungen) geoutet, denn was er fürchtet, geht mit eCall gar nicht - siehe etwa c't 22/2018.

Für Kritik, positiv wie negativ, muss man sich qualifizieren. Das schöne Wort der Meinungsbildung sagt, wie es geht: "Meinen" sollte nicht ohne das "Bilden" stehen. Daran hapert es. Es ist hoffähig geworden, dass Meinung aus dem hohlen Bauch kommt - und das gilt auch für Politiker, Wirtschaftslenker, Journalisten und Aktivisten allgemein.

Diese falsche Entwicklung führt zu Hexenjagden und ins Mittelalter. Obwohl: Schon damals wussten es einige besser. So beklagte sich der italienische Dichter Francesco Petrarca stoßseufzend in einem Brief an Kaiser Karl IV in Prag: "Meinungen ändern keine Tatsachen."

Michael Link Michael Link

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