Wait in Germany

@ctmagazin | Editorial

Eine ausländische Besuchergruppe dackelt artig ihrem Museumsleiter hinterher. Früher war die Firma hier ein Hort des "Made in Germany". Nach der Pleite Ende der 2010er wurde daraus ein Industriemuseum – längst nicht das einzige.

"Hier zur Linken sehen Sie einige der Computersysteme", sagt der Reiseleiter. Raunen. Ein älterer Herr schwärmt: "Hach, wie damals. Wie hieß es noch gleich?" "Windows NT", weiß einer. "Ja, da staunen Sie! Im Keller steht sogar noch eine alte AS/400. Für die flog die Firma Rentner aus dem Altenheim ein, weil nur die noch in COBOL programmieren konnten."

"Wieso ist die Firma eigentlich pleitegegangen?", fragt eine Besucherin. "Och, man kann sinngemäß sagen, dass die Eigner sich aufs Bäumefällen konzentrierten, aber das Schärfen der Axt vernachlässigt haben und die Entwicklung der Motorsäge abwegig fanden. Das Ende kam aber trotzdem plötzlich", doziert der Leiter weiter: "Eines Morgens kam ein Mitarbeiter zum Chef und sagte, dass sie sich einen Erpressungstrojaner gefangen haben. Auf den Computern lief noch dieses total veraltete Betriebssystem. Tja, und dafür gab es weder Sicherheits-Updates noch Signaturen fürs Antivirus-Programm."

Ein Besucher, schockiert: "Aber haben denn die Admins vorher keinen Alarm geschlagen?" Der Dozent: "Doch, doch, haben sie. Die Admins haben gewarnt, die Ingenieure, die Meister, alle. Aber die Eigner wollten mit Neuanschaffungen warten, solange der alte Kram noch ging. Wäre schlecht für die Quartalsabschlüsse gewesen. Die haben den Quatsch natürlich im Taschenrechner-Boy-Schönsprech einfach 'ressourcenschonende Tradition' genannt."

"Wieso haben die den Trojaner nicht in den Griff bekommen?", fragt einer. "Weil sie ihren zuvor outgesourcten Computer-Dienstleister nicht erreichten. Die Firma hatte nämlich auch versäumt, dass ihre ISDN-Anschlüsse an diesem Tag abgeschaltet wurden. Obwohl die Telekom denen schon monatelang deswegen in den Ohren lag. Die Firmenleitung wollte mit der Umstellung auf VoIP noch warten, weil das Consulting über weitere Einsparmöglichkeiten so teuer war." Ein Besucher mag es gar nicht glauben: "Hatten die denn keine Smartphones?" "Doch, aber die waren auf dem Firmengelände verboten und niemand wollte deswegen eine Abmahnung kassieren."

"Haha, so was könnte uns heute nicht passieren, als ob heute noch jemand so rückständig wäre. Lass uns mal ’nen Kaffee trinken. Da drüben ist ein Laden." Kaum drin, fragt einer: "Kann ich hier mit Apple Pay bezahlen?" Nein, geht nicht. "Und mit Fitbit Pay?" Nein, auch nicht. Dann entsteht hier wohl bald das Café-Museum "Wait in Germany".

Michael Link Michael Link

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